Irak

Hilfe in heikler Lage

Ärzte ohne Grenzen leistet von Amman aus Hilfe für irakische Patienten - z.B. hier im Krankenhaus des Roten Kreuzes in der jordanischen Hauptstadt.

Mehr als hundert Menschen wurden von August 2006 bis Januar 2007 täglich im Irak getötet, weitaus mehr schwer verletzt. Gleichzeitig sind schätzungsweise 1,7 Millionen Iraker aus dem Land geflohen und etwa eine halbe Million Menschen innerhalb ihres Landes vertrieben worden. Angesichts der Gewalt und der Vernachlässigung, der die Menschen ausgesetzt sind, fühlt sich Ärzte ohne Grenzen verpflichtet zu helfen und hat kürzlich ein neues Projekt für den Irak begonnen. Paul Foreman war für das Programm verantwortlich und erklärt, wie Ärzte ohne Grenzen in ihm arbeitet.

Das neue Projekt für den Irak wird von der jordanischen Hauptstadt Amman aus gesteuert. Ihm vorausgegangen waren Gesprächen mit irakischen Medizinern, die bereits vor Oktober 2004 für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet hatten. Damals mussten die Mitarbeiter der Organisation das Land aus Sicherheitsgründen verlassen, da ausländische Helfer direkt angegriffen wurden. Bei einem Treffen mit den irakischen Medizinern im Jahr 2006 erfuhr Ärzte ohne Grenzen, wie sehr sich die Lage im Irak seitdem verschlechtert hatte.

 

Ärzte ohne Medikamente

Das irakische Gesundheitsministerium zahlte dem medizinischen Personal zwar magere Gehälter, aber das war auch alles. Selbst in den Gebieten, in denen die Gewalt am furchtbarsten tobte, fehlte den Krankenhäusern das notwendige Material, um den Strom an Kriegsverletzten zu versorgen. Auf die Frage, wie Ärzte ohne Grenzen in dieser Situation am besten helfen könnte, antworteten die irakischen Mediziner, dass es selbstmörderisch wäre, wenn sie Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in ihren Krankenhäusern arbeiten ließen. Die Nähe zu den Patienten ist zwar eines der wichtigsten Prinzipien der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen. In diesem Fall aber könnte diese Nähe dazu führen, dass die irakischen Ärzte dafür ermordet würden.

Stattdessen baten die Mediziner um chirurgische Materialien, um medizinische Ausstattung und Medikamente. Denn ganz normale Krankenhäuser, in die vor dem Krieg nur einfache Notfälle überwiesen wurden, müssen heute komplexe chirurgische Notfälle versorgen - und das, obwohl sie nur sehr einfach ausgestattet sind und kaum Medikamente haben. Irakische Ärzte müssen die Verwandten der verletzten Patienten manchmal bitten, in den örtlichen Apotheken Blutbeutel, chirurgisches Nahtmaterial oder Infusionen für die Operation zu besorgen. Die Mediziner berichteten Ärzte ohne Grenzen, welch frustrierende Entscheidungen sie treffen müssen, weil sie nicht einmal über die nötigsten Materialien verfügen.

Hilfe in extrem unsicheren Gebieten

Im ersten Krankenhaus, das in das von Ärzte ohne Grenzen aus Amman ferngesteuerte Projekt aufgenommen wurde, wurden allein von Oktober bis Dezember 2006 2.882 chirurgische Eingriffe vorgenommen, von denen 1.871 Notfälle (64,9 Prozent) und 1.482 auf Gewalt zurückzuführen waren (51,4 Prozent). Die mutigen irakischen Ärzte, die an diesem Projekt teilnehmen, kommen alle zwei Monate nach Amman, um Ärzte ohne Grenzen ihre Bestellungen zu übergeben, medizinische Daten zu teilen und an Besprechungen teilzunehmen.

In einem weiteren Projekt von Ärzte ohne Grenzen in der jordanischen Hauptstadt Amman erhalten aus dem Irak überwiesene Patienten dringend benötigte rekonstruktive Chirurgie. Ohne die Unterstützung eines Netzwerkes irakischer Ärzte wäre dieses Projekt undenkbar. Sie sind es, die die Patienten auswählen und die administrativen sowie logistischen Maßnahmen für die Überweisung durchführen.

Die extreme Unsicherheit im Irak macht es erforderlich, dass Ärzte ohne Grenzen solch neue Wege geht und ganz anders als sonst medizinische Hilfe leistet.