Südsudan

"Hier bin ich am richtigen Ort" - Brief aus dem Projekt

Südsudan 2013: Susanne Dorn zusammen mit neugeborenen Zwillingen. Eines der Kinder bekommt da immer noch Sauerstoff - beide konnten aber gesund entlassen werden.

Die Krankenschwester Sabine Dorn ist von Juli 2013 bis Januar 2014 im Flüchtlingslager Doro im Südsudan. In einem Brief aus dem Projekt beschreibt sie ihren Alltag vor Ort:

Ich bin Krankenschwester für Intensivmedizin und Anästhesie und arbeite eigentlich in Tübingen in einem Krankenhaus. Dies ist mein zweiter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen. Vor wenigen Wochen saß ich also im Flugzeug in Richtung Juba, der Hauptstadt dieses jüngsten Staates der Erde. Ich war so aufgeregt und viele Fragen waren in meinem Kopf: Werde ich auf ein nettes Team treffen? Wie sieht die Klinik im Flüchtlingslager in Doro aus? Wie werde ich wohnen?

Doch zunächst kam ich in Juba an. Die Stadt ist im Aufbruch und hat den wahrscheinlich kleinsten internationalen Flughafen der Welt, bestehend aus einer Landebahn und einem immerzu völlig überfüllten, kleinen und provisorischen Flughafengebäude. Überall wird gebaut, um aus dieser ehemals kleinen Stadt einen Regierungssitz zu machen. Es waren wirklich spannende Eindrücke aus einer Stadt im Aufbruch.

Ankunft im Flüchtlingslager Doro

Trotzdem konnte ich es kaum erwarten, endlich zu meinem eigentlichen Ziel, dem Flüchtlingscamp Doro, dem Team, der Klinik und den Patienten zu gelangen - meinem Zuhause für die nächsten sechs Monate.

Nach einem ruhigen Weiterflug mit einem kleinen Transportflugzeug bin ich sicher auf der roten Staubpiste am Rande des Flüchtlingscamps gelandet. Überall waren Menschen, die uns winkend begrüßten - ich habe mich sofort willkommen gefühlt! Auch die Begrüßung durch die internationalen Kollegen war wunderbar.

Die Fahrt von der Landebahn zu unserem Gelände betrug nur wenige Jeep-Minuten und somit konnte ich mich bald mit meinen neuen Lebensbedingungen vertraut machen. Wir leben entweder in traditionellen Häuschen, Tukul genannt, oder in Zelten. Es gibt ein weiteres großes Tukul, in dem wir essen und uns bei Regen aufhalten. Geduscht wird mit kaltem Wasser, das wir aus Eimern über uns gießen - eine wunderbare Erfrischung nach einem schweißtreibenden Arbeitstag. Auch das Essen ist gut. Einheimische Frauen versorgen uns mit einfachen und schmackhaften Mahlzeiten.

Zum Glück sind jetzt während der Regenzeit Skorpione und Schlangen weniger aktiv, nur die aggressiven und allgegenwärtigen Moskitos machen uns - vor allem jetzt, in der Malaria-Zeit - immer wieder das Leben schwer. Wie viel anstrengender sind aber die Lebensbedingungen der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, und nun hier auf unabsehbare Zeit im Lager leben.

Unterkünfte aus Plastik und Holz

Mehr als 47.000 Menschen haben hier Zuflucht gefunden. Das sind bald so viele, wie in Passau leben. Aus ihrer Heimat im Sudan wurden die Menschen vertrieben - sie haben schreckliche Gewalt und Bombardements erlebt. Nun müssen sie sich so gut es geht mit den schwierigen Lebensbedingungen arrangieren. Ihre Unterkünfte bestehen aus Plastik-Holz-Konstruktionen oder Zelten, die Wasserversorgung und sanitären Einrichtungen werden u. a. durch Ärzte ohne Grenzen sichergestellt. Auch in Bezug auf Nahrung und medizinische Versorgung sind die Menschen im Camp fast ausschließlich auf internationale Hilfe angewiesen.

Doch trotz dieser Hilfe fehlt es an so vielem hier: Neben dem Mangel an Hygiene, sauberem Wasser, Essen und Medikamenten gibt es zu wenig Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Die Zukunft der Menschen ist so ungewiss, und es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Würde und positiver Lebenseinstellung die Flüchtlinge ihre unglaublich schwierige Lebenssituation meistern.

