Zentralafrikanische Republik

Ein Arzt kennt keine Grenzen: "Wenn ich dort bin, sterben weniger Menschen"

Blaustein - Es gibt Krisenregionen, die in den Medien keine Schlagzeilen machen. Die Zentralafrikanische Republik ist so ein vergessenes Land. Der Anästhesist Jörg F. Kustermann aus Blaustein (Alb-Donau-Kreis) hat dort gearbeitet. Er berichtet von traurigen Schicksalen, aber auch von großen Erfolgen.

Von unserem Redakteur Benedikt Weiß

Der sechs Monate alte Säugling liegt ganz still auf dem Tisch in der Intensivstation. Das Weiß seiner Augen steht im Kontrast zur schwarzen Haut seines Gesichtes.  Wegen einer Darmverschlingung ist der Bauch des Jungen aufgetrieben. Doch in diesem Krankenhaus in Paoua, einer Stadt in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), ist kein Jammern zu hören.

Dieses Kind weint schon lange nicht mehr, denkt sich Jörg F. Kustermann. Der Arzt aus Blaustein (Alb-Donau-Kreis) blickt in die ausdruckslosen Augen des kleinen Patienten. Auf seinem stundenlangen Weg über Schotterwege in das Krankenhaus muss das Kind unvorstellbare Schmerzen erlitten haben. Mit Narkosemitteln, die in Deutschland teilweise nicht mehr eingesetzt werden, die Dr. Kustermann aber aus seiner Ausbildungszeit vor 20 Jahren wohl vertraut sind, bereitet der Anästhesist das Kind für die Operation vor. Er bringt den Jungen zum Schlafen. Es werden die letzten schmerzfreien Stunden seines kurzen Lebens sein. Am Morgen nach der OP, als der Arzt nach dem Säugling schauen will, ist sein Bett leer. Die Matratze steht schon zum Lüften an der Wand.

Jörg F. Kustermann ist 50 Jahre alt, hat fünf Kinder und ist eigentlich seit sechs Jahren niedergelassen in einem Anästhesisten-Team in Ulm. Den Mediziner zieht es aber immer wieder für einige Wochen nach Afrika. Er hat schon in Angola und in Äthiopien geholfen. Für die Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières, MSF) ist er nun im Jahr 2009 in die krisengebeutelte Zentralafrikanische Republik geflogen. Die finanzielle Unabhängigkeit und der Rückhalt seiner Familie ermöglichen ihm das. Doch was motiviert ihn? Kustermann zögert bei der Antwort auf diese Frage kurz. "Ich sag's jetzt ganz platt", meint er dann: "Wenn ich dort bin, sterben weniger Menschen."

Die Erfolge motivieren

Denn das Beispiel des Säuglings, den die Ärzte wegen seiner schweren Krankheit nicht mehr retten konnten, ist nur ein Teil der Realität im MSF-Krankenhaus in Paoua. Jörg F. Kustermann berichtet auch von den schwangeren Frauen, die ohne einen rettenden Kaiserschnitt die Geburt nicht überlebt hätten, von den Menschen, die an Malaria, Tuberkulose, Aids oder der Schlafkrankheit leiden - und endlich Hilfe erhalten. Die Aussicht auf diese Erfolge hat Dr. Kustermann motiviert, sich den Ärzten ohne Grenzen anzuschließen. "Das Interesse an unserer Arbeit ist nach wie vor sehr gut und wir bekommen viele Bewerbungen", sagt MSF-Sprecherin Claudia Evers. Die internationale medizinische Nothilfeorganisation gründete sich 1971. Heute ist sie mit Ärzten, Krankenschwestern, Hebammen, Chirurgen und Logistikern in über 60 Ländern tätig - mit nahezu 2.000 internationalen und über 20.000 nationalen Mitarbeitern.

Die ZAR, in der Jörg F. Kustermann geholfen hat, ist eines der ärmsten Länder der Welt.  Die vier Millionen Menschen, die das Land besiedeln, leiden seit Jahren unter politischen Unruhen. Trotz Unterzeichnung eines Friedensabkommens im Juni 2008, das den langjährigen Konflikt beenden sollte, liefern sich Regierungs- und Rebellentruppen sowie lokale Gruppierungen und Banditen nach wie vor bewaffnete Auseinandersetzungen. Die Öffentlichkeit außerhalb Afrikas nimmt diese Konflikte kaum wahr. "Ich muss gestehen, dass ich vor meiner Reise nicht einmal genau wusste, wo dieses Land liegt", sagt Jörg F. Kustermann. Die Ärzte ohne Grenzen versuchen, mehr Aufmerksamkeit auf die ZAR zu lenken. Die Projekte dort kann die Organisation aber nur finanzieren, da sie fast ausschließlich zweckungebundene Spenden erhält - also selbst entscheiden kann, wo die Gelder eingesetzt werden. Die Finanzkrise wirkt sich bisher übrigens nicht auf ihre Arbeit aus. "Wir haben im ersten Quartal keine Spendeneinbußen zu verzeichnen", sagt die Sprecherin. Im Jahr 2007 stammten mehr als 80 Prozent der Einnahmen der deutschen Sektion der Nothilfeorganisation aus privaten Spenden, damals waren es 28,2 Millionen Euro.

In allen Projekten, die mit diesem Geld finanziert werden, habe Sicherheit höchste Priorität, betont die Organisation. Während Kustermanns Aufenthalt in der ZAR wird einmal ein hochrangiger Rebellenführer in unmittelbarer Nachbarschaft zum Krankenhaus erschossen. Eine Woche später massakrieren sich Straßenräuber und Händler auf dem Markt in der Hauptstadt Bangui - 25 Tote und etwa 50 Schwerverletzte. Den Arzt aus Schwaben schreckt das nicht. "Ich bin kein ängstlicher Mensch", betont Jörg F. Kustermann. Außerdem betont MSF-Sprecherin Claudia Evers: "Jedes Projekt hat ein eigenes Sicherheitskonzept und einen Evakuierungsplan - im Falle des Falles."

Früher hatte Jörg F. Kustermann größere Probleme nach einem Einsatz in Afrika zurück in die deutsche Realität zu kehren. "Es ist schon so, dass man sich oft denkt: Hier wird aber auf hohem Niveau geklagt", sagt er. Mit jedem Einsatz komme er aber besser damit zurecht, kann sich professionell den vergleichsweise kleineren Leiden seiner Patienten in Ulm zuwenden. Und doch lässt Kustermann der bedrückende Gedanke nicht los, dass viele Menschen in Afrika an ihr schweres Schicksal gebunden sind. "Es hat sich in so vielen Ländern nur eine kleine Elite gebildet, während viele Menschen arm bleiben. Diese Menschen müssen so viel Einsatz zeigen, um voran zu kommen."

Wenn Kinderaugen leuchten

Morgens geht Kustermann in Paoua immer Laufen. Früh so gegen 5 Uhr steht er auf, wartet die Dämmerung ab und rennt dann kilometerweit die Piste entlang. Draußen, in den Dörfern, kommen ihm Kinder entgegen, rennen neben ihm her, rufen "Moschu, Moschu", was "ein Weißer, ein Weißer" heißt, und fast gleich klingt wie "bon jour, bon jour". Da sieht Kustermann sie wieder, die Augen Afrikas, diesmal nicht ausdruckslos, sondern hoffnungsvoll und so unbeschwert wie er sie von zu Hause nicht kennt. Diese Menschen sollen eine bessere Zukunft haben, denkt sich der Arzt aus Blaustein.