Jordanien

„Gefährlicher mit einem Patienten angetroffen zu werden als mit einer Waffe“

Behelfsmäßiger Operationssaal in der Region Idlib

Ende März 2012 haben ein Chirurg und ein Anästhesist von Ärzte ohne Grenzen von der Türkei aus die Grenze nach Syrien überquert, um in der Region um die Stadt Idlib Hilfe zu leisten. Außerdem war es Ziel der Reise, sich ein Bild davon zu machen, wie Verwundete behandelt werden, um den Bedarf an medizinischer Unterstützung zu klären. Unser Chirurg erzählt von diesem Einsatz.

Die erste Beobachtung des Teams war, dass Ärzte, Pfleger und andere Mediziner so viel Angst vor Verfolgung haben, dass sie nur im äußersten Notfall Erste Hilfe leisten. Um Knochenbrüche zu behandeln, verwenden die syrischen Ärzte deshalb zum Beispiel oft improvisierte Schienen. Bei Blutungen bringen sie Druckverbände an, auch wenn sie Zugang zu besseren technischen Hilfsmitteln haben, die eine vollständigere Behandlung ermöglichen würde.

 „Sie haben uns gesagt, dass das Risiko, Verwundete zu behandeln, zu groß ist“, erklärt der Chirurg. „Uns wurde gesagt, dass es gefährlicher sei, mit einem Patienten erwischt zu werden, als mit einer Waffe. Ein syrischer Kollege sagte mir, das würde sowohl für den Patienten als auch für ihn den Tod bedeuten.“

„Wir mussten innerhalb von zehn Minuten fliehen“

Das Team von Ärzte ohne Grenzen beobachtete auch, dass Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen durch bewaffnete Einheiten angegriffen wurden. In einer Kleinstadt, in die die Mitarbeiter kamen, war eine Gesundheitsstation, die als improvisiertes Krankenhaus diente, niedergebrannt worden. Es gab dort keine andere Möglichkeit, Verwundete zu behandeln. Ein anderes Gesundheitszentrum, das sich noch in gutem Zustand befand, bestand nur aus einem einzigen Zimmer.

In einer anderen Stadt fand das Team eine funktionierende Klinik vor. Es gab dort ein medizinisches Team, medizinisches Material und einen gut ausgestatteten Operationssaal. „Wir haben so viele Operationen vorgenommen wie wir konnten“, sagt der Chirurg von Ärzte ohne Grenzen. „Doch plötzlich mussten wir in weniger als zehn Minuten fliehen, als wir gewarnt wurden, dass die Armee kommen und die Stadt angreifen werde. Später haben wir erfahren, die Klinik sei schwer beschädigt worden und konnte bislang nicht wieder in Betrieb genommen werden.“

„Wenn die Panzer kommen, muss ich schnell die Patienten wegbringen“

Die Angst ist überall. In einer anderen Stadt in der Region Idlib wurde das Team in einem Krankenhaus empfangen, dessen Operationssaal geschlossen war. Das Personal weigerte sich, Patienten zu operieren, weil es Übergriffe fürchtete, und leistete nur wenige Minuten lang Erste Hilfe. „So kann ich rechtzeitig gewarnt werden, wenn die Panzer kommen“, erklärte der Chefarzt. „Ich kann dann noch die Patienten wegbringen und rechtzeitig alle Spuren beseitigen. Die Familien der Patienten bleiben immer in der Nähe und können sie so schnell wegbringen.“

Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen fragten, was passiere, wenn Patienten in ernstem Zustand gebracht werden. Der syrische Arzt antwortete mit einem hilflosen Achselzucken. Einige Patienten hätten es immerhin in die Türkei geschafft.