Swasiland

Dringender Handlungsbedarf im Kampf gegen die Doppel-Epidemie HIV und Tuberkulose

Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht heute einen Bericht über den Kampf gegen die Doppel-Epidemie von HIV/Aids und Tuberkulose (TB), die Swasiland im südlichen Afrika bedroht und die Lebenserwartung von 60 auf nur 31 Jahre gesenkt hat. Das kleine Königreich mit etwas mehr als einer Million Einwohnern liegt im Epizentrum einer Koinfektion, von der das ganze südliche Afrika betroffen ist. Der Bericht "Kampf gegen eine Doppel-Epidemie: Behandlung von TB in einer Umgebung mit hoher HIV-Prävalenz im ländlichen Swasiland" fasst die die Erfahrungen der Organisation im Distrikt Shiselweni seit dem Jahr 2007 zusammen und beschreibt, was dringend getan werden muss, um die verheerende Gesundheitskrise in den Griff zu bekommen.

"Swasiland weist weltweit die höchste HIV-Ansteckungsrate bei Erwachsenen auf. Hinzu kommt, dass mehr als 80 Prozent der Tuberkulose-Patienten zusätzlich mit HIV infiziert sind", erklärt Aymeric Péguillan, Landskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Swasiland. "Die Menschen sterben, und die Haupttodesursache bei Erwachsenen ist TB. Dadurch werden viele Kinder zu Waisen, und die arbeitstätige Bevölkerung schrumpft."

Swasiland weist auch eine alarmierend große Verbreitung der multiresistenten TB auf. 7,7 Prozent aller Neuinfektionen entfallen auf einen resistenten Bakterienstamm. Damit hat Swasiland eine der weltweit höchsten Ansteckungsraten von multiresistenter TB.

Mangel an einheimischem Gesundheitspersonal

Die Bekämpfung dieser Krise wird jedoch durch den akuten Mangel an einheimischem Gesundheitspersonal und die nicht adäquaten Diagnosemöglichkeiten behindert. Hinzu kommt, dass viele Patienten ihre Behandlung abbrechen, weil die wiederkehrenden Fahrtkosten in die weit entfernten Gesundheitseinrichtungen zu hoch sind.

In Shiselweni, dem abgelegensten und ärmsten Distrikt des Landes, betreibt Ärzte ohne Grenzen seit November 2007 mit dem Gesundheitsministerium von Swasiland ein dezentrales, auf die Patienten ausgerichtetes Programm, in dem beide Krankheiten zugleich behandelt werden. Heute wird bereits in 21 Gesundheitseinrichtungen diese kombinierte Behandlung angeboten.

"Die dezentrale, kombinierte Behandlung von HIV und TB in vielen kleinen Kliniken und Gemeinden hat den Zugang zu einer Behandlung enorm verbessert und die Zahl der Patienten, die die Behandlung abbrechen, ist stark zurückgegangen", berichtet Aymeric Péguillan. "Bis 2008 war die Bekämpfung der TB-Epidemie vor allem zentral organisiert. Die Kranken mussten den weiten Weg ins nationale TB-Zentrum auf sich nehmen oder auf die sporadischen Besuche eines medizinischen Teams warten."

Verantwortungsbereiche müssen übertragen werden

Ärzte ohne Grenzen befürwortet eine breite Aufgabenübertragung innerhalb des Gesundheitspersonals und an freiwillige Helfer in den Gemeinden, damit die steigende Anzahl der HIV-Infizierten bewältigt werden kann. Nun liegt die Herausforderung darin, die Erfolge auf diesem Gebiet auszubauen. Ein Anstieg der HIV-Infizierten wird allein aufgrund der neuen Klassifizierung in den jüngsten WHO-Empfehlungen erwartet: Diese empfahlen 2009 die Behandlung der Patienten schon bei 350 statt erst bei 200 Helferzellen zu beginnen. Diese Zahl erfasst die weißen Blutkörperchen pro Milliliter Blut und ist ein Maß für die Stärke des Immunsystems.

"Es ist enorm wichtig, dass diese Maßnahmen jetzt überall eingeführt werden. Das Ausmaß der Doppel-Epidemie in Swasiland verlangt dringende politische Entscheide, die sofort umgesetzt werden müssen. Wenn wir jetzt handeln, können wir Tausende von Leben retten", erklärt Aymeric Péguillan.

11.000 Menschen in Shiselweni erhalten antiretrovirale Medikamenten

Im Jahr 2006 richtete der damalige Premierminister von Swasiland einen dringenden Appell an die internationale Gemeinschaft, um die kombinierte HIV/TB-Krise zu bekämpfen, die das Land bedroht. Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit Ende 2007 mit dem Gesundheitsministerium von Swasiland zusammen und bietet HIV- und TB-koinfizierten Patienten in Shiselweni eine Behandlung an. Bis Ende Juni 2010 konnten von den fast 20.000 HIV-positiven Menschen in Shiselweni fast 11.000 mit antiretroviralen Medikamenten versorgt werden und weitere 2.845 wurden stationär behandelt. Seit Januar 2008 fingen jedes Jahr im Durchschnitt 2.450 Patienten eine TB-Behandlung an. Insgesamt 140 Personen haben seit Januar 2008 eine Behandlung gegen die multiresistente Tuberkulose begonnen.