Afghanistan

Ein Krankenhaus für werdende Mütter

Der Logistiker Christoph Hey beim Entladen eines LKW. Das Material ist für den Aufbau der neuen Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Chost.

Eine Geburtsklinik in einem Krisengebiet Afghanistans aufbauen - das war der Auftrag, mit dem der Logistiker Christopher Hey von Ärzte ohne Grenzen nach Chost reiste. Eine schwierige Aufgabe und ein spannendes Projekt.

Anfang September 2011: Ich bin unter den ersten beiden Mitarbeitern vor Ort und für den Aufbau der Rahmenbedingungen und der Logistik verantwortlich, damit die Spezialisten wie Architekten und medizinische Koordinatoren ihre Arbeit beginnen können.

Die Umstände in Afghanistan sind besonders schwierig. Der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt und die angespannte Sicherheitslage erschweren für die einfache Bevölkerung den Zugang zu einer ausreichenden Gesundheitsversorgung. Neben den technischen Besprechungen über den geplanten Aufbau einer Geburtsklinik führen unsere Landeskoordinatoren auch Verhandlungen mit allen Konfliktparteien. Nach den Gesprächen über ein aktives Eingreifen von Ärzte ohne Grenzen beginnt die konkrete Projektphase.

Aller Anfang ist schwer

Der Start ist alles anderes als einfach. Es gibt keinen Strom, kein Trinkwasser, keine sanitären Anlagen, keine Unterkünfte, keine Büros. Ein altes, stark verwittertes Krankenhausgebäude steht noch auf dem Gelände und muss abgerissen werden. Eine Mauer soll das Gelände begrenzen, Wachleute müssen angestellt werden und das Team der Logistiker zusammengestellt werden. Gemeinsam können wir dann die eigentliche Arbeit angehen: den Neubau der Geburtsklinik von Chost.

Chost ist eine kleine Provinzhauptstadt im Osten des Landes an der Grenze zu Pakistan. In wenigen Monaten soll hier eine Geburtsklinik entstehen, die im Monat über eintausend werdende Mütter medizinisch versorgt und betreut. Ein internationales Mediziner-Team aus 12 Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen wird die Betreuung nach der Fertigstellung der Klinik übernehmen.

Ein gutes Team ist wichtig

Die Arbeiten gehen schon bald zügig voran. Nach wenigen Wochen ist der gesamte Krankenhauskomplex geplant und die Bauarbeiten der medizinischen Gebäude sowie des Servicegebäudes wie Generatorenhaus, Wäscherei und Küche haben begonnen, inklusive dem Verlegen der elektrischen Leitungen, der Wasserversorgung und der Abwassersysteme. Das Haupthaus mit seinen drei Operationssälen, den Kreißsälen und Räumen für die Geburtsvorbereitung ist nahezu fertig. Drei Krankenstationen mit Betten für rund 60 junge Mütter stehen größtenteils - und die Arbeiten zum Krankenhauslabor haben begonnen. Die Unterkünfte für die internationalen Teams sind fast fertig; inmitten des Krankenhausgeländes ist ein Ort entstanden, der den Medizinern als Rückzug ins Private dienen soll, aber gleichzeitig auch kurze Wege zu den medizinischen Einrichtungen garantiert. Die Arbeiten gehen nun an allen Ecken parallel weiter - das gesamte Team hat ein Ziel und unterstützt sich, wo es geht.

Aus zwei Mitarbeitern sind nach fast drei Monaten mit den nationalen Kollegen fast vierzig geworden. Die medizinische Koordinatorin und die verantwortliche Hebamme sind eingetroffen und bereiten nun ihrerseits die Eröffnung vor: Medizinisches Fachpersonal muss eingestellt und auf die Arbeit vorbereitet werden. Es werden Medikamente und die medizinische Einrichtung bestellt. Arbeitsabläufe müssen geplant werden und die Teams knüpfen die nötigen Kontakte.

Ein enger Draht zur Bevölkerung

Neben den Bauarbeiten ist besonders auch in dieser Phase der Dialog mit der Bevölkerung vor Ort wichtiger Bestandteil der Arbeit. Der Projektkoordinator steht im ständigen Dialog mit der Gemeinde und ihren Vertretern. Um erfolgreich und vor allem auch sicher arbeiten zu können, sind Neutralität und Unabhängigkeit gerade in Konfliktgebieten oberstes Gebot. Und jeder im Team ist gefragt, diese Grundwerte in die tägliche Arbeit einzubringen - das gilt in der Zusammenarbeit mit den neuen afghanischen Kollegen, die gemeinsam mit dem internationalen Team die medizinische Versorgung garantieren werden genauso wie bei der Kooperation mit den Firmen im Rahmen des Neubaus. Zeit für ein Beisammensitzen zu einem obligatorischen Tee und einem Gespräch muss immer sein, auch wenn der Zeitplan drückt…

Und so vertieft sich nach einigen Wochen auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinde in Chost und dem gesamten Team von Ärzte ohne Grenzen. Gemeinsam sprechen wir nun von "unserem Krankenhaus", und das macht mich schon stolz: zu sehen, wie alles zusammen-wächst. Es ist toll zu erleben, wie hier dank gemeinsamer Kräfte eine medizinische Einrichtung entsteht, die so notwendig ist und auf eine sehr herzliche Art von allen unterstützt wird. Nur so werden die Patienten ihren Weg zu uns in ein Krankenhaus finden, in dem Waffen nicht erlaubt sind und all jene medizinisch versorgt werden, die Hilfe benötigen. Egal, woher sie stammen oder welcher Gruppe angehören.

Das Ziel gemeinsam erreichen

Die Bauarbeiten gehen inzwischen in die entscheidende Phase - auch wenn uns Anfang Dezember ein unerwarteter Kälteeinbruch einen Strich durch die Rechnung macht. Arbeiten mit Beton bei Frost gefährden die Qualität der Gebäude und wir müssen Arbeitsschritte vor- oder umplanen. Ich konzentriere mich gemeinsam mit dem medizinischen Team schon auf die Ausstattung des Krankenhauses mit medizinischem Equipment, bevor ich Ende Januar an meinen Nachfolger übergebe.

Mit den Vorbereitungen zur letzten Phase vor der Eröffnung hat alles seinen Weg genommen. Als Logistiker ist alles, was ich tue, auf die Unterstützung der Mediziner ausgerichtet, damit ihre Arbeit auch die Bedürfnisse erfüllt, für die Ärzte ohne Grenzen einsteht. Die vor Ort schwierigen Umstände für die Menschen nicht nur mildern, sondern auch verbessern, ist so kurz vor der Inbetriebnahme der Klinik das Ziel aller geworden - und gemeinsam haben wir mit unserer Arbeit die Weichen dafür gestellt.