Ich bin sehr froh, dass ich ihnen helfen, aber auch so viel von ihnen lernen, kann. Es leben so viele verschiedene ethnische Gruppen im Lager. Alleine ihre Traditionen und Bräuche kennenzulernen ist ein einzigartiges Erlebnis. Außerdem ist der Job eine riesige, tolle Herausforderung für mich. Ich leite ein großes Team von nationalen, sudanesischen Mitarbeitern und bin unter anderem für deren Ausbildung zuständig. Die Zusammenarbeit in unserem internationalen Team ist eine sehr inspirierende Erfahrung, und ich bin immer wieder überwältigt, wie motiviert alle Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen. Jeder unterstützt jeden, immer mit dem Ziel, eine gute Gesundheitsversorgung für die Menschen hier im Flüchtlingslager Doro möglich zu machen.

"Hier bin ich am richtigen Ort"

Ärzte ohne Grenzen betreibt die einzige Klinik und drei kleinere Anlaufstellen für Patienten im Lager - eine große Aufgabe und enorme Verantwortung. Der Bedarf für diese medizinische Hilfe ist überall sichtbar. Zurzeit kämpfen wir vor allem mit Malaria, und leider gibt es seit ein paar Wochen einen Hepatitis-E-Ausbruch, der schon viele Menschen das Leben gekostet hat. Unser ganzes Team tut sein Bestes, um weitere Ansteckungen zu verhindern und die erkrankten Menschen erfolgreich zu behandeln. Ein ganzes Team geht zum Beispiel zur Bevölkerung und erklärt mit Hilfe von Bildern und Liedern, wie Ansteckung verhindert werden kann. Außerdem haben wir in unserer Klinik einen Isolationsbereich eingerichtet, in dem wir vor allem die schweren Hepatitis-E-Fälle behandeln.

Es ist so viel zu tun hier. Jeden Morgen stehe ich mit dem Gefühl auf, am richtigen Ort zu sein und nie frage ich mich, warum ich hier bin oder ob meine Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen Sinn macht. In unserer Klinik und den kleinen Gesundheitsposten behandeln wir jede Woche Hunderte Patienten - vor allem Kinder - und so viele Frauen gebären in unserer Einrichtung ihre Babys. Viele dieser Menschen würden nicht überleben, wenn es unsere Klinik hier nicht gäbe.

Dankbarkeit und bewegende Momente

Ganz besonders berührt hat mich die Geschichte von John, einem 5-jährigen Jungen, der an schwerer Hepatitis E litt. Er kam bewusstlos und von Krämpfen geschüttelt zu uns in die Klinik und tagelang haben wir um sein Leben gebangt. Er lag in tiefem Koma, seine Mutter und seine Großmutter wichen nicht von seiner Seite. Wir gaben ihm Infusionen sowie fiebersenkende Mittel, zudem behandelten wir seine Begleiterkrankungen. Ich hatte fast schon die Hoffnung verloren, da kam ich eines Nachmittags zum Dienst und konnte meinen Augen kaum trauen: John saß wach auf dem Schoß seiner Mutter und schlürfte zaghaft einen Löffel Spezialmilch.

Ich war so glücklich! Der südsudanesische Krankenpfleger und ich kämpften mit den Freudentränen. Johns Mutter war unendlich dankbar, dass ihr Kind überleben würde. Ein ganz bewegender Moment. Und immer wieder gibt es diese Momente während meiner Arbeit hier: Die Kinder, die mit schwerer Malaria bewusstlos ins Krankenhaus gebracht werden und nach ein paar Tagen der Behandlung wieder lachen und spielen. Die Frauen, die nach komplizierten Geburten in unserem Kreißsaal ihre Babys im Arm halten. All das sind bewegende Momente, die mich jeden Tag aufs Neue für die anstrengende Arbeit hier motivieren.

Und es gäbe noch so vieles, das ich erzählen könnte - es wird nie langweilig in Doro und jeden Tag gilt es neue Herausforderungen zu bewältigen. Die Menschen hier brauchen uns, daran gibt es keinen Zweifel.