Myanmar

"Ich denke nicht, dass ich das jemals vergessen werde" - eine Ärztin berichtet über die Hilfe nach dem Zyklon

Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen untersucht in Bogale Opfer des Zyklons Nargis.

Nachdem der Zyklon Nargis die Delta-Region in Myanmar (Birma) am 3. Mai 2008 getroffen hat, arbeiten mehr als 250 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen rund um die Uhr, um die Überlebenden medizinisch und mit Nahrung und Unterkünften zu versorgen. Nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt Rangun erzählt eine 27-jährige Ärztin von Ärzte ohne Grenzen von ihren Erlebnissen im Irrawaddy-Delta. Sie hat zwei Wochen mit einem mobilen medizinischen Team in Ngapudaw gearbeitet.

 Myanmar 2008: Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen untersucht in Bogale Opfer des Zyklons Nargis.
"Ich habe die erste Woche auf dem Boot verbracht, das vor der Küste der Mittelinsel festgemacht war. Das Team mit 15 Personen hat auf dem Boot gelebt. Es war kein fröhlicher Ort. Das Wetter war sehr schlecht und es hat jeden Tag geregnet.

Die Fahrten mit dem Boot waren sehr schwierig. Jede Nacht haben wir auf dem großen Boot geschlafen, auf dem wir die Hilfsgüter gelagert hatten, und während des Tages haben wir kleine Boote genommen und sind zu den Dörfern gefahren. Wir mussten uns nach den Gezeiten richten, um einige der Dörfer zu erreichen. Die Lebensbedingungen waren extrem schwierig. Alles war nass, und wir mussten mit Salzwasser duschen oder 30 Minuten zu einem Süßwasserbach fahren. Wir verbrachten die Nächte zusammen auf dem Boot, aber wir hatten keinerlei Ablenkung. Es gab keine Musik und nichts, was unsere Gedanken von den schrecklichen Bildern und Geschichten ablenken konnte, die wir im Delta gesehen und gehört haben.

Es war schrecklich, aber ich bin sehr froh, dass ich diese Arbeit machen konnte. Die Menschen dort brauchen dringend unsere Hilfe und ich würde gerne wieder zurückgehen, sobald ich die Möglichkeit hatte, mich auszuruhen...

Unser Teamgeist war sehr gut. Aber in der Nacht war es sehr schwer einzuschlafen. Ich habe weiter über die schrecklichen Geschichten nachgedacht, die ich gehört hatte und ab und zu habe ich mich wegen des schlechten Wetters und der Angst vor einem großen Sturm unsicher gefühlt.

"Ich denke nicht, dass ich das jemals vergessen werde"

Am Morgen wurden wir vom Geräusch der Boote, die am Anlegesteg vorbeifuhren, sehr früh aufgeweckt, so gegen fünf Uhr. Nach dem Frühstück fuhr jedes Team in kleinen Booten zu einem der Dörfer. Auf dem Weg passierten wir Leichen und tote Tiere im Wasser. In einigen Orten waren die Leichen unter zerstörten Häusern begraben und die Bewohner hatten es noch nicht geschafft, sie zu beseitigen. Der Gestank war schrecklich - ich denke nicht, dass ich das jemals vergessen werde.

In den Dörfern waren die Menschen glücklich, uns kommen zu sehen. Sie haben aus der Entfernung unsere Rettungswesten erkannt und wussten, dass wir ihnen Hilfe bringen würden. In vielen kleinen Dörfern waren wir die ersten Menschen, die irgendeine Hilfe zu der Bevölkerung gebracht haben.

Von dem Moment an, in dem wir das Boot verlassen haben, sind die Bewohner zu uns gekommen und uns gefolgt. Sie halfen uns ein Haus zu finden, in dem wir unsere Untersuchungen durchgeführt und unsere Verteilungen begonnen haben. Wir sahen viele Menschen mit Stress-Symptomen, Gliederschmerzen und Bluthochdruck, besonders in Dörfern, in denen die Zerstörung gewaltig ist und viele Menschen von den Fluten getötet wurden. Es ist sehr traurig. Sie waren immer noch verängstigt und viele Menschen kamen nur zum Reden zu uns. Es machte ihnen Mut, dass jemand gekommen ist, um sie zu unterstützen. Sie fühlen sich dadurch etwas sicherer.

"Es gibt so viele verzweifelte Menschen, die ihre Familien verloren haben"

Gewöhnlich verbrachten wir den ganzen Tag mit Behandlungen. Wenn es in den Dörfern noch etwas zu essen gab, haben uns die Bewohner etwas zubereitet. Aber in einigen Dörfern hatten sie nichts übrig, was sie uns anbieten konnten, außer den Dingen, die wir mitgebracht hatten. Im Laufe des Tages haben wir viele Geschichten von den Menschen gehört. Dort gibt es so viele verzweifelte Menschen, die ihre Familien verloren haben - ihre Kinder und Eltern.

Ein Patient, ein 35 Jahre alter Mann, kam mit schwarzen Wunden am ganzen Körper zu uns, die aussahen wie von Peitschenhieben. Die Wunden kamen aber vom Wind, der den Regen gegen seine nackte Haut gepeitscht hat. Er war eine Palme hinaufgeklettert, um sein Leben zu retten, als die Flut sein Dorf traf. Die Wind war so stark, dass er seinen Longgyi (birmesicher Sarong) auszog und sich am Baum festband. Er hat dort fünf Stunden gehangen, nachdem er gesehen hat, wie seine Familie unter ihm ertrunken ist.

Wir behandelten eine alte Frau mit Anzeichen von Unterernährung. Sie hatte nur eine kleine Portion Reis in den letzten fünf Tagen gegessen. Sie und ihr Mann, der sehr alt ist, waren die einzigen Menschen in ihrer Familie, die den Zyklon überlebt haben, während ihre Kinder und Enkelkinder ertrunken sind.

In einem Kloster in einer größeren Stadt haben wir 14 Menschen gefunden, die die einzigen Überlebenden in ihrem ganzen Dorf sind - ein Mann, eine Frau und ein paar Kinder. Alle anderen sind ertrunken und ihr Dorf ist verschwunden. Ihnen ist nichts geblieben, einige von ihnen hatten nach dem Zyklon nicht einmal mehr Kleidung am Körper.

 

"Zu Beginn fühlten wir uns noch recht heldenhaft, später immer deprimierter"

Nach einem Tag mit Untersuchungen kamen wir am Abend zurück zum großen Boot. Dort trafen wir die anderen Teams und unterhielten uns.

Während der ersten Woche im Delta haben wir uns noch recht heldenhaft gefühlt, wie wir wirklich Menschen in schwierigen Situationen geholfen haben. Aber während der zweiten Woche wurden wir immer deprimierter. Jeden Tag hörten wir mehr Geschichten und sahen immer mehr zerstörte Häuser und Leichen. Wir wurden müde und das ganze Ausmaß der Verwüstung überkam uns. Nur ein mobiles Telefon hat funktioniert und am Abend saß das ganze Team um dieses Telefon und jeder wartete auf seinen Moment, Familie und Freunde anzurufen.

Ich bin sehr froh, dass wir jetzt in Rangun eine Pause machen und neue Energie tanken, so dass wir ins Delta zurückkehren und unsere Arbeit dort fortsetzen können."