Kenia

Endloser Überlebenskampf somalischer Flüchtlinge

Hunderttausende Somalier sind vor dem Krieg in ihrer Heimat in den Nordosten Kenias geflohen. Dort leben sie in Flüchtlingslagern - viele von ihnen bereits seit den 1990er Jahren. Da die Sicherheitslage in Somalia derzeit so schlecht ist, wird ein erneuter Zulauf von Flüchtlingen befürchtet. Rund 200.000 Menschen suchen dort zurzeit in drei Lagern Zuflucht. Steve Dennis, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen, berichtet, was ihm die Flüchtlinge auf einer Erkundungsfahrt über ihre verzweifelte Lage erzählt haben.

Viele der Neuankömmlinge in den Camps sind vor den Granatenangriffen aus Mogadischu geflohen. Fast alle haben kürzlich Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn verloren und berichten von schrecklichen Erlebnissen. Doch damit nicht genug. Auch die Flucht ist schwierig. Der Weg bis ins Transitlager Liboi, das kurz hinter der kenianischen Grenze liegt, ist lang und gefährlich: Überfälle und Vergewaltigungen sind nicht selten. Wer Geld hat, muss den beschwerlichen Transport - zusammengepfercht in einem Minibus oder auf der Laderampe eines Lastwagens - teuer bezahlen. Und wer auf der Fahrt erkrankt, wird keine Hilfe erhalten. "Wir fahren weiter und hoffen auf das Beste", erklärt mir ein Somalier. Ein anderer sagt: "Einige aus unserer Gruppe sind auf dem Weg gestorben." Und ein Dritter gesteht: "Wir haben Alte und Kranke zurückgelassen, weil sie die Reise nicht geschafft hätten. Wir wissen nicht, ob sie noch leben oder nicht."

Hartes Leben im Camp

Sobald sie die Grenze erreicht haben, werden sie ins Transitlager Liboi gebracht. Sie erhalten dort Nahrungsmittel, Wasser und eine Unterkunft. Die Kinder werden zudem geimpft. Das ist alles, mehr Hilfe gibt es nicht. Ich glaube, die meisten verstehen erst in Liboi, dass ihr Leben fortan nicht einfach werden wird.

Es dauert meist einige Tage, bis die Neuankömmlinge in ein anderes Camp verlegt werden. Zum Beispiel in das Lager Ifo, das nur wenige Kilometer von der Stadt Hagadere entfernt liegt. Dort erhält jede Familie ein Stück Land, etwa 12 Meter mal 15 Meter. 120 dieser Grundstücke machen einen Block aus. Zwölf Blöcke wiederum bilden eine Sektion, und viele Sektionen schaffen ein Lager für Zehntausende Menschen.

Ein Camp dieser Größe erfordert eine gewaltige Infrastruktur. Für 200.000 Menschen werden mindestens drei Millionen Liter Trinkwasser täglich benötigt. Denn der Mindeststandard liegt bei 15 Litern Wasser pro Person täglich. Das Wasser wird aus 120 Meter Tiefe hochgepumpt, chloriniert und dann an Hunderten Zapfstellen im Lager verteilt. Die Verantwortlichen für das Lager pumpen zwar täglich 18 Liter Wasser pro Person, doch niemand, mit dem ich gesprochen habe, erhält diese Menge tatsächlich. Viel Wasser geht durch Lecks verloren oder wird an den Zapfstellen verschüttet.

Trinkwasser ist jedoch nur eine der vielen Herausforderungen. So werden jeden Monat etwa zwei Millionen Kilogramm Nahrungsmittel für die Flüchtlinge benötigt. Hinzu kommen Hunderttausende Kilo Feuerholz und Tausende Latrinen. Ganz zu schweigen von Medikamenten, Schulen und all den anderen Dingen, die für das Überleben wichtig sind.

So erhält jede Familie bei der Ankunft eine Plastikplane, Stöcke, Seife, einen Kanister, Kochutensilien und Schnüre. Wenn sie das kleine Stück Land zugewiesen bekommen haben, können sie ihre Unterkunft bauen. Sie sind hier zwar in Sicherheit, doch das Leben ist auf andere Weise hart: Nachts liegen sie auf dem erdigen Boden, hören die Geräusche der Nachbarn und das Geschrei der Kinder. Immer wieder kommt es nachts auch zu Diebstählen in der Zone, wo die Neuankömmlinge sich niedergelassen haben. Die Nachbarn kennen sich noch nicht gut genug, um aufeinander aufzupassen.

Unsichere Zukunft

Ein Mann erzählt mir, dass er seine drei kranken Kinder zur Klinik gebracht hat. Doch der Andrang war so groß, dass nur eines seiner Kinder pro Tag behandelt werden konnte. Er selbst brauchte auch Hilfe: Eine Kugel steckte in seinem Gesäß, ihm fehlten einige Finger an der rechten Hand, sein Gesicht war verbrannt und sein verwundetes Fußgelenk war entzündet. Doch in der Klinik konnte man ihm kaum helfen, zumal es kein Verbandsmaterial mehr gab. Derartige Geschichten habe ich viele gehört.

Was wird nur aus diesen Menschen werden? Die Camps bestehen bereits seit 17 Jahren und es gibt nur wenig Hoffnung, dass sich die Lage in Somalia bald verbessern wird. Die Flüchtlinge werden wohl noch lange hier bleiben müssen. Doch die ausländischen Geldgeber sind zunehmend enttäuscht. Sie fürchten, dass die Lager zu einer permanenten Lösung werden, die jedes Jahr Millionen Dollar kosten. Doch ohne die Hilfe, die sie hier erhalten, können sie nicht überleben. Sie ist der letzte Funke Hoffnung, der ihnen bleibt.

Ärzte ohne Grenzen hat von 1994 bis 2004 im Lager Dadaab gearbeitet. Danach haben die Mitarbeiter den Menschen temporär geholfen: bei Überschwemmungen oder beim Ausbruch von Cholera. Steve Dennis hat die drei Lager vor Kurzem besucht, um die Bedürfnisse der Neuankömmlinge festzustellen.