aus der Sicht einer humanitären Organisation

Jahresrückblick 2011

Ärzte ohne Grenzen blickt zurück auf wichtige Ereignisse des vergangenen Jahres wie das Erdbeben in Japan, die Krise in Somalia und auch das 40jährige Bestehen der Organisation. Januar 2011 Haiti: Zwei Mädchen tragen im Lager von Ancho in Port-au-Prince Wasser zurück zum Zelt, in dem sie mit ihren Familien leben. Als Folge des verheerenden Erdbebens vom 12. Januar 2010 führte Ärzte ohne Grenzen den größten Nothilfe-Einsatz in der vierzigjährigen Geschichte der Organisation durch. Auch im Jahr nach dem Beben ist die medizinische Notsituation noch lange nicht vorüber – so ist beispielsweise die Cholera noch immer sehr verbreitet. Februar 2011 D.R. Kongo: Im anhaltenden Konflikt im Osten des Landes werden viele Menschen Opfer sexueller Gewalt. Zwischen dem 19. und 21. Januar wurden in Süd-Kivu 53 betroffene Frauen, Männer und Kinder von Ärzte ohne Grenzen behandelt. In dieser Größenordnung musste die Organisation in Süd-Kivu das letzte Mal im Jahr 2004 medizinische Hilfe leisten. Ärzte ohne Grenzen ist in einem bereits instabilen Kontext nun mit einer zunehmenden Verschlechterung der Lage konfrontiert, unter deren Folgen die Zivilbevölkerung leidet. März 2011 Japan: Unmittelbar nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke 8,9 und den darauf folgenden Tsunamis brechen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen vom Büro der Organisation in Tokio in den betroffenen Nordosten des Landes auf. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen konzentrieren sich auf die Behandlung der Bedürftigsten, vor allem älterer Menschen und kleiner Kinder. Im Bild: Das Minami Sanriku-Krankenhaus in der Präfektur Miyagi zehn Wochen nach der Katastrophe. April 2011 Libyen: Am 16. April 2011 evakuiert Ärzte ohne Grenzen zum zweiten Mal Kriegsverletzte aus dem libyschen Misrata per Schiff nach Zarzis in Tunesien. Der Einsatz ist der zweite dieser Art. Auch nach dem Ende des Krieges im Herbst diesen Jahres ist Hilfe dringend nötig: Teams von Ärzte ohne Grenzen leisten weiterhin medizinische Unterstützung für Migranten und Migrantinnen, Vertriebene und Gefangene in den Städte Tripolis und Misrata. Ein Schwerpunkt liegt zudem auf psychologischer Hilfe, die nach den vielen Monaten der Gewalt dringend nötig ist. Mai 2011 Elfenbeinküste: Eine Frau wäscht im Krankenhaus von Abobo-Süd ihren Mann. Er wurde bei Ausschreitungen verletzt und von Ärzte ohne Grenzen medizinisch versorgt. Seine Verletzungen waren jedoch so schwer, dass sein Bein amputiert werden musste. In dieser kleinen von Ärzte ohne Grenzen geführten Klinik mit einer Kapazität von zwölf Betten befanden sich zu diesem Zeitpunkt wegen der Unruhen im Land mehr als 130 Patienten. Juni 2011 Libyen/Tunesien u.a.: Im Lager von Chousha in Tunesien leben rund 4.000 Menschen – vor allem Afrikaner aus der Subsahara –, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können, weil dort die Lage teilweise zu gefährlich ist. Abdelmalik, 39, aus dem Sudan: „Ich weiß nicht, was ich tun soll und wie meine Zukunft aussehen wird. Ich kann nicht in mein Land zurückkehren, das wäre lebensgefährlich. Ich möchte einfach an einem Ort in Frieden leben können.“ Seit Februar 2011 haben die Teams für Menschen wie Abdelmalik in Tunesien und Italien mehr als 3.400 psychologische Beratungen durchgeführt. Juli 2011 Kenia/Somalia: Hunderttausende haben sich in Somalia nach einem weiteren Jahr Krieg und geringer humanitärer Hilfe innerhalb des Landes auf die Flucht gemacht oder sind auf der Suche nach Schutz und Nahrungsmitteln in Nachbarländer wie Kenia geflohen. Dort sammeln sich die Menschen in Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt. Es besteht aus den Camps Ifo, Hagadera und Dagahaley, die allesamt überfüllt sind. Ärzte ohne Grenzen leistet in Dadaab in großem Maßstab Hilfe. Im Bild: Dr. Luana Lima auf Visite im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im Lager Dagahaley. August 2011 Somalia: Die Kathedrale von Mogadischu liegt im Zentrum der Altstadt. Zwischen den Pfeilern des Gebäudes, das kein Dach mehr hat, finden Vertriebene Unterschlupf. Trotz aller Widrigkeiten, Sicherheitsprobleme und -einschränkungen gelingt es den Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen, Menschen in Somalia zu unterstützen. Die Teams konzentrieren sich u.a. auf die Behandlung von Mangelernährung in Galkayo, Jowhar, Guri El, Dinsor und Marere. In Mogadischu bekämpfen sie Masern und akute Mangelernährung. Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1981 in Somalia und die Projekte im Land werden über große Phasen hinweg ausschließlich von somalischen Kollegen durchgeführt. September 2011 Indien: Eine Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen hilft einer Patientin, die an multiresistenter Tuberkulose leidet. Die medikamentöse Behandlung dauert sehr lange und ist mit äußerst starken Nebenwirkungen verbunden. Ärzte ohne Grenzen betreibt seit Februar 2006 eine Klinik in Mumbai, die sich vor allem um HIV-positive und mit Tuberkulose infizierte Menschen kümmert, die aus sozialen Gründen nicht vom öffentlichen Gesundheitssystem betreut werden. Oktober 2011Sudan: Im Jahr 2011 wird der Südsudan unabhängig. Doch bereits im Vorfeld der mit viel Hoffnung verbundenen Feierlichkeiten im Juli kommt es zu Kämpfen und Vertreibungen: So flüchten beispielsweise in der zwischen Nord- und Südsudan umstrittenen Grenzregion Abyei bereits Mitte Mai 100.000 Menschen vor Kämpfen. Mitte November fliehen erneut Tausende aus dem Sudan vor Kämpfen über die Grenze in den neuen Staat Südsudan. Ärzte ohne Grenzen unterstützt sie mit medizinischer Hilfe. November 2011 Simbabwe: Der vier Monate alte Patience Tafirenyika wird in einem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen geboren. Seine Mutter war dort im Rahmen des Programms zur Verhinderung der Übertragung von HIV von der Mutter auf das Kind betreut worden. Insgesamt entwickelt sich das Jahr 2011 leider zu einem Jahr mit Rückschritten bei der Vorbeugung und Behandlung von HIV: Ärzte ohne Grenzen warnt im Vorfeld des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember davor, dass die Finanznot beim wichtigsten Finanzierungsinstrument, dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, schwerwiegende Auswirkungen auf Millionen HIV-Patienten haben wird. Dezember 2011 Vor 40 Jahren, im Dezember 1971, wurde Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen von zwölf Ärzten und Journalisten gegründet. Sie wollten unabhängig von politischen Zwängen, neutral und unparteiisch das Recht aller Menschen auf medizinische Hilfe umsetzen. Die Organisation wächst kontinuierlich, hat Sektionen in 19 Ländern und ist heute in rund 60 Ländern aktiv.