Usbekistan

"Ich bin gekommen, um geheilt zu werden oder für immer die Hoffnung auf Heilung zu verlieren" - eine Patientin im Krankenhaus von Nukus berichtet von ihrer Tuberkulose-Behandlung

Karakalpakistan ist eine der ökonomisch unterentwickeltesten Regionen von Usbekistan. In der autonomen Republik waren die Menschen früher stark von der Fischindustrie abhängig. Der Rückgang des Aralsees hat diesen wirtschaftlichen Zweig aber ruiniert. Die medizinische Versorgung ist völlig unzureichend, was besonders die zahlreichen Patienten mit Tuberkulose (TB) trifft. Die Verbreitung von Mehrfachresistenzen gegen TB-Medikamente ist in der Region eine der höchsten der Welt.

Irina* (47) hat seit acht Jahren Tuberkulose. Sie hat die reguläre Behandlung abgeschlossen und Hundefett gegessen - ein gängiges, lokales Heilmittel, das angeblich TB heilen soll. Ein Jahr später hatte Irina einen Rückfall. Eine weitere Behandlung und ein erneuter Rückfall folgten. Daraufhin hat Irina ihre Behandlung abgebrochen. "Ich bin es Leid" sagte sich Irina. "Die Medikamente helfen mir einfach nicht."

Schließlich wurde Irina in ein TB-Krankenhaus verlegt. Das Krankenhaus liegt in den Außenbezirken der Stadt Nukus, dem regionalen Zentrum von Karakalpakistan. Seit 2003 behandelt Ärzte ohne Grenzen dort zusammen mit dem lokalen Gesundheitsministerium medikamentenresistente Patienten, die an der multiresistenten Form der Tuberkulose (MDR-TB) leiden.

Von MDR-TB spricht man, wenn die Erreger gegen die beiden leistungsfähigsten Erstlinien-Medikamente Rifampicin und/oder Isoniazid resistent sind. Diese Resistenzen können auftreten, wenn die Standard-Behandlung unterbrochen oder falsch angewendet wird. Es ist jedoch auch möglich, direkt mit MDR-TB infiziert zu werden. "In Karakalpakistan gibt es viele Patienten, die vermutlich diesen resistenten Stamm unmittelbar an ihre Familien und Kontakte übertragen", sagt Stobdan Kalon, medizinischer Programmkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Usbekistan.

Behandlungen von MDR-TB sind langwierig und ermüdend

Neben diesem Krankenhaus mit 75 Betten hat Ärzte ohne Grenzen noch 40 Betten für mehrfach Medikamenten-Resistenzen und weniger ernste Fälle von MDR-TB im Hauptkrankenhaus des Gesundheitsministeriums in Nukus. In einem von Ärzte ohne Grenzen aufgebauten bakteriologischen Labor werden Tests durchgeführt, mit denen man herausfinde, gegen welche Medikamente der Patient resistent ist. Seit Beginn des Programms haben mehr als 600 Patienten Medikamente gegen MDR-TB bekommen.

Die Behandlung von MDR-TB ist oft von starken Nebenwirkungen begleitet und kann bis zu 24 Monate dauern. Patienten nehmen täglich eine Kombination von 15 bis 25 Medikamenten. Psychologen von Ärzte ohne Grenzen helfen den Patienten dabei, ihre seelischen Probleme zu bewältigen, die mit der langen Behandlung einhergehen.

Irina dachte früher, dass die Medikamente ihr nicht helfen. Sobald sie sah, dass einem anderen Patienten im Krankenhaus ein anderes Medikament verschrieben wurde, las sie den Beipackzettel und ging zu einer Apotheke. Dort kaufte sie die Antibiotika ohne Rezept. Die Medikamente waren teuer für sie, aber sie hielt das für ein Qualitätsmerkmal. Irina behandelte sich mit Ofloxacin, welches zur Gruppe der Fluorochinolone gehört, und eines der Schlüsselmedikamente der MDR-TB-Behandlung ist.

Wahllose Anwendung der Zweitlinien-TB-Medikamente wie sie Irina praktiziert hat ist ein weiteres Problem, das zu der vorhandenen Belastung der Medikamentenresistenz kommt. Diese Medikamente werden oft inoffiziell verschrieben oder selbst von den Patienten gekauft, um TB oder Infektionen zu behandeln. Viele Menschen wollen nicht, dass andere von ihrer Erkrankung erfahren und kaufen die Medikamente ohne Rezept. "Es ist aufwühlend zu sehen, dass bis zu 40 Prozent der Patienten, die zu Ärzte ohne Grenzen kommen, bereits Zweitlinien-TB-Medikamente genommen haben", sagt der medizinische Koordinator Stobdan Kalon. Ärzte ohne Grenzen drängt den Gesundheitsminister nachhaltig, die Kontrolle über diese Medikamente auszubauen.

Unkenntnis verstärkt die Vorurteile

Allgemeines öffentliches Wissen über TB ist oft eine Mischung aus Aberglaube und Missverständnissen. Die Kontrolle ist gewöhnlich mangelhaft und viele Patienten infizieren ihre Familien. Die Schande ist groß und die sozialen Auswirkungen sind enorm. "Menschen glauben, dass die Krankheit erblich ist, und dass es TB-Familien gibt", sagt Stobdan Kalon. "Ein TB-Patient, der seine Behandlung abgeschlossen hat, hat oft Probleme, wieder Arbeit zu finden."

Damit sich das ändert, hat Ärzte ohne Grenzen in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium eine große Informationskampagne gestartet. Während eines Open-Air-Konzerts haben lokale Musikgrößen die 4.000 Zuhörer über TB informiert. Mit TV-Spots, Plakatwänden auf den Straßen, einem Puppenspiel an den lokalen Schulen und einer Wanderausstellung wendet sich die Kampagne an die Bewohner von Nukus und an die angrenzenden ländlichen Gebiete. Viele TB-Patienten haben Angst vor dem MDR-TB-Krankenhaus, weil es schwierig für sie ist, die Behandlung zu verstehen. Die Gesundheitsaufklärung ist daher ein wichtiger Teil des Programms.

Zu Beginn des Jahres 2008 hat Irina schließlich einer Verlegung in die MDR-TB-Abteilung zugestimmt. "Sie werden mich auslachen, aber ich habe diesen Platz schon in meinen Träumen gesehen. Ich bin hierher gekommen, um geheilt zu werden oder für immer die Hoffnung auf Heilung zu verlieren. Dieses Krankenhaus ist mein letzter Ausweg."

*In diesem Artikel ist der Name der Patientin zu ihrer Vertraulichkeit geändert.