China

Drei Monate nach dem Erdbeben in Sichuan - Ärzte ohne Grenzen leistet psychologische Hilfe

Seit dem verheerenden Erdbeben der Stärke 7,9 am 11. Mai in der chinesischen Provinz Sichuan hat Ärzte ohne Grenzen umfassend geholfen: Die Teams leisteten chirurgische und basismedizinische Versorgung, stellten Expertise bei Nierenproblemen zur Behandlung des Crush-Syndroms zur Verfügung, verteilten Medikamente sowie medizinische und allgemeine Hilfsgüter an die Bevölkerung, darunter strapazierfähige Zelte oder Plastikplanen. Derzeit leistet Ärzte ohne Grenzen psychologische Hilfe für die Überlebenden in Hanwang, Mianzhu-Stadt. Die Ärztin Misa Sugaware, Projektkoordinatorin in Sichuan, berichtet über die Aktivitäten.

Wie sprechen die Menschen drei Monate nach dem Erdbeben auf die psychologische Hilfe an?

Viele Menschen empfinden nach so einem schrecklichen Ereignis noch immer ein tiefes Gefühl des Verlustes, des Leids und der Trauer. Andererseits gibt es auch Patienten, denen es bereits etwas besser geht. Wir sehen kaum noch ausgemergelte Menschen, die seit Tagen nichts gegessen haben oder die unter ständigen Schlafproblemen leiden. Unsere drei Psychologen haben bislang 113 Patienten behandelt und 196 psychologische Konsultationen durchgeführt. Den meisten Menschen reichen zwei oder drei Gespräche. Zurzeit helfen unsere Mitarbeiter den Opfern des Erdbebens dabei, durch den natürlichen Genesungsprozess zu gehen. Die meisten brauchen nicht mehr.

Wie wird die psychologische Hilfe in der Region angenommen?

Vor dem Erdbeben gab es weder Psychologen noch psychologische Hilfe in Hanwang. Nach der Naturkatastrophe waren die Menschen im Schock und sehr verängstigt. Sie brauchten dringend therapeutische Hilfe. Doch sie waren noch nie damit in Berührung gekommen und sahen diese Hilfe anfangs als sehr negativ an. Einige dachten, es sei beschämend, Hilfe zu suchen, weil man sie dann als schwach ansehen könnte. Ärzte ohne Grenzen bietet psychologische Hilfe an drei Orten in Hanwang an: Xia Luozi, Wudu und Jiulong. Aber die Teams besuchen auch umliegende Dörfer. Sie beruhigen die Menschen, erklären ihnen, dass Angst und Furcht ganz normale Reaktionen sind. Gemeinsam mit den Dorfärzten, die viel Wissen über die Gesundheit der Dorfbewohner haben, besuchen unsere Mitarbeiter auch Patienten in entlegenen Gebieten. Denn diese Menschen können oft aufgrund fehlender Transportmittel oder Verletzungen nicht in unsere Sprechstunden kommen.

Mehr als fünf Millionen Menschen wurden durch das Beben obdachlos. Gibt es jetzt genügend Unterkünfte?

Die nationalen Behörden, lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen sowie ehrenamtliche Helfer haben unglaublich effizient geholfen. In den Städten um Hanwang ist der Bedarf an Unterkünften gedeckt. In einigen entlegenen Dörfern haben wir allerdings Menschen ohne geeignete Unterkünfte angetroffen. Vor zwei Wochen habe ich vier Dörfer nahe Wudu besucht. In jedem leben etwa 3.000 bis 4.000 Menschen. Rund 90 Prozent der Dörfler verfügten nur über eine Notunterkunft aus Stöcken und Plastikplanen. Zudem hat der Regen in der Region eingesetzt. Die Wettervoraussage geht von stärkeren Niederschlägen aus als üblich in diesem Jahr. Der Regen kann also leicht in die Unterkünfte eindringen. Unter solchen Bedingungen sind Atemwegsinfektionen durchaus möglich. Wir glauben, dass China die nötigen Ressourcen hat, um den Erdbebenopfern zu helfen. Aber wir werden die Situation sehr genau beobachten, um Lücken im Hilfssystem zu entdecken.

Welche Aktivitäten plant Ärzte ohne Grenzen in Sichuan?

Unsere Erkundungen zeigen, dass der Bedarf an Nahrung, Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene in den meisten betroffenen Gebieten gedeckt ist. Da Ärzte ohne Grenzen sich auf medizinische und humanitäre Hilfe in Notsituationen spezialisiert hat, werden wir in Sichuan keine langfristige Wiederaufbauhilfe anbieten. Zurzeit kehren etwa 10.000 Menschen nach Xia Luozi zurück, wo wir psychologische Hilfe leisten. Sie wurden zuvor in Krankenhäusern in ganz China medizinisch behandelt. Viele von ihnen werden jetzt postoperative und physiotherapeutische Hilfe benötigen. Ärzte ohne Grenzen wird daher alle Aktivitäten im September evaluieren und an den Bedarf anpassen.

Obwohl der erste Schock nachlässt, haben viele Menschen alles in einem kurzen Augenblick verloren, ihre Liebsten eingeschlossen. Sie tun sich noch schwer, mit ihrem jetzigen Leben zurecht zu kommen. Neben der medizinischen und psychologischen Hilfe brauchen die Menschen hier diverse Formen langfristiger Genesungs- und Wiederaufbauhilfe.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1988 in China. Zurzeit des Erdbebens waren die Teams in Nanning tätig, in der Autonomen Region Guangxi Zhuang. Hier betreut die Organisation seit 2003 gemeinsam mit den örtlichen Behörden ein HIV/Aids-Projekt. Anfang 2008 hat Ärzte ohne Grenzen das HIV/Aids-Projekt in Xiangfan, Provinz Hubei, an die chinesischen Behörden übergeben. In Sichuan arbeiten derzeit fünf internationale und fünf nationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen.