Den Verwundeten im Gazastreifen drohen Infektionen

Karabi erlitt während der Angriffe schwere Verbrennungen. Sie wird chirurgisch versorgt.

Gut zwei Wochen nach dem offiziellen Ende der Angriffe auf den Gazastreifen haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen ihre Projekte ausgeweitet. Die Mitarbeiter leisten chirurgische, postoperative und psychologische Hilfe, insbesondere für Menschen, die bei der dreiwöchigen Invasion der israelischen Streitkräfte Ende des Jahres verletzt wurden. Eine Priorität ihrer Arbeit bleibt dabei, diejenigen Verwundeten zu finden und schnellstmöglich zu behandeln, die bislang keine medizinische Versorgung erhalten haben.

Zwei Teams von Ärzte ohne Grenzen, die die am stärksten zerstörten Gebiete des Gazastreifens nach Verwundeten durchsuchen, haben festgestellt, dass 20 Prozent der Schwerverletzten infizierte Wunden haben. Die Zeit spielt bei der Versorgung aller Verwundeten eine große Rolle, denn das Infektionsrisiko ist insgesamt hoch.

"Eine unserer Hauptbeschäftigungen ist das Reinigen von Wunden", sagt Jean Rijs, Chirurg bei Ärzte ohne Grenzen. "Als erstes muss die Quelle der Infektion entfernt werden, wie beispielsweise eine Kugel, Granatsplitter oder Erde in der Wunde. Aber auch Knochenteile oder -splitter, toter Muskel und infiziertes Gewebe. Wurde ein erster chirurgischer Eingriff nicht zuende geführt, sind ein zweiter und manchmal sogar mehrere zusätzliche nötig, um eine Infektion zu vermeiden. Je später der Eingriff durchgeführt wird, desto größer ist das Risiko, dass sich Knochen oder Gewebe infizieren und es zu einer tödlichen Infektion mit Tetanus oder Wundbrand kommt."

 

40 Prozent mehr Patienten als im Dezember

Seit Ende der offiziellen Kampfhandlungen wurden von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen mehr als 150 Patienten post-operativ versorgt. In einem temporären Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Gaza-Stadt werden täglich bis zu acht chirurgische Eingriffe durchgeführt. Die Teams in Gaza-Stadt und Khan Younis sehen im Vergleich zum Dezember 2008 rund 40 Prozent mehr Patienten. Täglich kommen mehr als 100 Patienten zur Klinik in Gaza-Stadt. Rund ein Drittel von ihnen sind Neuaufnahmen. Am 8. Februar wird im Norden des Gazastreifens eine dritte postoperative Klinik eröffnet.

"Wir sehen nach jeder Bombardierung die gleichen Wunden", sagt Michèle Beck, medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen. "Meistens Mehrfachbrüche durch Granaten, einschließlich offener Kopfwunden."

Spontane Bitten um psychologische Hilfe

Im Moment arbeiten zwei Psychologen von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen. Einige Menschen sprechen diese mittlerweile direkt auf psychologische Hilfe an. Das war vor den Angriffen selten der Fall.

In dieser Woche haben auch erste Therapiegespräche mit Gruppen von palästinensischen Helfern begonnen, die akute Nothilfe geleistet haben. Viele von ihnen sind Zeugen der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung geworden, haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, die Menschen zu erreichen und mussten um ihr eigenes Leben fürchten. Rettungs- und medizinische Kräfte sowie Feuerwehrleute haben während der dreiwöchigen Kämpfe fast 1.300 Einsätze gehabt - so viele wie normalerweise in drei Jahren. Psychologische Hilfe wird auch für die Familien von in den Kämpfen umgekommenen Hilfskräften angeboten.

Mehr humanitäre Hilfe - doch Bedürfnisse können nicht erfüllt werden

Die Bevölkerung im Gazastreifen war bereits vor den Angriffen von internationaler Hilfe abhängig. Doch nun sind die Bedürfnisse noch einmal dramatisch angestiegen. Fast zwei Drittel der Menschen sind von Nahrungsmittelhilfe abhängig. Nach Angaben des Bau-Ministeriums in Gaza sind mehr als 5.000 Häuser völlig und zehntausende teilweise zerstört worden. Zehntausende von Menschen leben vorübergehend bei anderen Familien.

Einige Hilfsorganisationen verteilen Matratzen, Decken und Hygieneartikel an die Bedürftigen. Doch viele haben Schwierigkeiten, die nötigen Materialien und Mitarbeiter in den Gazastreifen zu bringen. Das beschränkt die Möglichkeit, der Bevölkerung adäquat zu helfen.