Libanon

Frauen aus Syrien bei Geburten auf sich allein gestellt

Die kanadische Hebamme Marjie Middleton und das Team libanesischer Geburtshelferinnen.

Schwangere Frauen, die aus Syrien in den Libanon fliehen, benötigen dringend Hilfe, um nicht unter großen Gefahren alleine ohne Hilfe entbinden zu müssen. Im April 2013 starteten Teams von Ärzte ohne Grenzen in der Bekaa-Ebene, wo ein großer Teil der syrischen Flüchtlinge im Libanon ankommt, ein Mutter-Kind-Projekt.

"Als ich in den Libanon flüchtete, war ich im siebten Monat schwanger", sagt die 18-jährige Maryam, eine Syrerin aus Aleppo. "Zuhause wurden viele meiner Verwandten getötet. Ich hatte panische Angst. Stundenlang musste ich marschieren, bis ich endlich die libanesische Grenze überquerte. Ich begann zu bluten und befürchtete eine Fehlgeburt."

"Viele Frauen kommen alleine. Sie haben keine Familie oder Ehemänner dabei, weil diese im Krieg getötet worden sind", sagt die Hebamme Marjie Middleton von Ärzte ohne Grenzen im Libanon. "Manche von ihnen sind schwanger, wurden jedoch während ihrer gesamten Schwangerschaft nie medizinisch untersucht. Sie wissen nicht, ob es ihrem Baby gut geht und sind sehr besorgt. Diese Verbindung von psychischem und physischem Stress ist in der Schwangerschaft besonders gefährlich."

Zugang zu sicheren und bezahlbaren Entbindungsmöglichkeiten fehlt

Im Libanon kennen viele der Flüchtlinge niemanden und finden nur schwer Hilfe von den Menschen vor Ort. "Viele schwangere Frauen wissen nicht, wohin sie gehen sollen", sagt Middleton. "Wir haben von Frauen erfahren, die ganz alleine in einem Zelt ihr Kind zur Welt bringen mussten. Solche Berichte erschüttern mich als Hebamme besonders, weil ich die Gefahren kenne und weiss, wie schrecklich es für eine Mutter ist, bei der Geburt völlig allein zu sein."

Auch die Kosten spielen eine Rolle. Sogar für die libanesische Bevölkerung ist die vorgeburtliche Versorgung im Libanon extrem teuer. "Für einen Arztbesuch, ein paar Vitamine und den Transport muss eine Frau umgerechnet 20 US-Dollar bezahlen", erklärt Middleton, "was oft die Hälfte oder mehr ist, von dem was ein Tagelöhner in der Woche verdient."

Das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) übernimmt zurzeit 75 Prozent der Geburtskosten von syrischen Flüchtlingen, ungeachtet deren Registrierungsstatus. Früher übernahm das UNHCR sogar die gesamte Rechnung, musste den Betrag jedoch kürzen, weil nicht genügend Mittel zur Verfügung standen. Viele Flüchtlinge können sich diese 25 Prozent nicht leisten. Ausserdem gibt es in der Bekaa-Ebene nur sechs Krankenhäuser mit einem Kreißsaal, die vom UNHCR unterstützt werden.

Eine normale Geburt kostet etwa 50, ein Kaiserschnitt 200 US-Dollar. "Eine Frau, die nicht bezahlen kann, riskiert entweder im Krankenhaus abgewiesen zu werden oder ihre Flüchtlingskarte abgenommen zu bekommen. Damit bekommt sie keine Essensscheine mehr, bis sie ihre Krankenhausrechnung bezahlen kann", sagt Middleton.

Schlechte Lebensumstände gefährden die Schwangerschaft

Ohne gut ausgebildete Geburtshelfer ist eine Hausgeburt generell mit hohen Risiken verbunden. In Gegenden, in denen die meisten Flüchtlinge leben, sind die Gefahren noch größer. "Wir sehen bei unseren Patientinnen viele gynäkologische Infektionen. Die Gründe dafür sind mangelnde medizinische Versorgung in der Schwangerschaft, begrenzter Zugang zu Wasser und schlechte hygienische Verhältnisse", sagt Middleton. So wurde von Fällen wässrigen Durchfalls berichtet. "Die Infektionen gehören zu den Hauptgründen für Frühgeburten. Ein anderes großes Problem ist die schlechte Ernährung", fügt sie an. "Viele Frauen können sich nicht einmal die Grundnahrungsmittel leisten. Das kann das Wachstum des Babys und die Gesundheit der Frau beeinträchtigen. Ich habe sogar mangelernährte Neugeborene gesehen."

Ärzte ohne Grenzen bietet schwangeren Frauen vor der Geburt jeweils vier Untersuchungen an und ermöglicht bei Bedarf eine kostenlose Behandlung bei einem Gynäkologen. Die Schwangeren, die neu im Libanon ankommen, werden von den Teams über mögliche Gefahren aufgeklärt und erfahren mittels Geburtsplänen, was sie tun müssen, wenn die Wehen beginnen oder Probleme auftauchen.

Nachgeburtliche Versorgung und Familienplanung

Nach der Geburt sind Mutter und Kind immer noch in Gefahr. Deswegen bietet Ärzte ohne Grenzen nachgeburtliche Versorgung und Möglichkeiten der Familienplanung. "Wir möchten, dass die Frauen nach der ersten und nach der sechsten Woche zu uns kommen. Bei dieser Gelegenheit können sie auch mit der Verhütung beginnen, wenn sie das möchten", sagt die Hebamme. Das Interesse und die Nachfrage nach Familienplanung sind groß, denn viele Frauen möchten unter den schwierigen Umständen nicht schwanger werden.

Ärzte ohne Grenzen betreibt in der ostlibanesischen Bekaa-Ebene seit April 2013 drei Kliniken für reproduktive Medizin. Erfahrene libanesische Hebammen haben bis Ende Juni beinahe 850 Konsultationen durchgeführt. In der Ärzte ohne Grenzen-Klinik im Spital Dar al Zahraa in Tripoli, Libanons zweitgrößter Stadt, bot das Programm zur reproduktiven Gesundheit den syrischen Flüchtlingen mehr als 450 Untersuchungen. Seit Januar 2013 bietet Ärzte ohne Grenzen auch Familienplanungsdienste und führte zu diesem Thema bis Ende Juni 118 Konsultationen durch.
 
Ärzte ohne Grenzen nimmt für die Hilfe für Syrien aus Gründen der Unabhängigkeit keinerlei Regierungsgelder an und braucht die Unterstützung von privaten Spendern.