Demokratische Republik Kongo

Die Kinder streiten sich, wer ihre Hand nehmen darf - Turid Piening engagiert sich bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen und hat als medizinische Leiterin im Kongo gearbeitet

Nufringen. Um Menschen zu helfen, lebt sie freiwillig im Busch oder in der Wüste und setzt sich Kriegsgefahren aus. Die Medizinerin Turid Piening aus Nufringen (Kreis Böblingen) gehört seit einem Jahr Ärzte ohne Grenzen an. Jetzt ist sie nach Äthiopien aufgebrochen.

Von Günter Scheinpflug

"Hallo Weiße", rufen ihr die Menschen am Straßenrand zu. Sie ist mit dem Jeep durch unwegsames Gelände unterwegs. Ihr Ziel ist ein Flüchtlingslager bei Kitchanga in der ostkongolesischen Krisenregion Nordkivu. Die Kämpfe zwischen den Rebellen von General Laurent Nkunda und den Regierungstruppen dauern unvermindert an.

Ohne eine Aufarbeitung des Völkermords von 1994 sei kein Frieden möglich, sagt Matthias Wohlfeil, der Nothilfekoordinator der Hilfsorganisation Care im Kongo. Zwar habe Nkunda den internationalen Helfern zugesagt, dass ihnen im umkämpften Gebiet im Ostkongo nichts passiere. Dennoch herrsche Unsicherheit. Man wisse nie genau, wie die Fronten verliefen, die Gefechte ergeben sich manchmal sehr plötzlich.

Sicherheit oder gar Geleitschutz können auch Turid Piening und ihre Helfer nicht erwarten. Höchstens Respekt und freie Fahrt - wegen der Aufschrift Médicins Sans Frontieres (Ärzte ohne Grenzen) auf dem Jeep. In zwei Flüchtlingscamps in Kitchanga sind Impfstellen gegen die sich ausbreitende Masernepidemie eingerichtet worden. Die Kinder kommen gerne. Jedes erhält ein Fruchtbonbon. Das Gepikstwerden macht ihnen sogar Spaß. Die Ärzte haben einen Trick gefunden, damit sich die Kinder nicht mehrfach für die Spritze und das Bonbon anstellen: Sie tauchen den rechten Daumen der Flüssigkeit in eine violette Flüssigkeit.

2000 von ihnen werden am Tag gegen Masern geimpft, das 60-köpfige medizinische Personal hat alle Hände voll zu tun. Es sind Einheimische, die Turid Piening zur Seite stehen. Die medizinische Leiterin des Nothilfeprojekts der Ärzteorganisation ist für viele Kongolesen die erste Weiße, die sie zu sehen bekommen. "Sie lachen und freuen sich" sagt Turid Piening, "die Kinder streiten sich darum, wer meine Hand nehmen darf."

Sehr viele leiden an Unterernährung, oft unterschätzen die Mütter den Zustand ihres Nachwuchses. "Sie gehen zuerst zu ihrem Naturheiler im Dorf, wie sie es seit Generationen gewohnt sind", sagt die Nufringer Ärztin. "Wenn er nach zwei Wochen nicht helfen kann, kommen sie zu uns." Manche Kinder sehen trügerisch gesund aus, weil sich Wasser im Gewebe angesammelt hat. Viele können sich in den Kliniken von Kitchanga vor den sicheren Tod gerettet werden - vorerst zumindest. Neben Turid Piening sind im Norden Kongos noch drei weitere Ärzte, drei Krankenschwestern, zwei Logistiker, die mit Koordinationsaufgaben betraut sind, sowie ein medizinischer Projektleiter der Hilfsorganisation tätig. Seit 2008 läuft ihr Programm auf Hochtouren. Sie kämpfen nicht nur gegen Masern, sondern auch gegen Cholera und versorgen die Menschen mit dem Nötigsten.

"Ich bin im Krieg geboren und werde im Krieg sterben", sagt ein etwas 16-jähriger Junge. Die Zahl der Menschen, die wegen der Auseinandersetzungen und der Massaker zurzeit auf der Flucht sind, schätzt der Nothilfekoordinator Wohlfeil auf 250000. "Hin und wieder wird um uns herum geschossen", berichtet Piening. Mehrfach befinden sich die Ärzte ohne Grenzen in Lebensgefahr. Es gilt die höchste Sicherheitsstufe. Dazu gehört, dass auf Touren über Sprechfunk ständig Kontakt gehalten und der Aufenthaltsort durchgegeben wird. Nach Sonnenuntergang darf niemand mehr die Häuser verlassen, jeder muss warten, bis die Sonne wieder aufgeht.

