Kenia

"Die Lage scheint ruhig zu sein, aber es kommt täglich zu neuen Angriffen" - Ärzte ohne Grenzen versorgt Gewaltopfer im Westen Kenias

Während andernorts die politischen Verhandlungen laufen, gehört Gewalt für die Menschen im Distrikt Molo, im Westen Kenias nach wie vor zum Alltag. Am 15. Februar wurden die Teams von Ärzte ohne Grenzen Zeugen erneuter Gewaltausbrüche in den Distrikten Nakuru und Molo. Tags zuvor waren drei Männer in Sachangwan, einem kleinen Dorf an der Landstraße zwischen Nakuru und Eldoret, getötet worden. In Mawingo und Tegea wurden Häuser niedergebrannt. Siedlungen in diesen Gebieten, in denen Vertriebene kurz zuvor noch sicheren Unterschlupf gefunden hatten, sind nun verwaist.

Die Situation im Distrikt Molo war bereits vor den Wahlen äußerst angespannt. Anfang Dezember 2007, als die mobilen Kliniken von Ärzte ohne Grenzen ihre Arbeit aufnahmen, waren rund 20.000 Menschen auf der Flucht vor der aufflammenden Gewalt. Bereits seit Oktober 2007 wird über Kampfhandlungen zwischen verschiedenen Gemeinden berichtet.

"Die Lage scheint ruhig zu sein", erklärt Tina Varga, Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in den Distrikten Nakuru und Molo, "aber es kommt täglich zu neuen Übergriffen. Die Bevölkerung ist dadurch traumatisiert und lebt in ständiger Angst." Nach offiziellen Angaben sammeln sich die Menschen in rund 170 Flüchtlingslagern im Süden der Provinz Rift Valley. Die meisten der Lager sind klein, jeweils ein paar hundert Menschen leben dort. Unter diesen Bedingungen ist es wichtig, mit mobilen Kliniken vor Ort zu sein: "Die Bewohner der verschiedenen Gemeinden sind beruhigt, wenn sie sehen, wie unsere Teams herumfahren und ausnahmslos alle behandeln", sagt Tina Varga.

Hilfe für alle Opfer, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit

Auch in Total Junction, einem wichtigen Versorgungsknotenpunkt an den Überlandstraßen nach Eldoret und Kisumu, kam es zu schweren Übergriffen. Mehrere Häuser und Geschäfte wurden niedergebrannt, die Stadt ist fast verlassen. An der Straße zwischen Molo und Total Junction wurden die Menschen mit Drohungen und Schlägen aus ihren Häusern vertrieben.

In zwei Flüchtlingslagern nahe Total Junction leben Menschen verschiedener Stämmen zusammen, die an den Ausschreitungen beteiligt sind. Ärzte ohne Grenzen versorgt sie zwei Mal wöchentlich mit mobilen Kliniken. "Für uns war es entscheidend, allen Opfern dieser Krisensituation zu helfen, unabhängig von deren Gruppenzugehörigkeit", sagt die Einsatzleiterin Elena Velilla. "Die Menschen sollen mit eigenen Augen sehen, dass wir für alle da sind und niemanden diskriminieren."

Die Angst vor Übergriffen sitzt tief

Die meisten Vertriebenen dort können ihre in andere Gebieten verstreuten Angehörigen nicht erreichen. Sie trauen sich nicht, das Lager zu verlassen - nicht einmal, um ein bisschen Geld zu verdienen. Ebenso haben sie Angst, Krankenhäuser oder andere Gesundheitseinrichtungen aufzusuchen, weil sie befürchten, dort von Angehörigen anderer Ethnien behandelt zu werden. "Heute haben wir einen HIV/AIDS-Patienten getroffen, dessen antiretrovirale Medikamente (ARV) zur Neige gehen. Wir schlugen ihm vor, mit uns zum Krankenhaus in Molo zu kommen, um neue Medikamente zu besorgen. Er lehnte ab, weil er wusste, dass die meisten Angestellten in dem Krankenhaus einem anderen Ethien angehören. Wir mussten alleine gehen, die Medikamente abholen und sie ihm bringen", erzählt die Ärztin Radka Onderkova. Sie arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in einem der beiden Flüchtlingslager.