HIV/Aids: Zu wenig Kinder haben eine Chance

Weltweit leben heute nach Angaben der Vereinten Nationen 2,2 Millionen Kinder mit HIV/Aids, 88 Prozent von ihnen in Afrika. Doch im Gegensatz zu den Kindern in den reichen Nationen haben sie kaum Überlebenschancen. Es fehlt an geeigneten Tests und Arzneimitteln, und so erhalten viel zu wenige Kinder in ärmeren Ländern eine Behandlung.

Ärzte ohne Grenzen behandelt derzeit weltweit rund 3.000 Kinder mit lebensverlängernden antiretroviralen Medikamenten. Diese hemmen die Vermehrung der Viren. In einer Studie haben wir die Behandlungsresultate von 1.840 Kindern in elf Ländern analysiert . Die Chance zu Überleben lag nach sechs Monaten Behandlung bei 94 Prozent und nach 24 Monaten noch bei 91 Prozent. Dies sind sehr gute Ergebnisse, die zeigen, dass Behandlung von Kindern in ärmeren Ländern erfolgreich durchgeführt werden kann. Dennoch müssen wir mehr tun: Wir behandeln fast nur Kinder, die über 18 Monate alt sind, obwohl wir wissen, dass die Sterblichkeit bei unbehandelten Säuglingen besonders hoch ist. Dies liegt daran, dass es keine geeigneten HIV-Tests gibt. Wir wollen mehr Kinder behandeln, aber es gibt Probleme mit den Medikamenten.

Teure Medikamente und zu wenig Forschung

Eine weitere Hürde bei der Therapie von HIV-positiven Kindern ist, dass die wenigen für Kinder zur Verfügung stehenden Medikamente teurer sind als die Arzneimittel für Erwachsene. So kann die Behandlung eines bis zu zehn Kilogramm schweren Kindes bis zu 816 US-Dollar jährlich kosten, während die gleiche Behandlung für einen Erwachsenen mit nur 182 US-Dollar pro Jahr veranschlagt wird. Es ist offensichtlich, dass die meisten pharmazeutischen Unternehmen wenig Interesse an der Produktion von Kinderdosierungen haben. Schließlich gibt es nur wenige Kinder mit HIV/Aids in den Industrieländern, und der große Markt in den Entwicklungsländern scheint nicht genügend profitabel für sie.

Doch selbst wenn klar ist, dass ein Kind HIV-positiv ist, bleibt die Behandlung eine Herausforderung: Es mangelt an kindgerechten antiretroviralen Medikamenten, die auch in ärmeren Ländern einsetzbar sind. Die Hersteller haben Sirups und Pulver entwickelt, was die Behandlung aidskranker Kinder möglich macht. Dennoch haben Sirups und angerührte Pulver gerade in Entwicklungsländern ihre Tücken. Sie müssen nach dem Öffnen gekühlt werden - in ärmeren Ländern ist ein Kühlschrank jedoch nicht selbstverständlich. Da mehrere Medikamente kombiniert werden müssen und es keinen Sirup mit mehreren Wirkstoffen gibt, müssen die Kinder große Volumen zu sich nehmen. Auch die Dosierung ist schwierig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) empfehlen daher die Verwendung von Tabletten oder Kapseln, sobald das Kind feste Nahrung zu sich nehmen kann. Das Problem ist aber, dass es bislang keine für Kinder dosierten Aids-Tabletten gibt. Manche Tabletten lassen sich aber nicht einmal teilen, und selbst die Dosis geteilter Tabletten ist für viele noch zu hoch.

Mangelnde Diagnostik, unzureichende Arzneimittel

Voraussetzung für die antiretrovirale Therapie ist die Diagnose einer HIV-Infektion. Bei Kindern bis 18 Monaten muss der Virus direkt im Blut nachgewiesen werden. Dies ist in Industrieländern kein Problem, doch unter den einfachen Bedingungen in ärmeren Ländern nicht ohne Weiteres durchführbar: Der Virusnachweis erfordert teure High-Tech-Laborgeräte, teure Lösungsmittel und Enzyme, regelmäßige Stromzufuhr und gut ausgebildetes Personal. Ohne einen einfachen Test, der auch für Kinder unter 18 Monaten einsetzbar ist, können wir nur spekulieren, ob ein Baby behandelt werden muss.

Wir fordern daher, dass die Behandlung von Kindern mit HIV/Aids eine größere Priorität erhält und dass gleichwertige Behandlung von Kindern und Erwachsenen ein erklärtes Ziel aller Therapieprogramme wird. Die Bundesregierung engagiert sich hauptsächlich in der HIV-Prävention und noch zu wenig für Behandlung. Zudem ist Deutschland in der HIV/Aids Bekämpfung durch wenig ambitiöse Zielsetzungen und mäßige finanzielle Beiträge in den "Global Fund against Aids, Tuberculosis and Malaria" eher eines der Schlusslichter unter den Industrieländern. Deutschland könnte gerade in der Forschung einen wichtigen Beitrag leisten, zumal die Rede von Steigerungen der Entwicklungshilfe- und Forschungsetats ist. Und pharmazeutische Firmen müssen es sich zur dringenden Aufgabe machen, kindgerechte Darreichungsformen ihrer Medikamente zu erschwinglichen Preisen herzustellen.