aus der Sicht einer humanitären Organisation

Jahresrückblick 2010

Schwere Naturkatastrophen in Haiti und Pakistan, Ernährungskrise in Niger, gewaltsame Konflikte in Kirgisistan, massive Ausbrüche der Masern in Malawi und der Cholera in Haiti, sowie der weltweite Kampf gegen Krankheiten wie Malaria und HIV/Aids - dies ist ein kleiner Auszug aus den humanitären Krisen, die die Teams von Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2010 beschäftigten. Eine Fotoreportage in zwölf Bildern, die stellvertretend für die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in den vergangenen zwölf Monaten stehen.
Ein schweres Erdbeben der Stärke 7 erschüttert am 12. Januar den Karibikstaat Haiti, zerstört einen Großteil der Hauptstadt Port-au-Prince und verursacht enormes Leid. Teams von Ärzte ohne Grenzen versorgen schon innerhalb der ersten Stunden in provisorischen Zeltkliniken Hunderte Verletzte. Weitere Einsatzkräfte und Hilfsgüter werden sofort nach dem Beben nach Haiti entsandt. Nach der ersten Phase unmittelbarer, lebensrettender Nothilfe werden Tausende Menschen mit operativer Nachsorge, Rehabilitations-Maßnahmen, Physiotherapie und psychologische Betreuung versorgt.

Die Lage für somalische Flüchtlinge ist besorgniserregend. Jeden Monat fliehen Tausende Menschen aus Somalia ins benachbarte Kenia und suchen in den Flüchtlingslagern von Dadaab Schutz und Unterkunft. Die drei Lager zählen zu den größten weltweit und sind völlig überfüllt. Ärzte ohne Grenzen leistet in Dadaab seit Februar 2009 medizinische Hilfe. Auch wenn seit Aufnahme der Arbeit erste Verbesserungen in den Lagern zu erkennen sind, ist die Situation weiterhin dramatisch und die Flüchtlinge haben nicht mehr als sie zum reinen Überleben brauchen.

In Burundi führt der starke Anstieg von Malaria-Neuinfektionen zu einer akuten Notsituation. 16 mobile Kliniken von Ärzte ohne Grenzen sind in weiten Teilen des Landes unterwegs - dadurch werden mehr als 32.000 Menschen untersucht. Über 70 Prozent von ihnen sind an Malaria erkrankt. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen kämpfen gemeinsam mit den burundischen Behörden gegen die weitere Ausbreitung der Krankheit, indem sie einerseits Patienten behandeln und andererseits Moskitonetze verteilen, um Neuinfektionen zu verhindern.

Seit Februar 2010 ist Malawi von der größten Masernepidemie seit 13 Jahren betroffen. Zusammen mit den Gesundheitsbehörden des Landes behandeln Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen die Betroffenen und führen Impfungen für mehr als 2,5 Millionen Kinder durch. Masern gehören weltweit zu den häufigsten Ursachen von Todesfällen unter Kindern und Erwachsenen. Die Krankheit kann schwerwiegende Nebenwirkungen haben und das Risiko erhöhen, an Mangelernährung zu erkranken.

Ärzte ohne Grenzen erzielt in Kolumbien erste Erfolge bei der Behandlung der tödlichen Krankheit Chagas in einem Konfliktgebiet. Chagas tritt vor allem in Lateinamerika auf und wird vom Parasiten Trypanosoma Cruzi verursacht. Die Region Arauca in Kolumbien gehört zu den am meisten betroffenen Gebieten. Menschen, die an Chagas erkranken, bleiben oft Jahre ohne Symptome. Doch wenn die Krankheit unbehandelt bleibt, kann sie zu ernsthaften Problemen wie Herz- und Darmkomplikationen führen und auch tödlich enden.

Im Süden Kirgisistans kommt es zu schweren, gewalttätigen Ausschreitungen. Mindestens 170 Menschen werden dabei getötet und viele Hunderte verletzt. Tausende Menschen sind auf der Flucht und werden von Ärzte ohne Grenzen sowohl im Land selbst, als auch im benachbarten Usbekistan - wo viele Flüchtlinge Schutz suchen - versorgt. Noch Wochen nach den schweren Ausschreitungen behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen täglich Gewaltopfer.

