Niger

Die Kinder lachen nicht“ Anne Rentschler war für Ärzte ohne Grenzen acht Monate im Niger

Die Tübinger Ärztin Anne Rentschler hat für die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Afrika gearbeitet. Acht Monate lang erlebte sie Armut und Krankheit, aber auch Gastfreundschaft und Freude.
Tübingen. Temperaturen um die 40 Grad, Menschen, die in Lehmhütten hausen, von Dürre und Malaria geplagte Kinder – dieses Szenario erwartete die Tübinger Ärztin Anne Rentschler bei ihrem Einsatz im Niger. Die 30-Jährige reiste im April 2008 im Auftrag der internationalen Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins sans Frontières, kurz MSF) für acht Monate in den zentralafrikanischen Staat. Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt, immer wieder wird es von Dürre geplagt, viele Menschen leiden an Unterernährung und Malaria.

Anne Rentschler hat in Tübingen am Kepler-Gymnasium Abitur gemacht und nach ihrem Studium in Heidelberg in einer Kinderklinik bei Leipzig gearbeitet. Dort wollte sie jedoch nicht auf Dauer bleiben, stattdessen noch vor ihrer Ausbildung zur Fachärztin in Kinderheilkunde ins Ausland reisen. Mit ihrem beruflichen Hintergrund sei ihr klar gewesen, dass sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten auf jeden Fall für andere einsetzen wollte, sagt die Frau mit dem offenen Lachen.

Rentschler arbeitete für MSF Schweiz in einem Krankenhaus für mangelernährte Kinder in dem Dorf Magaria in der Region Zinder nahe der Grenze zu Nigeria. Zusammen mit sechs anderen Ärzten, darunter ein weiterer MSF-Mitarbeiter, und 50 Krankenschwestern betreute sie rund 300 Kinder, die durch Mangelernährung und Malaria schwer erkrankt waren. Operationen führte das Krankenhaus nicht durch, die Ärzte untersuchten die Kinder und versorgten sie mit Medikamenten. Ambulante Dienste kümmerten sich in den Dörfern ringsum um die weniger schlimmen Fälle.

Etwas mulmig sei ihr bei der Anreise schon gewesen, erzählt die Tübingerin. „Ich war davor noch nie in einem Entwicklungsland und wusste, dass ich dort viel eigenverantwortlicher arbeiten würde als in Deutschland. Da fragt man sich schon: Bin ich den Anforderungen gewachsen, und packe ich das, wenn dort viele Kinder sterben?“

Und tatsächlich sei es manchmal schon „sehr hart“ gewesen. „Die Kinder dort sind nicht wie Kinder in Deutschland. Sie lachen und spielen nicht, sondern liegen apathisch in den Armen ihrer Mütter. Manche sind so entkräftet, dass sie nicht mal den Kopf heben können“, schildert Rentschler die Lage. So viele schwerstkranke, dem Tod geweihte Kinder habe sie noch nie gesehen. Besonders schlimm sei es während der Hochzeit der Malaria gewesen. Viele erkrankte Kinder litten in der Folge an Blutarmut. Mit einer Bluttransfusion hätte man ihnen in Deutschland leicht helfen können. Doch zu jener Zeit wurde in dem muslimischen Land der Ramadan gefeiert, es fanden sich kaum Blutspender. „Kinder sind gestorben, nur weil wir kein Blut hatten“, berichtet die Ärztin und hebt hilflos ihre Arme. Wie gut es den Menschen in den westlichen Industriestaaten geht, sei ihr da erst bewusst geworden. „Wir in Deutschland sehen die Privilegien gar nicht, die wir haben.“

Im Land fühlte sich Anne Rentschler sehr wohl. Zwar gelten in Niger für Frauen einige Kleidervorschriften. Auch Wasser und Strom in ihrer Unterkunft, die ihr MSF zur Verfügung stellte, funktionierten nicht immer. Die Nigrer seien ihr jedoch stets freundlich begegnet. Als blonde Frau stand die Ärztin oft im Mittelpunkt. Viele Mütter hätten nur nach der Betreuung der weißen Frau verlangt – das bringe Glück.

Sie habe viel Leid erlebt und viel Arbeit, die sie für ihr gesamtes Team – ganz anders als in Deutschland – organisieren und koordinieren musste. Aber es habe auch viele schöne Momente gegeben, sagt Anne Rentschler. Etwa, wenn es ihr gelungen sei, ein schwerkrankes Kind wieder hochzupäppeln. Oder wenn sie von einem der Krankenhausmitarbeiter nach Hause eingeladen wurde. „Die Menschen dort wirken trotz ihrer Armut nicht unglücklich. Sie schöpfen sehr viel Kraft aus ihrem Glauben und sind dankbar für jede Kleinigkeit.“

Anne Rentschler hatte sich zunächst nur für sechs Monate verpflichtet. Weil es ihr so gut gefiel, verlängerte sie ihren Aufenthalt um zwei Monate. Und sie kann sich vorstellen, mal wieder bei einem Einsatz für MSF dabei zu sein. „Ich habe so viel aus dieser Zeit mitgenommen: Selbstsicherheit, mehr Gelassenheit und das Wissen, dass es viele Dinge gibt, die ich gar nicht brauche“, sagt sie.

Nun sucht sie eine Stelle, an der sie die nötigen drei Jahre bis zu ihrer Facharztprüfung absolvieren kann. Vergangene Woche ging es aber erst nochmal nach Niger: Urlaub machen. Das war während ihrer Dienstzeit nämlich nicht möglich. „Ich freue mich, das Land nochmal als Touristin kennenzulernen“, sagt Anne Rentschler mit einem Lächeln.

 Text: Kathrin Schoch