Pakistan

"Im Kontakt zu den vertriebenen Menschen fühle ich, warum ich hier bin" - Brief aus dem Projekt

Vertriebene in Peshawar: besonders die Frauen leiden unter der Situation.

Hier fühlt es sich anders an. Ich bin um die halbe Welt gereist, habe in Somalia, Äthiopien und im Sudan gearbeitet. Bisher ist es mir immer leicht gefallen, mich anzupassen. Aber hier in Pakistan brauche ich eine Weile, bis ich mich an Regeln, Sitten und Gebräuche gewöhne. Ich versuche hier meinen Platz zu finden und unsere Arbeit voranzubringen.

Ich bin in Peshawar in einem kleinen Projekt, zusammen mit dem Projektkoordinator Eymeric aus Frankreich. Vor etwa einem halben Jahr hat Ärzte ohne Grenzen hier die Trinkwasserversorgung und die Sanitäranlagen in einem Vertriebenenlager aufgebaut, nun haben wir auch medizinische Aktivitäten gestartet.

Doch seitdem wird die Situation in Pakistan immer schlimmer, mehr als anderthalb Millionen Vertriebene sind unterwegs. Die Zustände sind chaotisch und es ist schwierig, einen Überblick zu wahren.

Immer mehr vertriebene Familien entscheiden sich, statt in den Vertriebenenlagern bei Familienangehörigen oder in leer stehenden Häusern unterzukommen. Der Kultur dieses Landes entsprechend nimmt die oftmals arme Bevölkerung sie gastfreundlich auf, sorgt für Essen und Unterkunft und übernimmt sogar die Kosten für Gesundheitsbetreuung. Die Patientenzahlen in den staatlichen Gesundheitsposten steigen, die Medikamente reichen oft nicht aus, darauf ist man nicht vorbereitet. Mit mobilen Teams wollen wir die Gastfamilien und die Gesundheitsposten unterstützen, indem wir die Betreuung von Vertriebenen übernehmen und sie mit kostenlosen Konsultationen und Medikamenten versorgen.

Zwei Außenstellen betreuen wir bereits, zwei weitere werden morgen eröffnet. Wir bemühen uns sehr darum, sowohl Ärzte als auch Ärztinnen in unserem Team zu haben, um Patientinnen behandeln zu können und zum Beispiel die Schwangerschaftsvorsorge zu gewährleisten.

Wir behandeln Hautkrankheiten und Lungenentzündungen, Wunden, Durchfälle und Mangelernährung. Betrachtet man die Statistiken von unseren Konsultationen findet man "allgemeine Körperschmerzen" an erster Stelle. Das bringt uns zum Grübeln. Es erscheint uns als ein körperlicher Ausdruck für all die traumatisierenden Ereignisse, die unsere Patienten erfahren mussten.

Oft fahre ich mit in die Dörfer. Sobald ich den Compound verlasse, trage ich einen Schleier vor meinem Gesicht. Das ist zur Gewohnheit geworden. Wir versuchen uns den lokalen Kulturen der Communities, in denen wir arbeiten, anzupassen. So können wir der Bevölkerung nahe sein und sie bestmöglich unterstützen.

Der Kontakt zu den vertriebenen Menschen öffnet mir die Augen, er gibt meiner Arbeit einen Sinn und lässt mich fühlen, warum ich hier bin. Sie lachen über meine kläglichen Versuche, Pashto mit ihnen zu sprechen und erzählen mir mit ihren Augen und Worten von Erlebnissen, die mir Gänsehaut verursachen.

Viele von ihnen sind ums nackte Überleben gerannt, manche haben auf der hastigen Flucht ihre Kinder verloren, wer den hohen Preis für einen Transport mit dem Auto nicht bezahlen kann, musste zu Fuß laufen, um die umkämpften Gebiete zu verlassen.

Eine Patientin erzählt mir ihre Geschichte, die vielen anderen gleicht. Tränen laufen unaufhörlich, trotzdem spricht sie weiter. Sie sei Tage gelaufen, um aus den Bergen zu flüchten, ihre Füße sind blutig. Ab und zu gelingt es ihr, per Telefon Kontakt zu ihren Verwandten aufzunehmen. Menschen sind gestorben in den Gefechten, sagt sie, keiner hat sie beerdigt. Man soll erfahren, was hier in diesem Land passiert.

 

Anja Braune