Bei der 18. Internationalen Aidskonferenz in Wien präsentiert Ärzte ohne Grenzen mehr als 30 wissenschaftliche Arbeiten und kann damit wieder einmal die Vorreiterrolle der Organisation im Bereich innovativer Behandlung von HIV/Aids in ärmeren Ländern unter Beweis stellen. Außerdem finden rund um das Thema HIV/Aids viele Veranstaltungen statt, etwa im öffentlich zugänglichen "Global Village" der Aidskonferenz oder auch auf dem Ärzte ohne Grenzen "Beach" am Wiener Donaukanal. Ärzte ohne Grenzen warnt außerdem die Geberländer vor dem Rückzug im Kampf gegen HIV/Aids.

Schwere Regenfälle haben im Nordwesten Pakistans zu massiven Zerstörungen von Häusern und Infrastruktur geführt. Hunderttausende Menschen sind von den schweren Überschwemmungen betroffen. Teams von Ärzte ohne Grenzen helfen an mehr als einem Dutzend Orten landesweit. Neben der medizinischen Notversorgung konzentrieren sich die Mitarbeiter auf die Verteilung von sauberem Wasser und Hygiene-Artikeln. Außerdem versuchen sie die Menschen in abgelegenen Gegenden zu erreichen, die bis dahin keinerlei Hilfe bekommen haben.

Das Ausmaß der jährlich wiederkehrenden Nahrungskrise in Niger ist in diesem Jahr besonders besorgniserregend. Ärzte ohne Grenzen hat gemeinsam mit lokalen Partnern seit Jahresbeginn bereits mehr als 77.000 schwer mangelernährte Kinder in 69 Ernährungszentren behandelt. Seit Juli haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter außerdem Nahrungsergänzungsmittel an mehr als 143.000 Kleinkinder verteilt, um sie vor Mangelernährung zu schützen. Um der immer wiederkehrenden Nahrungskrise zu begegnen, die ihren Höhepunkt von Mai bis September hat, ist Prävention unverzichtbar.

Nach einer langen Dürreperiode befindet sich das zentralafrikanische Land Tschad in einer gleich dreifachen Notlage. Der Dürre folgten sintflutartige Regenfälle, die zu Überschwemmungen führen und die Ernte vernichten. Manche Dörfer sind von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Viele Menschen leiden an Mangelernährung und haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Zwischen Juni und September 2010 waren in zwölf Distrikten des Landes mehr als 2.400 Cholerafälle zu verzeichnen - vor allem im Westen und in Zentraltschad. 109 Menschen sind bereits an der Krankheit gestorben.

Nach dem zu Jahresbeginn ein schweres Erdbeben den Karibikstaat Haiti erschüttert hat, bricht nun im Oktober in Teilen des Landes die Cholera aus. Ärzte ohne Grenzen leistet unverzüglich Nothilfe und baut die Behandlungskapazitäten im November stark aus: Bis zum Ende dieses Monats behandeln sie 41.000 Menschen gegen Cholera und Cholera ähnliche Symptome. Die Isolation von Verdachtsfällen, Hygieneaufklärung und Bereitstellung von Seife und sauberem Trinkwasser sind die Schlüssel zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung der Cholera.

Mehr als 80 Prozent der Medikamente, die Ärzte ohne Grenzen in ärmeren Ländern zur Behandlung von HIV/Aids verwendet, werden in Indien produziert. Nun will die Europäische Kommission den Hahn zudrehen und greift die Produktion, die Zulassung, den Transport und Export von Generika an. Doch Millionen Menschen in den Ländern des Südens sind in ihrem Überleben auf diese Medikamente angewiesen. Mit der globalen Kampagne "Europa - Hände weg von unseren Medikamenten" kämpft Ärzte ohne Grenzen gegen diesen Vorstoß der EU-Kommission.