Südsudan

"Die Menschen sterben, die Menschen leiden - es ist eine Katastrophe" - Ein Bericht über die Lage der Flüchtlinge im Südsudan

Täglich kommen neue Flüchtlinge aus dem Sudan an. Weil in denen überfüllten Flüchtlingslagern kein Platz mehr ist, lassen sie sich an provisorischen Sammelstellen nieder.

In den vergangenen Wochen sind Zehntausende Menschen vor Kämpfen aus dem Sudan in die Republik Südsudan geflohen. Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an. Da alle bestehenden Flüchtlingslager in der Region bereits überfüllt sind, mussten sich die zuletzt eingetroffenen Flüchtlinge an notdürftigen Sammelstellen niederlassen - zunächst beim sogenannten "km 43", später, als dort das Wasser ausgegangen war, bei "km 18". Sie schlafen unter Bäumen, ohne Dach über dem Kopf, sie haben keine Nahrungsmittel, und auch die Wasservorräte schwinden schnell dahin. Erna Rijnierse, Medizinerin von Ärzte ohne Grenzen, beschreibt die Situation und erklärt, warum die Flüchtlinge dringend an einem besseren Ort untergebracht werden müssen:

"Es gibt hier nichts, das nicht schwierig wäre. Bei "km 43" starben an nur einem Vormittag sechs Menschen. Eine Frau war so dehydriert, dass sie starb, als sie die Klinik erreicht hatte. Die Menschen sterben hier, und noch mehr Menschen leiden - es ist eine Katastrophe. Wir dürfen nicht dabei zusehen, wie sich die Lage weiter verschlimmert - wir müssen mit aller Kraft dafür sorgen, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen hier verbessern.

Die Straßen hier sind ein Albtraum, besonders wenn es geregnet hat. Dann ist es fast unmöglich, die Menschen zu erreichen. Im Auto gibt es nur wenige Plätze, so dass man immer nur den Patienten mitnehmen kann, der am schwersten krank ist. Jedes Mal muss man Menschen zurücklassen - in der Hoffnung, sie morgen wiederzusehen. Für einen Arzt ist das sehr schmerzlich, doch wir haben keine Wahl.

Das Problem ist, dass in dieser Art provisorischer Flüchtlingslager nicht genug humanitäre Organisationen präsent sind. Die Flüchtlinge sind wochenlang unterwegs, um hierher zu kommen. Sie sind bereits geschwächt, wenn sie hier ankommen - vor allem diejenigen, die besonders verletzlich sind: die alten Menschen, die Kinder unter fünf Jahren und die schwangeren Frauen. Ärzte ohne Grenzen hat im Lager bei "km 43" Wasser zur Verfügung gestellt, aber das Becken, in dem wir Wasser aufbereitet und verteilt haben, ist inzwischen leer. Hier gibt es nun kein Wasser mehr. Jetzt reinigen und verteilen wir Wasser in dem zweiten provisorischen Lager bei "km 18". Doch auch hier wird das Wasser bald ausgehen. Darum ist es so wichtig, dass das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und seine Partner die Flüchtlinge an einen besseren Ort bringen, und zwar unverzüglich.

38 Prozent der Kinder sind mangelernährt

Jeden Tag gehen wir zu der kleinen Klinik, die wir in einem Zelt untergebracht haben. Wir müssen die Patienten ihrem Zustand entsprechend in Gruppen einteilen, um sicher zu sein, dass wir auf jeden Fall die schweren Fälle sehen. Gestern, als wir die Klinik bei "km 18" gerade verlassen wollten, wurde uns ein kleines Kind gebracht, das nach Luft rang und unter Schock stand. Wir konnten dieses Kind retten, und das rief mir wieder ins Gedächtnis, wofür wir hier sind und was wir alles erreichen können - sogar unter den schwierigsten Bedingungen.

Letzte Woche haben wir in den beiden Übergangslagern bei "km 43" und "km 18" insgesamt 537 Konsultationen durchgeführt. Wir haben fast 300 Menschen mit Durchfallerkrankungen behandelt und 40 mit Atemwegserkrankungen. 38 Prozent der Kinder, die wir aufgenommen und auf Mangelernährung hin untersucht haben, waren mangelernährt. Dieser Prozentsatz liegt oberhalb des Grenzwertes, ab dem man von einer Notlage spricht. Außerdem steht die Regenzeit an, und wir sehen bereits die ersten Fälle von Malaria. Die Menschen leben hier auf engstem Raum, und wenn die Regenzeit einsetzt, sinken die Temperaturen. So werden wir bald sicher auch andere Krankheiten behandeln müssen, und Lungenentzündungen werden, besonders bei kleinen Kindern, wahrscheinlicher.

Die Flüchtlinge haben nicht einmal ein Stück Plastikfolie

Abgesehen von der unmittelbar lebensrettenden medizinischen Hilfe, die wir leisten, können wir wohl am meisten erreichen, indem wir Krankheiten vorbeugen. Morgen starten wir eine Masern-Impfkampagne für die Kinder unter 15 Jahren. Masern ist eine hoch ansteckende Krankheit, die lebensgefährlich sein kann - besonders in Flüchtlingskontexten, wo viele Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Die Menschen in den Lagern sind nicht geimpft - deshalb sind Impfungen Teil unseres Notfalleinsatzes.

Die 30.000 Flüchtlinge hier befinden sich in einer sehr schlimmen Lage. Bisher war die Suche nach einem Ort für ihre Unterbringung nicht sehr erfolgreich, und der Regen sowie logistische Erschwernisse haben ein gut organisiertes Vorgehen behindert. Die Flüchtlinge haben nicht einmal ein Stück Plastikfolie, unter dem sie schlafen könnten. Es besteht keine Frage: Diese Menschen müssen sofort an einem geeigneten Ort untergebracht werden, wo sie Nahrungsmittel, Wasser und Schutz bekommen können und wo für ihre Gesundheit gesorgt werden kann. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit."