Palästinensische Autonomiegebiete

Gaza: „Der Waffenstillstand wurde endlich eingehalten“

Ärzte ohne Grenzen arbeitet bereits seit mehr als 10 Jahren in Gaza. Auch in den Jahren 2009 und 2012 waren Teams vor Ort, um die Menschen medizinisch und psychologisch zu betreuen.

Michèle Beck ist medizinische Leiterin von Ärzte ohne Grenzen in Gaza. Sie hat im Hauptkrankenhaus Al Shifa während des andauernden Beschusses der israelischen Armee gearbeitet und auch die dreitägige Feuerpause miterlebt. Hier schildert sie, welche spürbaren Veränderungen das zur Folge hatte:

"Eine neue Feuerpause über 72 Stunden – als sie verkündet wurde, stand ich Feuerpausen sehr skeptisch gegenüber. Alle vorherigen hatten nicht gehalten. Doch diesmal hatte die israelische Armee den Rückzug aus dem Gazastreifen angekündigt. Und schon sehr schnell spürten wir eine Veränderung. Vom Büro von Ärzte ohne Grenzen aus sah ich Menschen vorbeikommen, zu Fuß und in Autos. Ich hörte  Autos hupen. Es klang ganz alltäglich – so etwas hatte ich seit Wochen nicht mehr erlebt, weil die Straßen seit Ausbruch des Krieges wie ausgestorben waren. In der Ferne hörte ich sogar die Pfiffe eines Polizisten, der den Verkehr regelte. Das Leben scheint zurückzukehren. Die Menschen gehen auf die Straßen, um ihre Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Aber alles ist relativ. Denn sie müssen ihre Häuser auch verlassen, um ihre Toten zu beerdigen.

Team von Ärzte ohne Grenzen in Khan Yunis eingetroffen

In Khan Yunis, im südlichen Gaza, ist die Situation eine andere. Seit ein paar Tagen haben wir dort endlich ein kleines Team. Wir wollten nämlich schon länger Mitarbeiter dorthin schicken. Als das letzte Mal eine Waffenruhe vereinbart worden war, musste das Team auf halber Strecke wieder umkehren, weil die Kämpfe wieder aufflammten. Das Nasser Krankenhaus in Khan Yunis musste wegen der Kämpfe bei Rafah im Süden viele Verwundete aufnehmen. Sie kamen in Wellen. Ich habe gehört, dass die die Betten zu 200 Prozent überbelegt waren. Sie wussten nicht, wohin mit all den Patienten. Also begannen sie, die Verwundeten zu anderen Krankenhäusern zu schicken, unter anderem zum Al Shifa Krankenhaus in Gaza-Stadt, wo Ärzte ohne Grenzen tätig ist. Sie brauchten wirklich Hilfe.

Bettenanzahl in der Intensivmedizin verdreifacht

Nachdem aber die Feuerpause diesmal anhielt, konnte ein Team – bestehend aus einem Chirurgen, einem Anästhesisten und einem Logistiker – endlich ohne Zwischenfälle die Reise von unserer Basis in Gaza-Stadt nach Khan Yunis machen. Nach ihrer Ankunft untersuchten Maurice, der Chirurg, und Ron, der Anästhesist, die Krankenstationen gemeinsam mit ihren palästinensischen Kollegen. Als sie mich anriefen, erzählten sie mir, da wären viele Verwundete, aber die Situation wäre längst nicht so verheerend wie sie erwartet hatten. Die Bettenanzahl in der Intensivmedizin war verdreifacht worden und es gab noch freie Betten. Nachdem sie sich einen Überblick verschafft hatten, gingen sie geradewegs in den Operationsraum und begannen mit den chirurgischen Eingriffen. Währenddessen löste Gilles, der Logistiker, das Problem der Unterkunft. Er konnte einen Schlafplatz für das Team organisieren: Matratzen wurden in einem ungenutzten Korridor ausgelegt. Das klingt spartanisch, aber für ein paar Tage wird es reichen."