Tschad

"Das Ausmaß dessen, was die Menschen erleben mussten, habe ich noch lange nicht begriffen" - Brief aus dem Projekt

Auf dem Weg zu meinem Einsatzort im Osten des Tschad begegnen uns Nomaden mit ihren Tierherden. Erst kurz vor der Ortschaft Kerfi, wo ich im Gesundheitszentrum arbeiten soll, erscheinen die ersten Dörfer und Felder, sehe ich Frauen im Wind "die Spreu vom Weizen trennen". Der kleine Haufen Körner zu ihren Füßen ist ihre Nahrung, ihr Einkommen, ihr "Reichtum".

Hinter dem idyllischen Bild verbirgt sich aber eine harte Realität: Anhaltende Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Rebellen sowie Übergriffe von bewaffneten Banden in der Grenzregion zur sudanesischen Provinz Darfur haben den Tschad in eine tiefe Krise gestürzt. Im Südosten haben vor allem im eigenen Land Vertriebene Zuflucht gesucht, weil ihre Dörfer ausgeraubt oder niedergebrannt worden sind. Sie besitzen nicht einmal einen kleinen Haufen Körner. Die Vertriebenen sind hierher geflüchtet, weil sie das hohe trockene Gras, das es in der Gegend gibt, zu Matten für den Hausbau flechten können. Und weil der große Wadi (Flussbett) bis in die Trockenzeit hinein noch Wasser führt und darin Fische gefangen werden können. Aber eine sichere Überlebensquelle gibt es nicht für sie.

Ärzte ohne Grenzen leistet im hiesigen Gesundheitszentrum medizinische Hilfe -zusammen mit Angestellten des tschadischen Gesundheitsministeriums. Mehr als 10 Jahre lebt und arbeitet einer der Hilfspfleger, mit dem wir arbeiten, schon hier, und er hat umfassende medizinische Erfahrungen.

Durch die kostenlose Behandlung, die Ärzte ohne Grenzen anbietet, kommen nicht nur die Vertriebenen aus ihren Lagern zum Gesundheitszentrum, sondern die Bevölkerung aus der gesamten Umgebung. Etwa 2.500 Konsultationen machen wir im Monat, hinzu kommen die Behandlungen von Wunden und Verbrennungen, Geburtshilfe und mindestens 250 vorgeburtliche Untersuchungen im Monat. Schließlich behandeln wir in unserem Ernährungszentrum unterernährte Kinder. Das erste wirklich kranke unterernährte Kind, das ich behandeln soll, lässt meine Nächte unruhig werden. Die Haut des kleinen Jungen schlägt Falten, im Mund haben sich Pilzerkrankungen ausgebreitet, die Augen blicken starr. Die therapeutische Sondernahrung verweigert er zuerst standhaft.

Gemeinsam mit unseren erfahrenen tschadischen Pflegern, die mit Kindern in einem solch ernsthaften Zustand Erfahrung haben, schaffen wir es, den Kleinen wieder aufzupäppeln, das Leben in seinen Blick zurückzuholen. Wir sehen ihn schließlich nach einiger Zeit nach der Packung Sondernahrung greifen.

Im Moment sind wir dabei, am Gebäude der Klinik einen kleinen Anbau zur Beobachtung von schwer erkrankten Patienten hochzuziehen. In einem extra dafür vorgesehenen Raum sollen dann dort ebenfalls die vorgeburtlichen Untersuchungen stattfinden. Den Frauen soll so auch mehr Platz gegeben werden - schließlich sind sie und ihre Kinder es, die oft am meisten leiden.

Da ist zum Beispiel die junge Frau, die angibt, seit einem Jahr schwanger zu sein. Bei der Untersuchung kann keine Schwangerschaft festgestellt werden. So beginne ich vorsichtig nachzufragen, Hintergründe zu begreifen. Sie ist eine der Vertriebenen, und während des Überfalls auf ihr Dorf wurde sie vergewaltigt. Seitdem "steht ihr Körper still", und in ihr hat sich vor allem die Angst vor einer gewaltsam erzwungenen Schwangerschaft breit gemacht. Sie ist erleichtert, als ich ihr die Angst davor nehmen kann. Aber mir ist klar, dass sie noch viel mehr Unterstützung bräuchte als dieses eine Gespräch.

Drei Monate bin ich nun schon hier, aber das Ausmaß dessen, was die Menschen erleben mussten, habe ich noch lange nicht begriffen. Dazu strahlen mich jeden Tag zu viele Gesichter mit einem offenen Lächeln an, dazu erscheint das Leben hier, rein äußerlich betrachtet, zu friedlich. Ich glaube, das ist es, was mich am meisten berührt: wie die Menschen, die nichts mehr besitzen und schreckliche Erfahrungen gemacht haben, es dennoch hinbekommen, ihren zahlreichen Kindern gegenüber Freude auszudrücken und damit das Gefühl eines lebenswerten Lebens erhalten.

Lea Borchert