Südsudan

„Die traurige Wahrheit ist, dass wir nicht alle Menschen erreichen können, die Hilfe brauchen“ – Bericht aus der Geisterstadt Malakal

Die Zusammenstöße in Malakal zwischen der Regierung und oppositionellen Kräften zwangen tausende Menschen zur Flucht. Auch das „Malakal Teaching Hospital“ wurde angegriffen. Viele Menschen starben, elf Patienten wurden in ihren Betten ermordet.

Eine Metalltür quietscht. Der Wind fegt durch Kleidungsstücke, verstreuten Müll, Wasserflaschen und Plastikstühle. Das Leben hat sich zurückgezogen aus Malakal, einer wichtigen Stadt im ölreichen Bundesstaat Upper Nile im Nordosten des Südsudan. Die Zusammenstöße zwischen Regierung und oppositionellen Kräften haben Malakal in eine Geisterstadt verwandelt.

Ronyo Adwok gehört zu den Menschen, die nicht fliehen konnten. Während der heftigen Kämpfe am 18. Februar wurde das Haus des 59-jährigen Lehrers angegriffen. Dabei wurde sein Bein verletzt. Im „Malakal Teaching Hospital“ glaubte er sich sicher. Doch er irrte sich. „Jeden Tag kamen etwa zehn bis 15 bewaffnete Männer ins Krankenhaus“, sagt Ronyo. „Sie forderten Mobiltelefone und Geld. Wenn du ihnen nichts gibst, erschießen sie dich. In meiner Abteilung wurden viele Menschen getötet. Ein paar Frauen haben sie mitgenommen.“

Nicht zum ersten Mal wurden medizinische Einrichtungen im Südsudan angegriffen, seit im jüngsten Staat der Erde Mitte Dezember 2013 die Krise ausgebrochen ist. In Leer im Bundesstaat Unity kehrte ein Team von Ärzte ohne Grenzen in die Klinik zurück – und fand sie geplündert, verwüstet und in Brand gesetzt. Das Gelände von Ärzte ohne Grenzen in Bentiu wurde ebenfalls geplündert. Die Angriffe waren Teil einer breiten Welle der Gewalt, die sich gegen Kliniken, Märkte, öffentlichen Raum und teils ganze Städte richtete.

Wenn Flucht keine Option ist

Ronyo Adwok gehört zu den 53 Patienten, die zu schwach waren, um aus dem „Malakal Teaching Hospital“ zu fliehen, als es angegriffen wurde. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen mussten ihre Arbeit am 17. Februar einstellen. Als sie fünf Tage später ins Krankenhaus zurückkehrten, bot sich ihnen ein schrecklicher Anblick: „Wir fanden elf Tote – Patienten, die in ihren Betten ermordet worden waren“, sagt Carlos Francisco, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Malakal. „Drei weitere Leichen haben wir in der Nähe eines Eingangs gefunden. Das Ernährungszentrum war niedergebrannt und die Vorräte geplündert worden. Es war ein absolutes Durcheinander.“

Ärzte ohne Grenzen brachte die verbliebenen Patienten sofort auf das UN-Gelände in Malakal, das etwa 21.000 Vertriebenen Zuflucht bietet. Gemeinsam mit dem Internationalen Roten Kreuz errichtete Ärzte ohne Grenzen ein Zeltkrankenhaus, um die Notfallversorgung zu sichern. Zwischen dem UN-Lager und Malakal liegen nur sechs Kilometer, doch hier haben einige der heftigsten Kämpfe stattgefunden. „Dort liegt der Leichnam eines Zivilisten“, sagt Einsatzleiter Franciso bei einer Fahrt mit dem Auto etwa 100 Meter außerhalb des Lagers. „Er wurde getötet, als er versuchte, das Camp zu erreichen.“

Mehr als eine Million Vertriebene in 100 Tagen

Die Situation innerhalb des Lagers ist düster. „Die Menschen sind unter schrecklichen Bedingungen zusammengepfercht“, sagt Francisco. Den Vertriebenen fehlt es an Platz und sauberem Trinkwasser, die sanitären Bedingungen sind erbärmlich. Ein großes Problem ist die nahende Regenzeit.

In dem Zeitraum von nur 100 Tagen mussten mehr als 800.000 Menschen innerhalb des Südsudans fliehen. Etwa 254.000 Menschen haben nach Angaben der UN Schutz in den angrenzenden Ländern gesucht. Diese Zahlen geben einen Eindruck von den Ausmaßen des Konflikts, der innerhalb der Armee begann und schließlich große Teile der Bundesstaaten Unity, Jonglei und Upper Nile verschlungen hat. Die drei wichtigsten Volksgruppen des Südsudan – Dinkas, Nuers und Shilluks – wurden von der Krise erfasst, zehntausende Menschen leben nun in überfüllten Lagern, verteilt über das ganze Land.

„Die traurige Wahrheit ist, dass wir nicht alle Menschen erreichen können, die Hilfe brauchen“, sagt Llanos Ortiz, Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. „Wegen der Gewalt können wir manche Gegenden nicht betreten, in denen jedoch viele Vertriebene leben.“

Überlebende sind schwer traumatisiert

In Malakal zählen die Hilfsteams viele Menschen mit Durchfallerkrankungen. Man befürchtet, dass Malaria und Mangelernährung in den kommenden Monaten zunehmen werden. Viele Patienten sind verwundet, ihnen mussten Gliedmaßen amputiert werden, andere haben schwere Verbrennungen. Die meisten leiden unter psychischen Traumata. Einem Mann etwa wurde in beide Arme und beide Beine geschossen – der Angreifer wollte ihn offenbar dauerhaft einschränken aber nicht töten. Einem sudanesischen Händler wurde in den Kiefer geschossen. Er konnte nicht mehr kauen und starb. 

Die Erzählungen der Überlebenden ähneln sich: Alle beschreiben plötzliche, brutale Angriffe, die Familien zerrissen und Gemeinschaften gespalten haben. So geht es auch Ronyo Adwok: „Ich weiß nicht, wo meine Familie ist.“

200 Kilometer den Nil flussabwärts treffen sich in Melut viele von denen, die aus Malakal flüchten konnten. Die 45-jährige Ajith Athor hat eine lange Reise hinter sich. Wie viele wurde auch sie von ihrem Mann getrennt: “Ich weiß nicht, ob er tot oder lebendig ist. Wir haben Angst. Wenn der Krieg hierher kommt, werden wir sterben.“ Man sieht viele Kinder, Frauen und alte Menschen, aber wenige Männer. Ajith lebt mit mehr als 30 Frauen und Kindern in einem großen Zelt und wartet auf humanitäre Hilfe. Sie haben keine Nachricht von ihren Familien, nichts Neues aus Malakal, das nun verwüstet ist. Ajith: „Wenn unsere Lieben nicht kommen, müssen wir davon ausgehen, dass sie tot sind.“