Haiti

Das Scheitern des Hilfssystems

Dr. Unni Karunakara, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen (links im Bild), informiert sich im Cholera-Behandlungszentrum in Taberre über die Situation vor Ort.

Von Dr. Unni Karunakara, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen

Haiti ist eigentlich eine unübliche Kulisse für die jüngsten Verfehlungen des humanitären Hilfssystems. Das Land ist klein und gut zugänglich - und seit dem Erdbeben im Januar findet dort einer der größten und am besten finanzierten internationalen Hilfseinsätze weltweit statt. Geschätzte 12.000 Nichtregierungsorganisationen sind vor Ort. Warum aber mussten dann mindestens 2.000 Menschen an Cholera sterben, einer Krankheit, die leicht zu verhindern und zu behandeln ist?

Ende November kam ich in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince an und fand meine Kollegen von Ärzte ohne Grenzen mit kaum zu bewältigender Arbeit vor: Sie hatten bereits mehr als 30.000 Cholera-Patienten behandelt. Wir und eine Gruppe kubanischer Ärzte taten unser Bestes, um täglich hunderte Patienten zu behandeln, aber nur wenige andere Organisationen taten Grundlegendes zur Kontrolle der Cholera, wie das Chlorieren von Wasser oder Abfallmanagement.

Zehn Tage nachdem der Ausbruch Port-au-Prince erreicht hatte, mussten unsere Teams feststellen, dass die Einwohner des Slums Cite de Soleil noch immer keinen Zugang zu chloriertem Trinkwasser hatten, obwohl Hilfsorganisationen in dem UN-Cluster für Wasser und Sanitär extra Gelder angenommen hatten, um genau diesen Zugang sicherzustellen. So begannen wir selbst, Wasser zu chlorieren. Noch heute gibt es nur an einem Ort in der 3,5 Millionen-Stadt ein funktionierendes Abfallbeseitigungssystem.

Einerseits wurden die Haitianer mit Nachrichten überschwemmt, sie sollten sich vor dem Essen die Hände waschen, während sie andererseits gezwungen waren, ihre Kinder in weitestgehend unbehandelten Abwässern zu baden. Schon vor dem Erdbeben hatten nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde für Seuchenkontrolle nur 12 Prozent der 9,8 Millionen Haitianer Zugang zu behandeltem Leitungswasser.

Der Weg, die Cholera Epidemie unter Kontrolle zu halten, ist durch Hunderte vorangegangene Ausbrüche weltweit gepflastert. Und dennoch gibt es in Haiti riesige Lücken beim Einsatz eigentlich längst etablierter Schutzmaßnahmen. Mittlerweile hat sich die Epidemie im ganzen Land ausgebreitet. Mehr als 100.000 Menschen sind erkrankt, mindestens 2.000 kamen ums Leben.

Angesichts dieses grausamen Ausbruchs wurden Untersuchungen über dessen Ursachen nicht veröffentlicht, obwohl diese Informationen elementar für das Verstehen des Ausbreitungsverlaufs sind. Hypothesen über die Ursprünge der Cholera reichen von der Kontaminierung des Flusses Artibonite durch UN-Friedenstruppen über Klimaveränderungen bis hin zu Vodoo-Zauber. Fehlende Transparenz, Angst und Argwohn haben Gewalt provoziert. Die Angst der Bevölkerung wird durch die Katastrophen-Prognose der pan-amerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO), einer Schwesterorganisation der Weltgesundheitsorganisation, darüber hinaus noch verstärkt.

Zu keinem Zeitpunkt hat das PAHO-Modell zum effektiven Einsatz von Hilfe geführt. Im Gegenteil: Ein großer Teil der Hilfe konzentriert sich auf Port-au-Prince, während unerfahrene Gesundheitsarbeiter in ländlichen Gebieten, in denen die Cholera floriert, kaum Unterstützung erhielten. Teams von Ärzte ohne Grenzen haben Gesundheitszentren vorgefunden, in denen lebensrettende orale Rehydrierungslösungen ausgingen und Kliniken, die einfach verlassen wurden.

Obwohl vielen NGOs noch immer ausreichend Gelder aus der Erdbebenzeit zur Verfügung stehen, rufen sie vor diesem Hintergrund zu neuen Spenden auf. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) betont wiederholt, dass ihr Aufruf nach 174 Millionen US-Dollar, mit denen in erster Linie private Organisationen begünstigt werden sollen, eine zu geringe finanzielle Unterstützung findet und so die Aktivitäten behindert. Trotz der Tatsache, dass Haiti der top-finanzierte UN-Aufruf des Jahres 2010 ist. Dass nahezu eine Million Haitianer in dieser ausgewachsenen medizinischen Katastrophe obdachlos sind und bleiben, lässt Argumente, dass existierende Gelder in längerfristigen Programmen gebunden sind, unglaubwürdig klingen.

Die unzureichende Reaktion auf die Cholera in Haiti - direkt nach den schleppenden und hoch politisierten Fluthilfemaßnahmen in Pakistan - wirft ein schlechtes Licht auf das internationale Hilfssystem, dessen Architektur in den vergangenen 15 Jahren sorgfältig weiterentwickelt wurde.

In den 90er Jahren entwickelten die Vereinten Nationen einen bedeutenden institutionellen Apparat, um humanitäre Hilfe leisten zu können, und kreierten 1992 das UN-Büro für Humanitäre Angelegenheiten (später OCHA) - und schafften damit die Illusion eines zentralisierten und effizienten Hilfssystems. Im Jahr 2005, nach dem Tsunami in Asien, wurde das System mit der Schaffung eines kurzfristigen Notfallfinanzierungsmechanismus (CERF) erneut aktualisiert und das sogenannte Cluster-System für die Verbesserung der Nothilfekoordination entwickelt.

Heute ist die Landschaft der Hilfsorganisationen mit Cluster-Systemen für Bereiche wie Gesundheit, Unterkunft und Wasser-Sanitär gefüllt, die unrealistischerweise versuchen, Hilfsorganisationen - große und kleine unterschiedlicher Kapazitäten - unter einer Führung zusammenzubringen. Seit dem Erdbeben zählt das UN-Gesundheits-Cluster allein 420 Organisationen in Haiti.

Anstatt technische Unterstützung anzubieten, von denen viele NGOs profitieren könnten, sind diese Cluster bestenfalls geeignet, Basisinformationen und wenige konkrete Lösungen während einer sich rasch ausbreitenden Notlage weiterzugeben. Ich erlebte, wie der haitianische Präsident René Préval persönlich den Vorsitz bei einem Gesundheits-Cluster-Meeting hatte, eine letzte verzweifelte Bemühung, der Choleraeindämmung Starthilfe zu geben. Das macht die Nichtfunktionalität des Systems nur zu deutlich.

Koordination von Hilfsorganisationen mag für die Geberregierungen gut klingen, die politischen Einfluss suchen oder farbige Präsentationen, um sich bei ihrer Öffentlichkeit einzuschmeicheln. In Haiti allerdings legitimiert dieses System Organisationen, die Zuständigkeiten für Gesundheit, Sanitär oder andere Arbeitsbereiche einfordern, die dann aber nicht die Kapazitäten oder das Know-how haben, die notwendige Arbeit auszuführen. Das Ergebnis: Die Grundbedürfnisse der Menschen bleiben unerfüllt.

Auch wenn Koordination wichtig ist, darf sie nicht dem Selbstzweck dienen. Sie muss realitätsnah und handlungsorientiert sein, um sicherzustellen, dass Bedürfnisse erfüllt werden.

In Haiti wird der Choleraausbruch in absehbarer Zukunft weitere Menschenleben fordern. Dabei ist eines klar: Die Hilfsgemeinschaft ist in ihrer Gesamtheit daran gescheitert, unnötige Todesfälle zu verhindern - und das bei einer Bevölkerung, die bereits so tragisch von einer Katastrophe nach der anderen getroffen wurde.

Der Kommentar erschien als Erstabdruck in "The Guardian".