Tschad

"Es gibt immer einen nächsten Notfall, ein weiteres Kind, das Hilfe braucht" - Brief aus dem Projekt

Im ambulanten Ernährungszentrum Angara, Tschad einem von insgesamt elf im Distrikt Biltine.

Dr. Kalyani Sundari Gomathinayagam aus Indien leitet das Ernährungszentrum für akut mangelernährte Kinder, das Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus von Biltine im Tschad eingerichtet hat. Jedes Jahr gibt es in Biltine Familien, die in den Monaten vor der Ernte zu wenig Nahrung haben. In diesem Jahr war die Ernährungskrise sehr schwerwiegend. Unser Notprogramm rettet Leben, kann aber nicht die eigentlichen Ursachen der chronischen Krise ändern. Dr. Sundari schreibt:

Während unsere mobilen Teams täglich in die Dörfer fahren, um mangelernährte Kinder ambulant zu behandeln, kommen zu uns ins therapeutische Ernährungszentrum nur die schlimmsten Fälle. Das allergrößte Problem, das noch zur Mangelernährung hinzukommt, ist Durchfall. In Biltine haben weniger als 15 Prozent der Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und das Ergebnis sieht man in unserem Programm: Mehr als die Hälfte der Kinder leidet an Durchfall. Aber auch Atemwegsinfektionen und Malaria sind ein großes Problem. Für ein mangelernährtes Kind werden diese Erkrankungen schnell lebensbedrohlich.

Spezialmilch mit einer Nasensonde

Mein Tag fängt um sieben Uhr an: Zuerst untersuche ich die Kinder, deren Zustand sich über Nacht eventuell verschlechtert hat. Dann wiegen und messen wir alle Kinder. Ich habe das Glück, mit einem sehr motivierten Team zu arbeiten. Es besteht aus neun tschadischen Schwestern und Pflegern, die Schichtdienste machen. Und es gibt neun weitere lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die riesige Aufgabe haben, den Kindern alle drei Stunden Spezialmilch zu geben, Tag und Nacht. Ohne dieses engagierte Team, das rund um die Uhr im Einsatz ist, wäre die Arbeit hier kaum zu bewältigen.

Bei der Morgen-Besprechung, gehen wir die wichtigsten Fälle durch und tauschen uns aus. Ab 9:30 Uhr gibt es die ersten Neuaufnahmen. Die meisten Kinder kommen aus armen Familien und werden oft erst sehr spät zu uns gebracht. Wir untersuchen und registrieren die Kinder, dann beginnen wir sofort mit dem Ernährungsprogramm. Mit einer Nasensonde müssen wir den akut mangelernährten Kindern Spezialmilch verabreichen. Kinder mit schwerem Durchfall müssen mithilfe von Infusionen rehydriert werden, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

Große Zelte im Hof

Insgesamt haben wir von April bis Mitte September 2012 mehr als 430 Kinder stationär aufgenommen. Um sie alle behandeln zu können und auch ihre Mütter unterzubringen, haben wir im Hof des Krankenhauses große Zelte aufgestellt. Ende September, am Ende der Regenzeit und kurz bevor die Ernte eingeholt wird, waren 46 Kinder zeitgleich im Ernährungszentrum.

Zum Glück erholen sich die meisten Kinder, die zu uns kommen, sehr rasch. Es ist sehr befriedigend zu sehen, dass man den kleinen Patienten oft mit den einfachsten Mitteln sehr schnell helfen kann. Die Arbeit ist belastend, es ist aber eine riesige Belohnung wenn ein Kind zu Kräften kommt und wieder zu lächeln beginnt.

Manchmal ist ein Kind aber so krank, dass wir nicht mehr helfen können. Wenn ein Kind stirbt ist, leidet das ganze Team. Die Eltern geben uns aber keine Schuld daran. Viele Leute hier sagen: "Ärzte können zwar helfen, aber Leben retten können sie nicht. Das kann nur Gott."

Wer sorgt zuhause für die anderen Kinder?

Am Nachmittag organisieren wir Gruppentreffen für die Mütter. Wir erklären ihnen, wie das Ernährungsprogramm funktioniert, wie wichtig die ambulante Behandlung nach der Entlassung aus dem Ernährungszentrum ist, und wie wichtig sauberes Trinkwasser und Hygiene sind, um Krankheiten zu vermeiden.

Für die Mütter ist es nicht einfach, ein Kind im Krankenhaus zu haben. Wer sorgt zuhause für die anderen Kinder? Oft müssen sie ihre Ehemänner erst davon überzeugen, dass ein krankes Kind ins Krankenhaus aufgenommen werden muss. Und oft wollen die Männer nicht, dass ihre Frauen länger von zu Hause wegbleiben. Es ist schwer zu akzeptieren, wenn Eltern die Behandlung eines Kindes ablehnen, doch manchmal kommt das vor. Ich habe aber nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn es gibt immer einen nächsten Notfall, ein anderes Kind, das dringend Hilfe braucht.

Auch wenn wir derzeit noch viele Kinder behandeln, ist uns klar, dass wir unser Not-Programm bald beenden werden. Wenn die Ernte eingeholt ist, werden die Familien wieder mehr zu essen haben und der Höhepunkt der diesjährigen Ernährungskrise wird dann vorbei sein. Wir werden das Programm dann den örtlichen Gesundheitsbehörden übergeben. Aber das wird nicht einfach sein, weil die Menschen hier so viele andere Probleme haben. Und weil wir wissen, dass wir hier nächstes Jahr wieder tätig werden müssen, um weitere schwer mangelernährte Kinder zu behandeln.