"Im Südsudan herrscht eine massive humanitären Notsituation"

Krankheiten, Hunger, Flucht

Dr. Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen Deutschland

Rede von Dr. Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen Deutschland zur Jahrespressekonferenz der Organisation 2011 in Berlin

Meine Damen und Herren,

am 9. Juli hat die Welt auf ein Land geblickt, das es sonst kaum in die Nachrichten schafft: Der Südsudan hat seine Unabhängigkeit erklärt. In der Hauptstadt in Juba und im ganzen Land haben die Südsudanesen den neuen Staat ausgelassen gefeiert - und auch unsere Mitarbeiter freuen sich über den hoffnungsvollen Neuanfang, wenngleich wir auch wissen, dass die Lage weiterhin ernst ist: Im Südsudan herrscht nach wie vor eine massive humanitäre Krise.

Vor einem Monat habe ich die Hauptstadt Juba und unser Projekt in der Stadt Malakal im Südsudan besucht, die nahe an der neuen Grenze liegt. Ärzte ohne Grenzen betreibt dort eine Klinik zur Behandlung der Tropenkrankheit Kala Azar, die seit Sommer 2009 in der Region wütet. Unsere Teams vor Ort haben zuletzt achtmal mehr Fälle dieser tückischen Infektionskrankheit festgestellt und fürchten, dass die Epidemie sich in der Regenzeit noch stärker ausbreitet.

Dazu kommt die Unsicherheit durch ständig wieder aufflammende Gewalt. Ich habe während meines Besuchs selbst erlebt, wie groß die Angst vor neuen Kämpfen ist. Kurz vor meiner Ankunft hatte es in der Region Unruhen gegeben und zahlreiche Vertriebene sind nach Malakal geströmt.

Hunderttausende Südsudanesen sind seit dem vergangenen Jahr vor Gewalt geflohen, etwa 260.000 Vertriebene leben im Land. Mit am schlimmsten betroffen sind die Menschen in der zwischen Nord- und Südsudan umstrittenen Region Abyei. Zehntausende sind im Mai panikartig vor Kämpfen und Bombardements geflohen. Unsere Mitarbeiter haben Tausende Vertriebene nachts auf der Landstraße nach Süden gesehen, vor allem Frauen und Kinder, mit wenigen Habseligkeiten auf dem Kopf. Manche saßen völlig erschöpft vom stundenlangen Fußmarsch auf Matten am Rand der Straße. Viele Kinder waren innerlich ausgetrocknet und abgemagert und mussten dringend mit Flüssigkeit und Nahrung versorgt werden. Unsere Mitarbeiter im Gebiet südlich von Abyei berichten noch immer, dass jeden Tag neue Vertriebene ankommen, völlig erschöpft und traumatisiert.

Das alles - Krankheiten, Hunger, Flucht - zeigt: Im Südsudan herrscht eine massive humanitären Notsituation. Drei Viertel der Bevölkerung haben noch nicht einmal Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung. Eine von sieben Frauen, die im Südsudan ein Kind erwarten, stirbt während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Malaria, Masern, Tuberkulose und verschiedene Tropenkrankheiten sind weit verbreitet. Besonders anfällig sind Kinder: Sie sind so selten geimpft wie kaum anderswo auf der Welt, aber viel häufiger mangelernährt. Die Ernährungssituation wird sich nun, in der Hungerzeit vor der Ernte, weiter verschärfen - wir rechnen angesichts von steigenden Lebensmittelpreisen, zahlreichen Vertriebenen und der unsicheren Lage mit deutlich mehr mangelernährten Kindern als im vergangenen Jahr.

In dieser Notsituation müssen die humanitären Grundbedürfnisse der Bevölkerung Priorität haben. Ich fordere deshalb die Regierung des Südsudan, aber auch die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, genügend Mittel für den Aufbau der Gesundheitsversorgung im jüngsten Staat der Welt bereitzustellen. Leider hat sich der Anteil des Gesundheitsbudgets am Gesamthaushalt des Südsudan in den vergangenen fünf Jahren halbiert.

Aber nicht nur im Südsudan sehen wir aktuell große Probleme - in den Ländern am Horn von Afrika beobachten wir im Moment eine deutliche Verschärfung der Ernährungssituation. Die Bundeskanzlerin befindet sich heute zu einem Besuch in Kenia. Viele der somalischen Flüchtlingskinder, die mit ihren Familien in Kenia ankommen, sind schwer mangelernährt und damit in akuter Lebensgefahr. Im Juni haben wir im Flüchtlingslager Dadaab, in dem mittlerweile mehr als 370.000 Menschen leben, dreimal so viele Kinder in unser Ernährungsprogramm aufnehmen müssen wie im Jahr zuvor. Auch in den Flüchtlingslagern in Äthiopien und in Somalia selbst weiten wir unsere Programme aus - aber wir stoßen an die Grenzen unserer Möglichkeiten. Deshalb ist es wichtig, dass andere Organisationen und die internationale Staatengemeinschaft den Kampf gegen die Ernährungskrise unterstützt.

Professionelle humanitäre Hilfe konzentriert sich immer auf die Menschen, deren Lage am prekärsten ist. Deshalb denken wir oft nur von Krise zu Krise, von Haiti zum Südsudan zum Beispiel. Das liegt auch daran, dass wir in den vier Jahrzehnten unserer Geschichte ständig mit Krisen zu tun hatten. In diesem Jahr wird Ärzte ohne Grenzen 40 Jahre alt. Wir möchten Sie deshalb jetzt schon einladen, um den Gründungstag am 21. Dezember herum mit uns auf viele außergewöhnliche Einsätze zurückzuschauen und über die Herausforderungen der humanitären Hilfe in der Zukunft nachzudenken. Einige Anregungen finden Sie zum Beispiel auf unserer Homepage. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Tankred Stöbe