Somalia

"Hier gibt es viele beeindruckende Geschichten"

Im Süden Somalias hat Ärzte ohne Grenzen ein Hilfsprogramm in Marere, unweit der großen Hafenstadt Kismayo. Die Krankenschwester Susann Stehr arbeitet dort als medizinische Teamleiterin. Im Interview berichtet sie von der Situation der Menschen in einem Land, in dem eine humanitäre Krise herrscht, das seit Jahrzehnten praktisch regierungslos ist und 2007 erneut von einer Welle der Gewalt heimgesucht wird.

Gibt es etwas, was dich an der Arbeit in einer Konfliktregion wie Somalia besonders beeindruckt hat?

Hier gibt es viele beeindruckende Geschichten. Zu Beginn des Jahres gab es in der Region Überschwemmungen, und Cholera brach aus. Unsere somalischen Kollegen machten sich während dieser Zeit immer wieder auf den beschwerlichen Weg zur Arbeit, dabei mussten sie auch noch durch Gebiete, in denen Krokodile ihnen gefährlich werden konnten.

Dann wurden hier kürzlich mehrere Leute mit Schussverletzungen versorgt. Zwei von ihnen hatten sich gegenseitig angeschossen, anschließend waren sie aber im gleichen Krankenhauszelt untergebracht. Das hat sie zu Freunden werden lassen. Auch wenn eine Klinik ja nicht gerade der schönste Ort ist, hat der Aufenthalt in diesem Fall dazu geführt, dass Menschen näher zusammenrücken und ein besseres Verständnis zueinander entwickeln.

Wie stark ist die Bevölkerung der Gewalt im Land denn ausgesetzt?

Meist sind die größeren Städte Zentren der Gewalt. Deshalb kommen auch viele der Menschen hier in Marere und Umgebung ursprünglich aus Kismayo - sie sind in das ländlichere Somalia geflohen. Das Land hat seit Anfang der 90er Jahre keine zentrale Regierung mehr, seit einigen Jahren gibt es zwar immer wieder Versuche, Übergangsregierungen zu installieren, aber beherrscht wird es von Clans. Auch in Marere kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Ehemals vorhandene Infrastruktur wurde durch die Gewalt fast völlig zerstört. Bildung und medizinische Versorgung bleiben auf der Strecke.

Wie verdient die Bevölkerung ihren Lebensunterhalt?

Der Hauptteil des Geldes, das im Land im Umlauf ist, wird im Ausland verdient. Familien, in denen zumindest ein Familienmitglied das Land verlassen hat, können sich glücklich schätzen, von dieser Person finanziell unterstützt zu werden. Generell herrscht jedoch große Armut.

Früher befand sich hier in Marere eine riesige britische Zuckerfabrik, die der Hauptarbeitgeber in der Region war. Sie ist längst zerstört. Die Leute sind heute hauptsächlich Bauern und versuchen, auf kleinen Feldern genügend Lebensmittel anzubauen, um hier und da etwas auf dem Markt zu verkaufen und überleben zu können. Unser medizinisches Projekt ist übrigens ein Arbeitgeber in der Region, der fast 130 Mitarbeiter und etliche temporäre Arbeitskräfte beschäftigt.

Gibt es Hilfe für sie, wenn sie krank sind oder verletzt werden?

Es gibt kaum Hilfe, weil kein staatliches Gesundheitssystem existiert. Es gibt einige wenige private Einrichtungen und Apotheken, die sich die meisten Menschen nicht leisten können. Die Apotheken werden von Laien betrieben, die sich mit Medizin wenig auskennen und Medikamente fragwürdiger Qualität verkaufen. Traditionelle Medizin wird weitläufig praktiziert, kann aber auch gefährlich sein, wenn z. B. zur Heilung Brandmarkierungen gesetzt werden. Ansonsten sind die Menschen fast gänzlich von der medizinischen Versorgung der ganz wenigen Hilfsorganisationen abhängig. Viele sind das aber nicht, denn die unsichere Situation lässt sie davor zurückschrecken, aktiv zu werden.

Welche Art der Hilfe wird am meisten benötigt?

Hier fehlt es an medizinischer Hilfe auf allen Ebenen, sowohl in der Basisgesundheitsversorgung als auch wenn Epidemien aufkommen. Durch die Unsicherheit und Überschwemmungen des Juba-Flusses kommt es zudem regelmäßig zu Nahrungsmittelengpässen und Krankheiten, die damit zusammenhängen. Schließlich hat Somalia eine der höchsten Muttersterblichkeitsraten der Welt. Ärzte ohne Grenzen hat daher in Marere ein Programm, das die meisten Bereiche medizinischer Hilfe umfasst. Unter anderem arbeiten wir im Krankenhaus der Stadt, wir haben eine ambulante Klinik, kümmern uns um unterernährte Kinder und leisten Geburtshilfe. Wenn es die Sicherheitslage erlaubt, fahren unsere nationalen Mitarbeiter in abgelegene Gebiete und halten dort so genannte mobile Kliniken ab.

Wie kann man in einer solchen, von Gewalt dominierten Umgebung Hilfe leisten?

Das Sicherheitsmanagement ist eine große Herausforderung und bedarf großer Aufmerksamkeit. Es gibt eine Art "Ältestenrat", dessen Mitglieder von der Bevölkerung der Gegend benannt werden und die das Gebiet und die dort lebenden Menschen managen und bei Problemen aktiv werden. Wir haben engen Kontakt mit diesen Ältesten und besprechen alle projektrelevanten Fragen mit ihnen. Wegen der Sicherheitslage müssen die Teams manchmal reduziert werden und wir müssen uns dann auf unsere somalischen Kollegen verlassen, die das jeweilige Projekt dann so gut wie möglich weiterführen.