Zentralafrikanische Republik

"Die Angst ist allgegenwärtig" - Interview zur Gewalt im Norden des Landes

Gabriel Sanchez arbeitete als Koordinator im Land.

Gabriel Sánchez Ibarra ist gerade aus der Zentralafrikanischen Republik zurückgekehrt, wo er ein Jahr lang als Landeskoordinator arbeitete. Im Interview berichtet er von der Situation der Menschen im Norden, die aufgrund von Kämpfen und einer instabilen Sicherheitslage immer wieder vertrieben werden und die in ständiger Angst vor neuer Gewalt leben müssen. Obwohl ein Friedensabkommen unterzeichnet wurde, das den langjährigen Konflikt beenden sollte, liefern sich Regierungs- und Rebellentruppen sowie lokale Gruppierungen und Banditen nach wie vor bewaffnete Auseinandersetzungen. Ärzte ohne Grenzen arbeitet im Zentrum des Konfliktgebiets - in und um die Städte Kabo und Batangafo -, um der Bevölkerung medizinisch zu helfen.

Wenn du an den Konflikt und dessen Folgen für die Menschen denkst, was wird dir persönlich am längsten im Kopf bleiben?

Was mir in der ZAR besonders aufgefallen ist, ist die Angst, die man überall spürt, die allgegenwärtig ist. Nach Jahren der Gewalt hat sich bei den Menschen viel Angst angestaut, viele sind traumatisiert. Durch unsere Anwesenheit und unsere medizinische und psychosoziale Unterstützung sind wir wahrscheinlich eine der wenigen Konstanten, auf die sich die Menschen verlassen können - an einem Ort, an dem sonst nichts sicher ist.

Warum hat die Gewalt in ZAR trotz des Friedensabkommens in den letzten Monaten wieder zugenommen?

Die Gewalt war niemals weg, sie war stets gegenwärtig. Manchmal ist sie Resultat eines politischen Konflikts zwischen der Regierung und bewaffneten Gruppen. Manchmal zeigt sie sich in Form von Banditenwesen oder Konflikten innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft. Die humanitären Folgen für die Bevölkerung sind jedoch stets die gleichen: Vertreibung, Angst, mangelnder Zugang zu medizinischer Versorgung. Trotz Waffenstillstandsvereinbarungen im Rahmen des Friedensprozesses, die es 2007 und 2008 gab, haben Streitigkeiten zu einer erneuten Eskalation des Konflikts geführt.

Welche humanitären und medizinischen Konsequenzen haben diese Übergriffe für die Menschen in der ZAR?

Die wohl relevanteste Folge der Übergriffe ist die Vertreibung der Bevölkerung. Seit einigen Jahren ist sie ein konstantes Merkmal des Landes. Manche Überfälle passieren sogar dort, wo die Leute sich aus Angst vor Kämpfen und möglichen Vergeltungsschlägen zurückgezogen haben - fernab von den eigentlichen Kampfgebieten. Zudem ist problematisch, dass die Vertreibung mit Beginn der Regenzeit eingesetzt hat, wenn auch das Malariarisiko am höchsten ist und die Aussaat beginnt. All diese Faktoren erschweren das Leben in den Vertriebenencamps und im Busch, wo die Menschen Schutz suchen, und bedrohen die ohnehin schlechte Lebensmittelversorgung in dem Gebiet. In Bukayanga etwa leben die Menschen seit April im Busch. Ihr Dorf ist mit ihrem ganzen Besitz abgebrannt, darunter auch die Samen für die nächste Ernte…

Wie reagiert Ärzte ohne Grenzen auf diese Probleme? Was sind die Schwierigkeiten?

In einem Konfliktgebiet zu arbeiten, ist immer schwierig. Dass die Hilfe bei denjenigen ankommt, die sie am meisten benötigen, ohne dabei das Leben der Patienten und der Mitarbeiter zu gefährden ist die größte Herausforderung. In der ZAR sind die Menschen, die wir in Notsituationen unterstützen, weit verstreut. Sie leben in schwer zugänglichen Gebieten und sind meist voller Angst. Es fehlt an allem: Basisgesundheitsversorgung, Unterkünften, Kochutensilien und Nahrung. Es sind zudem nur sehr wenige Hilfsorganisationen in der Region, die sich um die Bedürfnisse kümmern können. Unsere Teams müssen tagtäglich ganz offen mit allen bewaffneten Gruppen verhandeln, um Zugang zu den Vertriebenen zu bekommen und um die Sicherheitsbedingungen für unsere medizinische Arbeit zu gewährleisten.

Was tut Ärzte ohne Grenzen in der Region?

In unserem Projekt in Batangafo behandeln wir hauptsächlich Patienten die unter der Schlafkrankheit leiden. Das ist eine parasitäre Krankheit, die durch den Stich der Tsetsefliege übertragen wird. Unser Programm im Ort Kabo, der besonders heftig von den letzten Auseinandersetzungen betroffen war, umfasst zwei Komponenten. Wir leisten eine große Bandbreite an medizinischer Hilfe in einem Krankenhaus. Außerdem haben wir ein Programm, mit dem wir schnell und flexibel auf Notfälle und wiederkehrende Krisen reagieren können. Während der Kämpfe blieben alle internationalen und lokalen Mitarbeiter in Kabo, selbst dann noch, als die Auseinandersetzungen heftiger wurden. Wir haben zudem unsere chirurgischen Kapazitäten in dieser Zeit ausgeweitet, um die Verletzten zu behandeln. Das Problem war jedoch, dass viele Leute, vor allem Männer, das Krankenhaus nicht erreichen konnten - aus Angst, wegen der Kämpfe, oder aufgrund der Vertreibung. Ärzte ohne Grenzen hat sich dazu entschieden, diese Menschen aktiv aufzusuchen. Wir haben medizinische Hilfe geleistet und lebenswichtige Gebrauchsgegenstände verteilt.

Wie kann man sich das vorstellen?

Die vertriebene Bevölkerung hat sich sehr weit von den Straßen entfernt niedergelassen, dieses Mal sogar noch tiefer im Inland als üblich, weil sie sogar im Busch angegriffen wurden. Das hat unsere Hilfeleistung und selbst den bloßen Kontakt sehr schwierig gemacht. Wir mussten uns also neue Formen der mobilen Klinik überlegen und sind mit Fahrrädern und zu Fuß bis zu zwölf Kilometer in den Busch vorgedrungen.