"Die Kämpfe haben uns gezwungen, zwischenzeitlich die Arbeit einzuschränken und einen Teil der Helfer abzuziehen", sagt Turid Piening. "Wir kümmern uns um jeden, egal auf welcher Seite er kämpft." Ihre Organisation sei zu Neutralität verpflichtet. Die meisten Kongolesen fügen sich ihrem Schicksal. Was bleibt Ihnen anderes übrig. Sie bestellen täglich Ihre Felder, ohne zu wissen, ob sie morgen schon fliehen müssen. Bei Ihrer Rückkehr, ein paar Wochen später, sind die Pflanzen zertrampelt, oder es hat jemand anderes von der Ernte profitiert.

Der Hunger unter den Flüchtlingen und selbst unter jenen, die vorübergehend ein Zuhause haben, ist groß. Die mangelnde Ernährung fördert Krankheiten. Sozialarbeiter ziehen von Dorf zu Dorf, um mit Lautsprechern auf die humanitäre Hilfe aufmerksam zu machen. Oder um aufzuklären, wie man gegen Krankheiten vorbeugen kann. "Oft kommen die Menschen zu spät zu uns, den geschwächten Kindern können wir manchmal nicht mehr helfen", bilanziert Piening. Dabei ist das Nothilfeprojekt von Ärzte ohne Grenzen bis zum vergangenen Herbst immer weiter ausgebaut worden. Zum Schluss gibt es neben den beiden Krankenhäusern auch elf mobile Einsatzstationen und fünf mobile Ernährungszentren.

Im September 2008 endet für Turid Piening nach einem Jahr der Einsatz, das Team und die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen werden ausgetauscht. Sie haben alles gegeben. Auch Aids-infizierte Menschen hat die Nufringerin behandelt. Am meisten mitgenommen habe sie die Gewalt, sagt sie, die Aggressionen zwischen den sonst so liebenswerten Afrikanern. Angesichts der Feindseligkeiten herrschte eine furchtbare Ohnmacht auch unter den Helfern. Auf die Frage, wie die Kämpfe endlich beendet werden könnten, zuckt sie nur mit den Schultern. "Was wir machen können, ist: den Menschen eine medizinische Versorgung anbieten und weitere Ernährungsprogramme einrichten." Doch muss freilich jeder Helfer, jeder Mediziner selbst entscheiden, ob er das Wagnis eines Einsatzes an einem solchen Krisenort auf sich nimmt oder nicht.

Auch die tatkräftigen Ärzte gelangen irgendwann an ihre Grenzen. Dann sind auch sie am Ende ihrer Kräfte. Im September 2008 geht es auch für Turid Piening wieder zurück nach Europa. Zuerst fliegt sie über Amsterdam, wo sie in der Zentrale der Organisation empfangen wird und über den Stand des Projekts berichtet. Die Gespräche dienen nicht nur Dokumentation, sie sollen auch helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Die Nufringerin hat nicht nur Abstriche machen müssen vom gewohnten Lebensstandard: "Vom Essen bis zum berühmten Plumpsklo." Sie hat Tausenden von Menschen helfen können. Viele musste sie aber auch in den Tod begeleiten. Musste machtlos beim Sterben zusehen.

Nach dem Abstecher in die Niederlande reist die 34-Jährige nach Berlin, wo sie seit einiger Zeit lebt und einen Freundeskreis hat. Eine Familie kann sie bei einem solchen Job nicht gründen. Ob dies jemals der Fall sein wird, weiß sie heute noch nicht. Sie habe sich für diesen Einsatz entschieden, weil sie als Ärztin viel mehr lernen könne. Und weil diese Aufgabe mehr beinhalte, als in einer medizinischen Fachabteilung eines deutschen Krankenhauses zu arbeiten. Nach dem Studium an der Berliner Humboldt-Universität wechselte sie in der Bundeshauptstadt an die dortige Charité.

Schon während des Studiums absolvierte sie Auslandspraktika unter anderem in Südafrika und in Nepal. Von November bis März 2007 engagierte sich Turid Piening für die Clinton Foundation in Äthiopien. Nachdem die bei ihren Eltern in Nufringen Weihnachten gefeiert und ihre Kraftreserven aufgetankt hat, kehrt sie nun für Ärzte ohne Grenzen dorthin zurück. Für neun Monate geht es nach Abdurafi in der äthiopischen Region Amhara, an einen Ort, um Niemandsland". Sehr heiß soll es dort sein in dieser Wüstengegend. Es gilt eine Parasitenkrankheit zu bekämpfen und den HI-Virus.

Zum Jahreswechsel hat sie Post erhalten und E-Mails von ihren kongolesischen Freunden. Sie solle wiederkommen, haben sie ihr geschrieben. Und dass sie sie nie vergessen werden, die Ärztin, der sie immer lachend zugerufen haben: "Hallo Weiße."