Äthiopien

Einsatz in Gambella - Leipzigerin arbeitet neun Monate für "Ärzte ohne Grenzen" in Äthiopien

Simone Fiedler

Von Angelika Raulien

"Es ist schon so", sagt Simone Fiedler. "Einmal Afrika, immer Afrika. Ich bin infiziert - vom Kontinent und den Menschen". Die 31-Jährige schmunzelt. Nachdem sie bereits 2006 für Ärzte ohne Grenzen in Somalia im Einsatz gewesen war, kehrte sie jetzt von einem zweiten zurück. Diesmal weilte die Krankenschwester, die eigentlich auf der chirurgischen Intensivstation des Leipziger Herzzentrums tätig ist, neun Monate für die Hilfsorganisation in der äthiopischen Region Gambella, gelegen an der Grenze zum Südsudan. Ihre Familie, besonders die Tante, habe ihr dafür den Rücken frei gehalten; ihr Arbeitgeber den langen, unbezahlten Urlaub gewährt und auch sonst viel Verständnis gezeigt, sagt sie.

In Gambella unterwegs war die junge Frau mit einem mobilen Team - personell bestehend aus den zwei Fahrern Abwalla und Tek, dem Übersetzer Ojullu, dem Logistiker Jan, dem einheimischen Krankenpfleger Jack und ihr. "Wobei wir in der Regenzeit, so von Juni bis September, Oktober unseren Geländewagen stehen lassen und das Boot nehmen mussten. Anders war dann kein Durchkommen", berichtet sie. Gambella sei eine relativ große Region. Um einzelne, abgelegene Ortschaften abzufahren, wo es keinerlei Gesundheitsversorgung gibt, konnte die Reisezeit schon mal zwei Stunden, acht Stunden oder auch zwei Tage betragen. "Was hieß, wir mussten bei solchen Touren vorab an alles denken und alles mitnehmen. Angefangen von Zelten, Essen und Trinkwasser bis hin zu Verbandsmaterial und Medikamenten. Und letztere nicht zu knapp - mitunter erwarteten uns jeweils 60 Patienten an einem Tag in so einem Dorf." Vor allem Antibiotika und Erkältungsmittel hatten sie an Bord. "Insbesondere die Kinder erwischt es dort schnell mit Atemwegsinfektionen, weil die Nächste kalt und nass sind und die Bewohner meist nicht ausreichend Kleidung besitzen", erzählt Fiedler. Zudem hatten Sie es häufig mit Tuberkulose-, HIV-, Augen- und Leprapatienten zu tun. "Und immer wieder mit Durchfallerkrankungen, da viele Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Wer sich in den verschmutzten Flüssen wäscht, leidet auch schnell mal an Trachoma, einer Augenkrankheit, die zu Blindheit führen kann, die anfangs aber durchaus noch mit Antibiotika behandelbar ist - sofern man die eben hat."

Während Fiedler und ihr Team versuchten, jeweils vor Ort das Schlimmste zu lindern, erfüllten sie überdies eine weitere Mission. "Wir kamen ja in der ganzen Region herum, also schauten wir auch, wo es Probleme mit der Nahrungsversorgung gab, wo Menschen besonders Hunger litten. Und auch, welche Ethnien ihren Wohnort wechselten, um einen genauen Überblick über die Situation in dem Gebiet zu bekommen." Wo immer sie also waren, wurde sich zuerst mit dem Dorfältesten zusammengesetzt und die Lage erfragt. Dann folgten die medizinischen Konsultationen. "Natürlich hatten Notfälle Vorrang", sagt Fiedler. Es wurden auch schon mal TBC-Patienten zum Sputumtest in den nächsten Health Point gefahren, oder ein schlimm unterernährtes Kind in eines der wenigen Gesundheitszentren wie jenes in Itang gebracht, welches über 30 Betten verfügt.

Zurück in Leipzig, klickt Fiedler gern auf ihrem Laptop einen kleinen Videofilm herbei. Er zeigt eine Dorfgemeinschaft, trommelnd und rhythmisch ihren Namen singend - und sie selbst mittendrin. "Wohin wir auch kamen, zuletzt war ich den Leuten schon bekannt", erzählt sie lächelnd. "Und stets wurden wir überaus herzlich empfangen."

Schwester Simone und ihre Mitstreiter verbanden derweil ihre medizinische Hilfe nach Kräften auch mit so einem Stück Gesundheitserziehung. "Auf Dorfplätzen und in Schulen informierten wir zum Beispiel darüber, wie man sich vor Hautinfektionen, Malaria und Durchfall schützen kann. Und angesichts der hohen HIV- und Aidsrate in dem Land versuchten wir auch immer wieder, für den Gebrauch von Kondomen zu werben, verteilten reichlich davon. Waren Schulen in der Nähe, zogen wir selbst dahin und klärten dort die 14-, 15-jährigen Mädchen und Jungen auf".

Einen Einsatz Nummer drei in Afrika für Ärzte ohne Grenzen schließt die Leipziger nicht aus. Wenngleich sie jetzt erst einmal wieder ein Stück Alltag hier zu Lande leben will.