"Helfen wir oder stärken wir die Machthaber?"

Interview mit Fabrice Weissman

Als Mitarbeiter des Centre de Réflexion sur l'Action et les Savoirs Humanitaires (CRASH) hat Fabrice Weissman kürzlich das Buch "Humanitarian Negotiations Revealed - The MSF Experience" mit herausgegeben. Das Zentrum analysiert im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen die Konsequenzen der Arbeit von Hilfsorganisationen. Thomas Seifert von der österreichischen Zeitung "Die Presse" hat mit ihm gesprochen.

Die Presse: In manchen Fällen hilft „Ärzte ohne Grenzen“ sozusagen anonym. Die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, dass „Ärzte ohne Grenzen“ in einem bestimmten Land, bei einem bestimmten Konflikt aktiv ist. Warum macht eine Hilfsorganisation, die von öffentlicher Wahrnehmung, von Spenden lebt, so etwas?

Fabrice Weissman: In bestimmten Situationen haben wir keine andere Möglichkeit, als unsere Mission sehr diskret – sagen wir klandestin – auszuführen. Das war etwa in Tschetschenien der Fall und das ist heute in Syrien so. Dort können wir nicht offen operieren, weil wir damit unsere Mission gefährden würden. In bestimmten Fällen stehen die Machthaber unserer Arbeit feindselig gegenüber. In Somalia halten wir uns sehr zurück, da unsere Mitarbeiter eben erheblichen Gefahren ausgesetzt sind.

Sie sprechen im Buch „Humanitarian Negotiations Revealed“ offen Probleme an, mit denen humanitäre Organisationen konfrontiert sind: Sie verhandeln mit Diktatoren und Kriegsverbrechern, schütteln ihnen die Hände, und manchmal gelangen Gelder und Ressourcen an Kriegsparteien – etwa in Somalia.

Hilfsorganisationen operieren nicht in einem politischen Vakuum: Um unsere Ressourcen einsetzen zu können, müssen wir mit Regierungen, mit oppositionellen Kräften, mit Armeen und Milizen, mit Gangs und bewaffneten Banden verhandeln. Daher müssen wir stets einen Kompromiss zwischen dem, was wir tun wollen und dem, was die Behörden uns zu tun erlauben, finden. Wir könnten natürlich den Mythos von Ärzten pflegen, die im Namen universeller Werte Grenzen überwinden, um anderen Menschen zu helfen, und die sich von der Politik fernhalten können, weil sie hehre Ziele verfolgen. Aber wir wollen niemandem Märchen auftischen: Die Realität ist ein wenig komplizierter, da gibt es Kompromisse, und Sachzwänge. Natürlich haben Mitarbeiter von Hilfsorganisationen Menschen die Hände geschüttelt, die für verabscheuungswürdige Taten verantwortlich waren. Die Frage, die wir uns ständig stellen: Welche Kompromisse müssen wir eingehen? Was können wir im Gegenzug dafür erreichen? Wirklichkeit ist die Kunst des Machbaren.

Wie sieht eine solche Güterabwägung aus?

MSF stellt sich bei Konflikten wie in Sri Lanka, Afghanistan oder im Sudan immer die Frage: Können wir tatsächlich den Bedürftigen zur Seite stehen oder stärken wir mit unserer Hilfsmission nicht jene Machthaber, die am Leid der Zivilbevölkerung Schuld tragen?

Hilfsorganisationen stehen in Zeiten der humanitären Intervention bei manchen Konfliktparteien ohnehin unter Kollaborationsverdacht.

In Afghanistan, im Irak, in Libyen und anderswo werden wir immer wieder verdächtigt, eine versteckte Agenda zu haben, manchmal werden wir als Helfer eines Neokolonialismus verleumdet. Damit solche Missverständnisse gar nicht erst aufkommen, ergibt es Sinn, ganz klar zu sagen, wofür wir kämpfen.

Somalia, wo „Ärzte ohne Grenzen“ eben den Verlust von zwei Mitarbeitern zu beklagen hatte...

...ist ein besonders gefährliches, schwieriges Terrain. Die Sicherheitslage ist äußerst angespannt, aber es gibt auch viele andere Probleme. Dort werden etwa von allen Seiten Steuern eingehoben: von der Regierung und den mit der Regierung alliierten Kräften und von verschiedenen Milizen. Es ist unsere Politik, in Somalia keine direkten Steuern an diese Gruppierungen abzuführen, aber wir wissen, dass diese Kräfte die Einkommen unserer Mitarbeiter mit fünf Prozent besteuern. Wir müssen das in Somalia akzeptieren.

Im Kosovo-Konflikt oder in Afghanistan wurde die enge Zusammenarbeit zwischen humanitären Organisationen und dem Militär kritisiert.

Wir sind im Prinzip nicht dagegen, dass Armeen bei Hilfsoperationen aktiv sind. Schließlich liegt die Verantwortung für das Wohlergehen der Zivilbevölkerung bei den Konfliktparteien. Es wäre doch absurd, die Position zu vertreten, dass die Konfliktparteien sich auf das gegenseitige Abschlachten beschränken sollen! Freilich gibt es aber bestimmte Fälle, bei denen die Hilfe in einem komplett demilitarisierten Umfeld erfolgen soll. In Afghanistan ist die Lage leider so, dass eine Klinik, die in Zusammenarbeit mit einem sogenannten PRT – einem Wiederaufbauteam der Nato – geführt wird, zur Zielscheibe für die oppositionellen Kräfte (gemeint sind die Taliban, Anm.) wird. Daher ist es am besten, der Bevölkerung Gesundheitsversorgung anzubieten, die in keinem Zusammenhang mit der Aufstandsbekämpfung steht.

Mit welchen Herausforderungen werden die Hilfsorganisationen in Zukunft konfrontiert sein?

Immer mehr Regierungen mischen sich in die Operationen von Hilfsorganisationen ein. Ich finde, dass das eine gar nicht so schlechte Nachricht ist: Haben wir nicht stets beklagt, dass wir mit unserer Arbeit nicht zu einem Ersatz für die staatliche Hilfe werden wollen? Manche Regierungen profitieren freilich von den Machtverschiebungen auf der internationalen Bühne. Sie können sich heute auf Unterstützung von Ländern wie China oder Indien verlassen. So können diese Länder Druck von NGOs oder den UN besser standhalten. Es wird darauf zu achten sein, als Hilfsorganisation nicht zum passiven Instrument eines Regimes zu werden.

Erschienen am 30.12.2011 auf www.diepresse.com