Syrien

Im Exil geboren - Patienten von Ärzte ohne Grenzen berichten (Fortsetzung)

Hassan Nasser und seine Familie in Istanbul

Den syrischen Kriegsflüchtling Hassan Nasser haben wir vor einigen Monaten im dritten Teil unserer Serie "Syrische Patienten von Ärzte ohne Grenzen berichten" vorgestellt. Die Wohnung, in der sie im Mai zu fünft lebten, teilen sich  inzwischen 13 Menschen. Hassans Familie geht das Geld aus und auch seine verletzungsbedingten Schmerzen werden nicht besser. Nicht nur, dass die in Syrien zurückgebiliebenen Angehörigen das neugeborene Kind noch nicht sehen konnten, macht ihn traurig. Zukunftspläne hat er angesichts der Situation keine.

Zein al sham wurde am 25. Juni 2013 in Istanbul geboren. Ihre Eltern sind syrische Flüchtlinge. "Als sie zur Welt kam, sagte man uns, wir müssten das syrische Konsulat aufsuchen, damit sie einen Pass erhält. Im Konsulat erklärte man uns, dass wir sechs Monate warten müssten und der Pass 300 Euro kosten würde. So viel Geld haben wir aber nicht", erzählt Hassan Nasser, der Vater der Kleinen. Der syrische Pass ist Grundvoraussetzung für eine türkische Aufenthaltsbewilligung. Bis jetzt hat das kleine Mädchen weder das eine noch das andere.

Hassans Situation hat sich innerhalb eines halben Jahres verändert. Im Mai lebte er noch mit seiner Frau und den drei Kindern in einer Kellerwohnung. Mittlerweile wirkt die Wohnung kleiner und düsterer, weil sich nun 13 Personen die Räume teilen. Im Sommer zogen ein Cousin und dessen Familie bei ihnen ein, nachdem diese aus Ägypten geflohen waren, weil die Sicherheitskräfte bei ihnen eingebrochen waren. "Wir haben nicht genügend finanzielle Mittel. Gestern musste ich einen Syrer aus der Nachbarschaft um Geld bitten. Es ist ein Darlehen, ich muss es ihm zurückzahlen", seufzt er.

Familie kann die Miete nicht bezahlen

Die Familie kann die Miete nicht bezahlen. Hassan kann nicht arbeiten, hauptsächlich wegen seiner Rückenverletzung, die er sich zuzog, als er 2011 auf der Flucht vor den syrischen Sicherheitskräften aus dem dritten Stockwerk sprang. Er fand in der Türkei Zuflucht, wo er bei einem spezialisierten Projekt psychologische Hilfe erhielt, das von Ärzte ohne Grenzen und der türkischen NGO Helsinki Citizens' Assembly (HCA) unterstützt wird. Er sucht nun regelmäßig ein Krankenhaus in seiner Nachbarschaft auf, wo man Tests macht, um herauszufinden, ob er wegen seiner Verletzung am Rücken eine Operation braucht. Die Wartezeit geht weiter, und Hassan hat immer noch Mühe zu gehen.

Hassan ist betrübt und gibt an, keine Zukunftspläne zu haben. Seine Probleme häufen sich in der Kellerwohnung, und seine Schmerzen hören nicht auf. Am liebsten flüchtet er sich in Nostalgie. "Ich sehe jeden Tag fern, um zu erfahren, was in Syrien passiert", sagt er. Hassan spricht häufig via Skype mit seiner Mutter, die noch in Syrien ist. Sie hat ihre Enkelin Zein al sham bisher nur auf dem Computerbildschirm gesehen.

Ein Leben voller Sorgen

"Es macht mich traurig, dass meine Brüder und meine Mutter immer nach dem Baby fragen und es bisher noch nicht in Wirklichkeit sehen konnten", klagt Hassan. Die Bomben machen die Hoffnungen der Familie, nach Hause kehren zu können, zunichte. In ein anderes Land zu ziehen, scheint derzeit keine realisierbare Lösung. So stellen sie sich auf ein Leben voller Sorgen in Istanbul ein.

"Ich bin traurig", sagt Hassan, während er sein neugeborenes Baby betrachtet. "Aber selbst, wenn wir irgendeinmal die türkische Nationalität erlangen, würden wir nie die syrische aufgeben. Denn das ist unsere Heimat."

In der Türkei unterstützt Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit der lokalen NGO Helsinki Citizens' Assembly (HCA) eine Klinik, in der monatlich im Schnitt 170 Konsultationen durchgeführt werden, sowie in der Stadt Kilis ein Projekt für psychologische Hilfe für syrische Flüchtlinge.