Ukraine

„Die Menschen sind extrem verängstigt“ – im bevorstehenden Winter setzt Ärzte ohne Grenzen Arbeit fort

Unsere Psychologin Helena mit Mishenko Aleksander Grigorievich im Krankenhaus in Donetsk. Der 57-jährige Patient kommt aus Debaltsevo, einer Stadt mit 25.000 Einwohnern in der Region Donetsk im Osten der Ukraine.

Mit dem bevorstehenden Winter setzt Ärzte ohne Grenzen im Osten der Ukraine seine Unterstützung von Krankenhäusern auf beiden Seiten der Frontlinie fort. Unsere psychologische Hilfe für Menschen in einigen der am schwersten betroffenen Gebiete wird ausgeweitet. Trotz der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens am 5. September 2014 dauern die Kämpfe in mehreren Städten an. In den vergangenen zwei Wochen kam es zu besonders schweren Zusammenstößen.

Städte in den Regionen Donetsk und Luhansk wurden weiterhin bombardiert. In manchen Bezirken hat die Bevölkerung keine andere Wahl, als in Kellern oder Schutzräumen aus dem Zweiten Weltkrieg Schutz zu suchen. Die Banken sind geschlossen und vielen Menschen in der Region haben keinen Zugang zu Bargeld. Besonders ältere und behinderte Menschen leiden unter der Situation, da es für sie immer schwieriger wird, zu Gesundheitseinrichtungen zu gelangen und Medikamente zu kaufen.

Regierung stellt Leistungen ein

Die Ankündigung der ukrainischen Regierung vom 15. November wird die angespannte Situation in diesem Winter für die Menschen noch weiter verschärfen: Darin wurde bekannt gegeben, dass sämtliche Sozialleistungen in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten eingestellt werden, unter anderem auch alle Pensionszahlungen. Auch Krankenhäuser in der Region werden keine staatliche Unterstützung mehr erhalten. Ärzte, Pflegefachkräfte, Sozialarbeiter und andere Staatsbedienstete wurden angehalten, diese Regionen zu verlassen.

„Mehr als sechs Monate nach Ausbruch des Konflikts sind sich die Krankenhäuser in Donetsk und Luhansk aufgrund von tausenden Verwundeten und Vertriebenen völlig überlastet“, beschreibt Landeskoordinator Stéphane Prévost die Situation in der Ukraine. „Die Transportwege für medizinisches Material sind unterbrochen oder in manchen Fällen gar nicht mehr existent. Die Krankenhäuser haben ihre Budgets für 2014 bereits aufgebraucht. Viele medizinische Fachkräfte haben uns erzählt, dass sie seit Monaten kein Gehalt mehr ausgezahlt bekommen.“

Unterstützung mit medizinischem Material

Seit Mai haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen 59 medizinische Einrichtungen auf beiden Seiten der Frontlinie in Donetsk und Luhansk mit dringend benötigten Materialien unterstützt. Damit konnten mehr als 10.250 Verwundete behandelt werden. Auf Grund kritischer Engpässe wurden auch Röntgenfilm, Insulin, Generatoren und chirurgische Instrumente für Krankenhäuser bereitgestellt.

Neben dem anhaltenden Bedarf an Material zur Behandlung von Verletzten haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen auch andere kritische Lücken im Gesundheitssystem festgestellt – zum Beispiel in den Bereichen Dialyse, Geburtshilfe und der Versorgung chronischer Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Tuberkulose und HIV/AIDS. Je länger der Konflikt anhält, desto schwieriger wird auch der Medikamentennachschub, wovon hauptsächlich chronisch Kranke betroffen sind. Doch selbst wenn Arzneimittel verfügbar sind, können viele Menschen diese nicht kaufen, da sie keinen Zugang zu Bargeld haben.

Psychologische Hilfe für Betroffene

„Sowohl die Menschen, die in der Konfliktzone leben, als auch jene, die in sicherere Gebiete fliehen konnten, waren traumatischen Erlebnissen ausgesetzt, zum Beispiel Bombardements oder Gefechten. Viele haben Familienmitglieder und Freunden verloren“, so Prévost. „Der plötzliche Ausbruch dieses Konflikts geht für die Menschen mit Verlusten und der Zerstörung ihres gewohnten Umfelds einher: ihrer Häuser, ihrer Jobs, ihrer sozialen und familiären Netzwerke. Die Menschen sind extrem verängstigt. Sie wissen nicht, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt.“

Das psychologische Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt Betroffene des Konflikts in mehreren Städten auf beiden Seiten der Frontlinie. Das Team bietet psychologische Hilfe für Einzelpersonen sowie für Gruppen und Familien an, klärt über emotionale Reaktionen nach traumatischen Erlebnissen auf und zeigt, wie Menschen mit extremer Angst, Unruhe und Alpträumen umgehen können. Seit August haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen 764 Einzelberatungen und 60 Gruppenberatungen für Betroffene des Konflikts durchgeführt.

Schulungen für einheimische Gesundheitsfachkräfte

Das Team von Ärzte ohne Grenzen führt auch Trainingsprogramme für einheimische Psychologen, Sozialarbeiter und medizinische Fachkräfte durch, die in der Region arbeiten. Die Schulungen helfen, ihre Fähigkeiten zu erweitern und Burn-Out zu vermeiden. Seit August wurden 303 Weiterbildungen durchgeführt; die Themen reichten von psychologischer Ersthilfe über Stressmanagement bis hin zum Umgang mit aggressiven Patienten.

Neben der psychologischen Unterstützung hat Ärzte ohne Grenzen auch mehr als 1.800 Hygiene-Kits verteilt. Diese beinhalten Seife, Material zur Zahnreinigung, Handtücher, Bettlaken, Babynahrung und Windeln. Die Kits werden an Menschen verteilt, die vor der Gewalt geflohen sind und in Gebieten nahe der Konfliktzone Unterschlupf gefunden haben. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben angesichts des nahenden Winters auch 15.000 warme Decken an Krankenhäuser und Menschen in schwierigen Lebenssituationen in den Regionen Donetsk und Luhansk verteilt.

Versorgung von Häftlingen mit Tuberkulose

Bereits seit 2011 betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Programm zur Behandlung resistenter Tuberkulose in Haftanstalten in Donetsk. Während des aktuellen Konflikts hat Ärzte ohne Grenzen alles versucht, um dieses Projekt weiterhin aufrechtzuerhalten und den Patienten die Fortführung ihrer  Behandlung zu ermöglichen – unter anderem, um die Entstehung weiterer Resistenzen zu vermeiden. Es ist daher sehr besorgniserregend, dass der Nachschub von Medikamenten derzeit nicht einwandfrei funktioniert.