Libanon

Flüchtlingsstrom aus Syrien verschärft den lokalen Konflikt in Tripoli

Die Ärztin Dr. Maha Naja untersucht ein syrisches Mädchen in Tripoli. Mittlerweile sind mehr als 42.000 Syrer nach Tripoli geflohen.

Tripoli, die zweitgrößte Stadt Libanons, sieht sich einem immensen Flüchtlingsstrom aus Syrien gegenüber. Mehr als 42.000 Syrer haben mittlerweile Zuflucht gefunden in der Hauptstadt, die nur 30 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt. Dieser große Andrang von Flüchtlingen nach Tripoli, das ohnehin zahlreiche Flüchtlinge aus Palästina beherbergt, hat den lokalen Konflikt zwischen Sunniten und Alawiten weiter verschärft.  

Seit mehreren Jahrzehnten leiden vor allem die Bewohner der Statdtviertel Jabal Mohsen und Bab el-Tabbaneh unter dem Konflikt. Am 19.und 26. Mai 2013 kam es dort zu heftigen Kämpfen zwischen sunnitischen und alawitischen Gruppen. Insgesamt 102 Verwundete wurden ins staatliche Krankenhaus von Tripoli überwiesen, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird. Seit Mai 2012 hilft Ärzte ohne Grenzen der Notaufnahme der Klinik mit Personal, medizinischen Geräten, Materialien und Trainings für lokale Mitarbeiter im Bereich der Notfallversorgung.

Hauptzentrum für verwundete Syrer

Zurzeit werden in der Notaufnahme durchschnittlich 1.730 Patienten pro Monat versorgt, darunter etwa 20 verwundete Syrer und mehr als 340 Flüchtlinge mit medizinischen und pädiatrischen Notfällen. "Tripoli hat nicht nur mit einem gewaltigen Strom von syrischen Flüchtlingen zu kämpfen, die humanitäre Hilfe benötigen. Der Krieg in Syrien entfacht zudem den lokalen Konflikt aufs Neue, was zu weiteren medizinischen und humanitären Nöten führt", erklärt Ghassan Hanna, stellvertretender Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Tripoli.

Das Krankenhaus ist mittlerweile im ganzen nördlichen Libanon zu einem Hauptzentrum für verwundete Syrer geworden, die medizinische Notfallversorgung benötigen. Auch die Verwundeten der Kämpfe in den Vierteln Jabal Mohsen und Bab el-Tabbaneh werden in das Staatliche Krankenhaus überführt.

"Dieses Krankenhaus ist immens wichtig, um medizinische Notfälle innerhalb der libanesischen Bevölkerung sowie unter Palästinensern und syrischen Flüchtlingen zu behandeln. Der Bedarf ist enorm", sagt Dr. Rachid Khaldoun, der als Notarzt für Ärzte ohne Grenzen dort im Einsatz ist.

Neue Klinik in Tripoli eröffnet

In Jabal Mohsen und Bab el-Tabbaneh, die zu den ärmsten und den benachteiligsten Vierteln Tripoli gehören, gibt es nur begrenzten Zugang zur Gesundheitsversorgung. Ärzte ohne Grenzen betreibt daher in den Stadtteilen zwei Kliniken der Basisgesundheitsversorgung, liefert Medikamente und medizinisches Material und bietet technische Unterstützung.

Im Februar 2012 hat Ärzte ohne Grenzen zudem eine Klink im Dar Al-Zahraa Krankenhaus in einem weiteren Stadtteil von Tripoli eröffnet, um syrische Flüchtlinge und die bedürftigsten libanesischen Patienten versorgen zu können. Ein Arzt und zwei Pflegefachkräfte bieten dort kostenlose Behandlungen an. Durch den wachsenden Zustrom syrischer Flüchtlinge in den Norden des Libanon finden täglich bis zu 70 Konsultationen statt.

"Gesundheit ist für die Menschen zweitrangig geworden"

"Wir haben viele Patienten mit chronischen Krankheiten, deren Zustand sich stark verschlechtert hat, weil sie ihre bisherige Behandlung unterbrechen mussten", erklärt Dr. Maha Naja von Ärzte ohne Grenzen. "Durch den Krieg ist die Gesundheit für viele Menschen zweitrangig geworden. Es geht ums Überleben und um dringendere Bedürfnisse wie Wasser oder Nahrung." Andere Leiden wie etwa dermatologische Krankheiten oder Mangelernährung sind auf die schlechten Lebensbedingungen zurückzuführen. Auch beengte Wohnverhältnisse und die finanziellen Nöte der Flüchtlinge spielen eine Rolle.

"Die medizinischen und sozialen Bedürfnisse der Flüchtlinge sind enorm", sagt Naja. "Wir beobachten bei Kindern vermehrt Inkontinenz und weitere Erkrankungen, die mit der psychischen Verfassung der Patienten zusammenhängen. Familien, die engste Angehörige verloren haben, sind traumatisiert, was sich wiederum auf ihre Krankheiten auswirken kann. Für eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, ist das Einnehmen von Medikamenten gegen ihre chronische Krankheit zweitrangig geworden."

Viele Menschen haben Angststörungen

In einigen Fällen werden Patienten an die psychologische Klinik von Ärzte ohne Grenzen im staatlichen Krankenhaus in Tripoli überwiesen. Ein Psychiater und eine Psychotherapeutin bieten sowohl Opfern des lokalen Konflikts sowie syrischen und palästinensischen Flüchtlingen Beratungsgespräche und bei Bedarf auch medikamentöse Behandlungen an. Sozialarbeiter von Ärzte ohne Grenzen besuchen libanesische Haushalte sowie syrische Familien, die in Kellern, Läden und Garagen Zuflucht gefunden haben und unter sehr schwierigen Bedingungen leben.

"Die meisten unserer Patienten haben Symptome einer Depression oder einer Angststörung", berichtet Layal Rahhal, die als Psychotherapeutin für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz ist. "Der lokale Konflikt übt einen enormen Druck auf die Menschen aus. Sie haben Angst, aus dem Haus zu gehen. Einige weigern sich sogar, hierher zu kommen, obwohl wir nur ein paar Schritte von ihren Häusern entfernt sind, weil sie befürchten, erschossen zu werden."

Die psychosozialen Bedürfnisse der libanesischen, syrischen und palästinensischen Bevölkerung in Tripoli sind enorm, wie die stetig wachsenden Patientenzahlen und Konsultationen im Krankenhaus belegen. Syrische Flüchtlinge leiden häufig unter posttraumatischen Belastungsstörungen, sowie unter Persönlichkeits- und Angststörungen - verursacht oder verschlimmert durch den Konflikt. "Wir behandeln auch Patienten, die in Syrien in einer Therapie waren, diese jedoch aufgrund ihrer Flucht abbrechen mussten und sie aus finanziellen Gründen nun nicht wieder aufnehmen können."

Ärzte ohne Grenzen ist seit Januar 2012 in Tripoli im Einsatz. Das Team besteht aus 42 Mitarbeitern , darunter 37 nationale und fünf internationale Mitarbeiter. Bis Ende April 2013 hat Ärzte ohne Grenzen 16 . 991 Konsultationen durchgeführt . Diese umfassten Behandlung en von akuten und chronischen Krankheiten, Impfungen und die perinatale Versorgung sowie 1 . 582 psychosoziale Betreuungen.

Ärzte ohne Grenzen nimmt für die Hilfe für Syrien aus Gründen der Unabhängigkeit keinerlei Regierungsgelder an und braucht die Unterstützung von privaten Spendern.