Sudan

Die Geschichte der kleinen Awien - fast drei Viertel der Menschen haben keinen Zugang zur Basisgesundheitsversorgung

Dr. Pillay freut sich über die Fortschritte, die die einjährige Awien Macht: seit sie im Ernährungsprogramm ist, hat sie 600 Gramm zugenommen.

Aluel Atem Kat ist Mutter von fünf Kindern. Die 29-Jährige sitzt unter einem Mangobaum außerhalb des Krankenhauses in der Stadt Gograil im Südsudan, das von Ärzte ohne Grenzen betrieben wird. In ihren Armen hält sie ihr einjähriges Kind, Awien Ayam Gum. Das Mädchen ist schwer mangelernährt. Die Medienreferentin Baikong Mamid war kurz vor Beginn des Referendums im Südsudan und zeichnete die Geschichte von Aluel Atem Kat und ihrer Tochter auf. Sie ist nur ein Beispiel für die immensen Bedürfnisse, die im voraussichtlich bald unabhängigen Süden in der Gesundheitsversorgung bestehen.

Wie Aluel Atem Kat und Awien strömen jeden Tag Hunderte Menschen in das Krankenhaus, die meisten von ihnen kommen von weit her. Sie leiden an Durchfallerkrankungen, Malaria, schwerer Mangelernährung oder auch an infektiösen Krankheiten wie Buruli Ulkus.

Awiens Mangelernährung ist nicht durch eine Hungersnot oder den fehlenden Zugang zu Nahrung verursacht. Sie ist Folge des schlechten Gesundheitszustandes ihrer Mutter während der Schwangerschaft. "Ich war sehr krank, als ich mit Awien schwanger war", erzählt Aluel Atem Kat. "Eine Woche lang hatte ich Fieber, dann erholte ich mich, doch das Fieber kam zurück. Ich konnte mich nicht behandeln lassen, denn in meinem Dorf gab es keine Hilfe."

Informelle Gesundheitsversorgung

Die medizinische Versorgung im Südsudan ist schlecht, die Gesundheitssituation vieler Menschen besorgniserregend. Die meisten medizinischen Einrichtungen wurden während des Bürgerkriegs, der mehr als zwei Jahrzehnte andauerte, zerstört. Noch heute gibt es viel zu wenige Krankenhäuser, viele Südsudanesen sind tagelang unterwegs, bis sie diese endlich erreichen. Hinzu kommen die hohen Kosten für eine medizinische Behandlung. Bis zu drei Viertel der Menschen im Südsudan haben daher nicht einmal Zugang zur Basisgesundheitsversorgung. Im Krankheitsfall wird meist als erstes ein traditioneller Heiler gerufen. Hilfe in einem Krankenhaus zu suchen, ist - wenn überhaupt - nur die letzte Option.

"Ich brachte Awien zu einem traditionellen Heiler, weil ich dachte, er könnte ihr helfen. Er riet mir, meiner Großmutter eine kleine Ziege zu geben und den Göttern einige Hühner und eine Ziege zu opfern. Ich befolgte diesen Rat, doch Awien war immer noch krank und verlor weiter an Gewicht", erzählt Aluel Atem Kat.

Kein Zugang zu vorgeburtlicher Versorgung

Bevor die kleine Awien im Krankenhaus von Gograil die Behandlung beginnt, wiegt sie nur 3,3 Kilogramm und ist so klein wie ein zwei Monate altes Baby. Ihr schlechter Gesundheitszustand ist wie der vieler Kinder im Südsudan eine Folge der schlechten - manchmal gar nicht existierenden - vorgeburtlichen Versorgung.

"Als wir uns die Krankengeschichte von Aluel Atem Kat ansahen, fanden wir heraus, dass sie während ihrer Schwangerschaft an chronischem Fieber gelitten hatte, wahrscheinlich an Malaria", erklärt die Ärztin Prinitha Pillay von Ärzte ohne Grenzen. Ein zu niedriges Geburtsgewicht von Neugeborenen ist eine häufige Komplikation einer Malaria-Erkrankung während der Schwangerschaft.

"Weil ihre Mutter nicht behandelt wurde, war Awien winzig, als sie geboren wurde. Auch heute noch ist sie sehr krank. Als Einjährige sollte sie stehen können und versuchen zu laufen. Doch das Mädchen hat nie ein Gewicht erreicht, das ihrem Alter entspricht, sie ist ein sehr zartes kleines Kind", so Prinitha Pillay.

Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen, das 2009 als ambulante Klinik startete, bietet heute eine umfassende Gesundheitsversorgung für Patientinnen und Patienten aus dem ganzen Bundesstaat Warab. Manchmal werden zudem Menschen aus anderen Bundesstaaten nach Gograil überwiesen.

"Ich war fünf Stunden lang unterwegs"

"Eines Tages erzählte mir ein Nachbar, dass es in Gograil ein kostenloses und gutes Krankenhaus gibt, in dem es meiner Tochter bald besser gehen würde. Am nächsten Tag ging ich mit Awien dorthin, fünf Stunden lang", erzählt Aluel Atem Kat.

Prinitha Pillay freut sich über die Fortschritte, die ihre kleine Patientin macht. "Awien ist seit sechs Tagen in unserem Ernährungsprogramm, und es geht ihr verhältnismäßig gut. Sie hat 600 Gramm zugenommen, isst gut und es gibt keine Komplikationen. Ihre körperliche Entwicklung ist verzögert, doch wir freuen uns über jeden Fortschritt", sagt Pillay.

Im Krankenhaus in Gograil erhalten schwangere Frauen eine Reihe wichtiger Impfungen und vorbeugende Behandlungen. So wird das Risiko gesenkt, dass sich bei Müttern und ihren Babys gesundheitliche Komplikationen einstellen. Allein im Jahr 2010 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen 46.000 Untersuchungen durchgeführt, 7.000 Patientinnen vorgeburtlich versorgt und 1.200 Kinder in das Ernährungsprogramm aufgenommen.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1979 im Südsudan aktiv und betreibt Kliniken und Krankenhäuser in zehn Bundesstaaten.