Äthiopien

"Ich hatte viel Respekt vor den kleinen Kinderkörpern" - Brief aus dem Projekt

Vier Monate lang bin ich jetzt bereits in Dege Bur in der Region Somali in Äthiopien. Ich bin eine von zwei Ärztinnen im Projekt von Ärzte ohne Grenzen. Wir unterstützen hier das einzig existierende Krankenhaus inklusive eines Ernährungszentrums für mangelernährte Kinder. Außerdem bringen wir mit mobilen Kliniken medizinische Basisversorgung in die entlegenen Gebiete. Für diese bin ich verantwortlich. Viele Menschen somalischer Abstammung, die in diesen Gegenden leben, ziehen als Nomaden mit ihren Tieren dem Regen hinterher. Sie haben so gut wie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Die wenigen Gesundheitsposten, die es gibt, sind oft schlecht mit Medikamenten ausgestattet. Oder die Patienten müssen für die Behandlung bezahlen.

Zunächst habe ich zwei Wochen im Krankenhaus gearbeitet und habe alles gelernt, was wichtig ist, um mangelernährte Kinder zu behandeln. Erst dann haben wir mit dem Aufbau der mobilen Kliniken begonnen.

Im Krankenhaus war ich für alles verantwortlich, was es an Verletzungen und Krankheiten gibt. Ich habe Schusswunden versorgt und unendlich viele und erschreckende Brandwunden gesehen, die dadurch entstehen, dass die Menschen auf offenen Feuerstellen kochen. Zu uns kommen viele Kinder, die mangelernährt sind und zudem an Durchfall leiden, weil es nicht genug sauberes Wasser gibt. Manche haben außerdem Lungenkrankheiten wie Tuberkulose, Hauterkrankungen oder Malaria.

Für mich war es am Anfang eine riesige Herausforderung, hier als Ärztin zu arbeiten. Kinder zu behandeln, war für mich komplett neu. Ich hatte viel Respekt vor den kleinen Körpern. Denn bis dahin hatte ich vor allem erwachsene Patienten in Behandlung. Zum Glück hat sich das jedoch schnell gelegt. Das Abhören der kleinen Lungen ist mittlerweile kein Problem mehr und die Berührungsangst ist verflogen.

Vielen von diesen Kindern können wir helfen. Ich erinnere mich gerne an Semsem. Das Mädchen war ungefähr fünf Jahre alt und kam mit Verbrennungen zweiten Grades am gesamten Oberkörper und an einem Arm zu uns. Das muss beim Kochen an der Feuerstelle passiert sein. Semsem hatte starke Schmerzen, die Haut war infiziert. Wir gaben ihr Antibiotika und wechselten täglich die Verbände. Die Haut heilte gut und nach 14 Tagen, als wir sie nach Hause entließen, war sie wieder ein fröhlich lachendes Mädchen.

Die Möglichkeiten, Krankheiten bei unseren Patienten zu diagnostizieren sind hier technisch sehr eingeschränkt. Wir können kein Blut untersuchen, lediglich Hämoglobin und Glukose im Blut bestimmen, es gibt weder ein Ultraschall- noch ein Röntgengerät. Gut ist, dass wir mit einem Schnelltest Malaria feststellen können. Es heißt daher "back to the roots"! Viele Krankheiten müssen natürlich auch über das Gespräch diagnostiziert werden. Doch das geht nur mit Hilfe von Übersetzerinnen und Übersetzern. Mit ein bisschen Somali-Grundkenntnissen kommt man nicht wirklich weit. Da kann es schon mal länger dauern, bis man herausgefunden hat, wo das Problem eigentlich liegt.

Die mobile Klinik ist im Vergleich zum Krankenhaus eine ganz andere Welt! Man sieht viele alte Menschen mit chronischen Beschwerden. Vor allem Frauen kommen und klagen über Nierenschmerzen, die sich meist als Rückenschmerzen herausstellen. Manchmal sind sie drei Stunden auf einem Kamel extra angereist, in der Hoffnung auf eine Behandlung.

Inzwischen haben wir ein System entwickelt, um die kranken und behandlungsbedürftigen Menschen zu erreichen. Wir konzentrieren uns auf kranke und mangelernährte Kinder sowie schwangere Frauen und behandeln zusätzlich jedes Mal einen gewissen Anteil an chronisch kranken älteren Menschen.

Für mich und meine Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen stellt die Zusammenarbeit mit den äthiopischen Mitarbeitern einen Höhepunkt dar. Sie macht wahnsinnig viel Spaß. Natürlich haben wir auch Schwierigkeiten, und es gibt kulturelle Unterschiede, die ab und zu den Alltag erschweren, aber insgesamt ist es eine große Bereicherung, die meinen Horizont erweitert. Die Maßstäbe, die wir hier setzen, sind mit unseren Erfahrungen aus unserem Heimatland nicht vergleichbar. Die Menschen hier leben anders, denken anders, handeln anders und haben eine komplett andere Einstellung zum Leben und der Arbeit. Wenn wir das akzeptieren und uns den Gegebenheiten und dem Arbeitstempo anpassen, ist es eine wundervolle Erfahrung. Und auch neben der Arbeit gibt es viel zu erleben, wie den wunderschönsten Sternenhimmel aller Zeiten, Pasta, Injira oder Kamelfleisch, das wir mit den Fingern essen und Chaitee mit Kamelmilch.

Brit Nolden