Palästinensische Autonomiegebiete

"Die Bevölkerung ist Geisel der innerpalästinensischen Kämpfe" - Interview

Anfang Juni besuchte Pierre Salignon, Geschäftsführer der französischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen Israel und die Palästinensergebiete. Er traf dort Mitarbeiter seiner Organisation sowie Vertreter der israelischen Regierung und der Palästinenserbehörde, um über die Hilfsprogramme im Westjordanland und im Gazastreifen, die momentanen Arbeitsbedingungen und Möglichkeit zur Fortführung der Projekte zu sprechen. Im Interview erzählt er, wie es den Menschen in den Autonomiegebieten geht und wie die Helfer diese trotz aller Unsicherheiten zu erreichen versuchen.

Welche Auswirkungen hat der innerpalästinensische Konflikt für die Menschen in den Autonomiegebieten?

Die Zersplitterung der palästinensischen Gesellschaft ist kein neues Phänomen, aber momentan nimmt sie nicht gekannte Ausmaße an. Dies zeigt sich an der Gewalt, die unter den bewaffneten Gruppen, innerhalb von Clans, manchmal sogar innerhalb der Familien herrscht. Viele Menschen in Gaza wurden verletzt oder auf offener Straße durch Schusswechsel getötet. Andere wurden wegen ihrer politischen Einstellung Opfer von Vergeltungsschlägen und beispielsweise in die Beine geschossen. Auch Krankenhäuser blieben nicht verschont: Auch in ihnen fanden Scharmützel statt, Patienten wurden in ihrem Bett ermordet. Die Bevölkerung ist Geisel der innerpalästinensischen Kämpfe, aber auch der Politik der internationalen Gemeinschaft, die die gewählte Hamas-Regierung nicht anerkennt, diese isoliert und ihr seit Anfang 2007 keine Finanzhilfen gewährt. Dadurch wird die Abhängigkeit der palästinensischen Bevölkerung, die dazu verdammt ist, täglich in größerer Armut und Entbehrung zu leben, noch größer.

Seit Mitte Mai haben die palästinensischen Konflikte zugenommen. Mitte Juni kam es zur gewaltsamen Machtübernahme des Gazastreifens durch die Hamas. Diese neue Entwicklung ist besonders für die Bewohner des Gazastreifens beunruhigend, denn die israelische Regierung droht mit einer Totalblockade des Gebiets.

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen in den Palästinensergebieten?

Wir kümmern uns um die medizinische und psychologische Versorgung der Opfer des Konflikts und der aktuellen Gewalt in den Autonomiegebieten. Unsere Teams arbeiten in Gaza, Nablus und Hebron. Wegen des innerpalästinensischen Konflikts und einiger militärischer Übergriffe der israelischen Armee mussten wir unsere Hilfsaktionen mehrmals einstellen und unsere Herangehensweise schließlich ändern. In Nablus zum Beispiel mussten unserer Psychologen ihre Hausbesuche manchmal mehrere Tage lang aussetzen. Unsere internationalen Mitarbeiter in Gaza mussten nach Jerusalem evakuiert werden. Währenddessen haben unsere palästinensischen Kollegen die weitere Betreuung der Familien sichergestellt, Bewegungen aber vermieden, wenn es zu gefährlich war. Wir haben auch Medikamente an Krankenhäuser im Gazastreifen geliefert. Wie der Rest der Bevölkerung haben aber auch unsere Kollegen vor allem versucht, sich und ihre Familien vor der schlimmsten Gewalt zu schützen.

Wie wird Ärzte ohne Grenzen angesichts der Verschlechterung der Lage nun weitermachen?

Als die Lage in der vergangenen Woche ruhiger war, konnte ein internationales Team von uns nach Gaza reisen, um mit unseren palästinensischen Kollegen zu sprechen und zu sehen, wie sie zurechtkommen. Einige von ihnen haben während der Phase der Gewalt im vergangenen Monat Familienmitglieder verloren. Außerdem muss das Team eine Bestandsaufnahme der gesundheitlichen Situation machen. Es muss vor allem geklärt werden, wie wir in den Krankenhäusern Hilfe leisten können. Denkbar sind die Unterstützung durch internationales medizinisches Personal, Lieferungen von Medikamenten und medizinischem Materialien, aber auch finanzielle Hilfe für Ärzte, die länger nicht mehr bezahlt werden. Im Gazasteifen sind in den Krankenhäusern mehr als 630 Verletzte stationär aufgenommen worden. Einige von ihnen benötigen eine medizinische Spezialbehandlung vor Ort oder außerhalb des Gazastreifens. Unser Programm für rekonstruktive Chirurgie in der jordanischen Hauptstadt Amman zur Behandlung von Verletzten aus dem Irak könnte auch einige palästinensische Verletzte aufnehmen. Außerdem werden schon Patienten nach Israel oder Ägypten gebracht.
 

Die Arbeitsbedingungen unserer Teams bleiben jedoch schwierig und gefährlich. Die innerpalästinensischen Auseinandersetzungen gehen weiter, Israel wird mit Raketen beschossen und im Gegenzug führt die israelische Armee Militäroperationen durch. Obwohl sich die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung ständig verschlechtern, gibt es gegenüber "Ausländern" und westlichen Hilfsorganisationen gewisse Ressentiments und Frustrationen. Es besteht die Gefahr, dass sie als Helfer der Israelis und der internationalen Gemeinschaft angesehen werden. Beunruhigt sind wir auch über die anhaltende Geiselhaft des BBC-Journalisten A. Johnson und die Drohungen, ihn hinzurichten. Seit seiner Entführung im Gazastreifen sind mehr als drei Monate vergangen. Auch der Ausgang dieser Entführung könnte Auswirkungen auf unsere weiteren Hilfsaktionen haben.