Zentralafrikanische Republik

Ein Lied gegen Malaria und Schlafkrankheit – Brief aus dem Projekt

In dieser Form macht Lernen allen Spaß: Kathryn Amy Sisterman übt mit Kindern ein Lied zur Gesundheitsaufklärung ein.

Seit mehr als fünf Monaten arbeite ich als Krankenschwester für Ärzte ohne Grenzen in Maitikoulou im Norden der Zentralafrikanischen Republik. Unser Projekt befindet sich in einem ländlichen, von Rebellen kontrollierten Gebiet, in dem Ärzte ohne Grenzen der einzige Gesundheitsversorger ist und die einzige internationale Organisation vor Ort. Unsere Aufgabe hier besteht hauptsächlich in der Behandlung der Schlafkrankheit. Sie wird durch die Tse-Tse-Fliege übertragen und verläuft ohne Behandlung in jedem Fall tödlich. Natürlich gibt es darüber hinaus noch zahlreiche andere Erkrankungen, darunter Mangelernährung bei Kindern und schwere Malaria, die in vielen Fällen bereits das Gehirn betrifft. Unsere Patienten gehen oft kilometerweit und überqueren Flüsse mit einfachen Einbäumen um unsere Krankenstation zu erreichen, wo sie kostenlos behandelt werden.

Bevor ich hierher kam, wusste ich nichts über dieses Land. Die Menschen hier sind körperlich und emotional sehr stark, und ich bin dankbar, einige ihrer persönlichsten Momente wie Geburt, Krankheit und Genesung mit ihnen teilen zu dürfen. Die lokale Sprache in dieser Region heißt Mbai, und weil die Patienten in Maitikoulou sehr gerne singen, habe ich zusammen mit einer Patientin ein kurzes Lied in dieser Sprache getextet. Die Menschen hier sind großartige Performer und tolle Sänger. Keiner scheut sich je davor, eine spontane Darbietung zum Besten zu geben.

Da das Malariarisiko hier sehr hoch ist, bitte ich die Patienten jeden Abend, ihre Moskitonetze herunterzulassen. Viele unserer mangelernährten Kinder kamen bereits mit Malaria zu uns - die wenigen, die verschont geblieben waren, wurden dann häufig hier gestochen. Für die schwachen Kleinen ist das besonders gefährlich. Um die Mütter dazu zu bringen, ihre Moskitonetze zu verwenden, sagte ich ihnen immer wieder: „Moskitos werden eure Kinder mit Malaria anstecken.“ Eines Tages sang mir eine Patientin diesen Satz scherzhaft nach, zu einer kleinen Kirchenmelodie. Daraufhin haben wir dann immer mehr Verse dazugedichtet.  

Öffentliche Gesundheitsvorsorge ist vor allem dann effektiv, wenn sie auch ein bisschen Spaß macht. Deshalb haben wir verschiedene Strophen erfunden, die erklären, wie man sich mit einer Krankheit ansteckt und wie man sich schützen kann. Die erste Zeile lautet: „Moskitos bringen euren Kinder Malaria“. Dann gibt es eine Zeile mit den Worten: „Schlafkrankheit ist gefährlich, ohne Behandlung sterben Menschen daran“ und „Schlafkrankheit wird durch den Stich der Fliege übertragen“. Das Lied endet mit den Zeilen: „Maitikoulou wünscht sich, dass es euch gut geht“ und „Ärzte ohne Grenzen wünscht euch gute Gesundheit.“

Wann immer wir mit unseren Teams in die Dörfer gehen, bringe ich den Leuten dieses Lied bei - zum Beispiel wenn wir sie auf die Schlafkrankheit testen, Kinder auf Mangelernährung untersuchen und für Impfungen registrieren. Die Dorfbewohner stellen sich dann in einer Reihe an und warten oft mehrere Stunden auf die kurzen Untersuchungen.

Mit den medizinischen Teams in die Dörfer zu fahren, ist eine meiner Lieblingsaufgaben. Auch die nationalen Mitarbeiter haben viel Spaß daran: Sie sind so stolz auf ihre Arbeit, ihr Wissen und die Tatsache, dass sie ihren Brüdern und Schwestern helfen können. Darüber hinaus sind die Dorfbesuche eine großartige Möglichkeit, um frühere Patienten wiederzusehen. Erst vor kurzem verbrachten wir den Tag mit einem kleinen Jungen, der im Juni sehr schwer an der Schlafkrankheit erkrankt war. Bei ihm hatte die Krankheit bereits das zentrale Nervensystem angegriffen. Wir alle konnten uns noch genau an ihn erinnern: Er hatte Probleme zu laufen, seine Sprache war wirr, er schlief den ganzen Tag und weinte die ganze Nacht. Sein Vater hatte ihn nachts stets im Arm und lief mit ihm den dunklen Feldweg auf und ab, damit die anderen Patienten zur Ruhe kommen konnten. Aber heute ist er geheilt! Wir konnten ihn beim Herumrennen und Spielen mit anderen Kindern beobachten. Sein Vater war überglücklich, nun wieder einen ganz normalen kleinen Jungen zu haben.

Bis zum Abend hatten der Kleine und die anderen Kinder im Dorf sich mein ganzes Lied eingeprägt. Und wie jedes Mal, wenn ich Kinder mein Lied singen höre, wird mir bewußt, warum ich hier bin.

Kathryn Amy Sisterman