Indien

"Die würde ich sofort einstellen" - Dr. Gönke Focken hat elf Monate für "Ärzte ohne Grenzen" in Indien gearbeitet. Besonders beeindruckt ist sie von der fachlichen Kompetenz ihrer indischen Kollegen.

Gönke Focken

Von Walburg Dittrich

Wilhelmshaven Humanitäre Hilfe dort zu leisten, wo es wirklich bitter nötig ist, sei wohl der Wunsch eines jeden jungen Mediziners, beschreibt die 30-jährige Gönke Focken ihre Motivation, sich bei "Ärzte ohne Grenzen" zu bewerben.

Bewerben? "Ja, man muss eine richtig anspruchsvolle Bewerbung einreichen, mit allem, was dazu gehört. Und das ‘Vorstellungsgespräch‘ war das längste meines Lebens. Es hat zwei Stunden gedauert", berichtet sie.

Nach ihrem Abitur an der Humboldtschule 1996 studierte die Wilhelmshavenerin in Göttingen Humanmedizin und arbeitete anschließend seit 2004 in Holzminden in einem kleinen Krankenhaus. Transfusionsmedizin war das Thema ihrer Doktorarbeit. Seit Juni 2006 darf sie sich Frau Doktor nennen.

Ein halbes Jahr später schon machte sie sich auf den Weg nach Indien. Denn von "Ärzte ohne Grenzen" kam im November 2006 ein Angebot für ein Projekt in Indien.

"Ich war vorher noch nie in Indien, nur einmal zu einem Praktikum in Nepal. Und wo genau Manipur liegt, wusste ich auch nicht." Doch ein Blick auf die Karte verriet ihr, dass Manipur im äußersten Osten Indiens liegt. Nur 50 Kilometer von der Grenze zu Burma entfernt.

Alles andere Wissenswerte über das Land, seine Bewohner und deren medizinische Versorgung erfuhr sie in diversen Vorbereitungskursen in Kanada, Berlin, Amsterdam und Dehli und zum Glück auch von ihrem Vorgänger vor Ort, der eine gute Übergabe vorbereitet hatte.

"Meine Eltern waren anfangs doch sehr besorgt und fanden es gar nicht gut, dass ich in ein Krisengebiet gehen wollte. In Indien gibt es mehr Konflikte als man denkt", sagt Gönke Focken. Doch dass sie ihre Tochter per Handy einmal pro Woche anrufen konnten, habe ihre Eltern dann doch sehr beruhigt. "Ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre dieser Schritt wesentlich schwerer geworden. Sie haben mir hier den Rücken frei gehalten und mein ‘deutsches Leben‘ am Laufen gehalten."

Einige Wochen habe sie schon gebraucht, bis sie sich an ihre Arbeit und das Leben in Churanchandpur gewöhnt habe, räumt die junge Frau ein.

Ihr Arbeitstag begann gegen 7 Uhr. Noch bevor die ersten Patienten kommen gibt es Fortbildungsseminare und einen Austausch über Sicherheitsfragen. "Wo gab es Schwierigkeiten oder welche Straßen sind nicht mehr passierbar?" Solche Fragen gehörten zum Alltag, genauso wie die nächtliche inoffizielle Ausgangssperre. Alle, auch die Einheimischen, blieben nach Einbruch der Dunkelheit aus Sicherheitsgründen zu Hause. "Anschläge gab es in Churanchandpur eigentlich nicht, besonders nicht auf uns, wir waren eigentlich sehr sicher. Trotzdem durften wir uns innerhalb der Stadtgrenzen nur tagsüber frei bewegen, wenn wir das Handy dabei hatten. Außerhalb der Stadt durften wir nur zu zweit unterwegs sein", erzählt Gönke Focken. Einmal pro Woche sei sie gejoggt. Für die Einheimischen ein exotisches Bild, nicht nur wegen ihrer hellen Hautfarbe, sondern auch wegen ihrer Größe. Ansonsten seien sie und ihre Kollegen in ihrer Freizeit oft wandern gewesen. "Die Landschaft ist wunderschön grün und hügelig und die Temperaturen sind wegen der Lage in 1000 Metern Höhe recht angenehm."

Freizeit sei zwar regelrecht verordnet worden, doch die Arbeitstage seien trotzdem lang gewesen. Ihre Hauptaufgabe sei es gewesen, Kontakte und Kooperationen zu pflegen und zu vertiefen, Berichte zu schreiben, Behandlungsprotokolle zu erarbeiten, die nationalen Mitarbeiter aus- und weiterzubilden, die Qualität der medizinischen Versorgung im Gesundheitszentrum in der Stadt und in den vier ländlichen Ambulanzen sicher zu stellen und jede Menge anderer organisatorischer Arbeit mehr.

"Wir, die internationalen Mitarbeiter, praktizieren nicht selber", sagt Focken. "Wir, das sind eine Koordinatorin, zwei Ärzte, eine Krankenschwester/ein Krankenpfleger, und ein Psychologe." Sechs nationale Ärzte und etwa 80 weitere indische Mitarbeiter sind in dem Gesundheitszentrum und den vier peripheren Ambulanzen beschäftigt. "Hochmotiviert, bestens ausgebildet und wissbegierig. Die würde ich sofort in einem hiesigen Krankenhaus einstellen", schwärmt die junge Ärztin, die jetzt erstmal ihren Facharzt machen möchte.

Ob ihr dabei ihre Erfahrungen aus Indien helfen, weiß sie nicht genau. "In Personalführung und Management bin ich nun jedenfalls bestens geschult". Die Arbeit für "Ärzte ohne Grenzen" sei so oder so für sie nicht nur die wichtigste, sondern auch eine der schönsten Erfahrungen ihres bisherigen Lebens. Und natürlich würde sie gerne an weiteren Hilfsprojekten teilnehmen.