Demokratische Republik Kongo

"Besonders beeindruckt haben mich die kleinen Heldentaten der Menschen unter extremen Bedingungen" - Interview

Frank Dörner während seines Projektbesuchs im Patientengespräch

Ärzte ohne Grenzen hat die Projektarbeit in den Kivu-Provinzen im Osten der Demokratischen Republik Kongo ausgeweitet, da es seit April 2012 immer wieder zu Kämpfen gekommen ist. In dem Konflikt gibt es eine Vielzahl von bewaffneten Gruppen mit unterschiedlichen Interessen. Der Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, Dr. Frank Dörner, ist Ende August von seinem Projektbesuch im Kongo zurückgekehrt.

Wie sind Ihre Eindrücke aus den Kivu-Regionen? Wie ist die Situation derzeit?

Die Lage ist extrem unübersichtlich. In dem Gebiet sind zahlreiche Milizen und Splittergruppen sowie verschiedene Armeeeinheiten unterwegs, die sich gegenseitig bekämpfen. An den Orten, die ich während meines Aufenthalts besucht habe, gab es zu der Zeit keine Kämpfe, aber Gewalt ist dennoch allgegenwärtig, besonders im Norden. Immer häufiger werden auch Zivilisten zum Opfer von Gewalt.

Wie wirkt sich die Lage auf die Projekte aus?

In unseren Krankenhäusern haben wir seit April einen massiven Anstieg von Gewaltverletzungen registriert. Viele Menschen kommen mit Schusswunden oder Verletzungen durch Macheten. Vor April waren etwa ein Viertel der Verletzungen, die wir operieren mussten, durch Gewalt verursacht, jetzt ist es die übergroße Mehrheit. In der Stadt Mweso, wo wir ein Krankenhaus betreiben, wurde mehrfach gekämpft, einmal wurde sogar ein Patient im Krankenhaus durch einen Querschläger getroffen. Die Klinik ist völlig überbelegt - sie war auf 100 Betten ausgelegt -, tatsächlich werden dort im Moment 270 Patienten behandelt. In Mweso und Baraka haben unsere Mitarbeiter Dutzende Frauen behandelt, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. Sie werden medizinisch betreut und psychologisch begleitet. Zehntausende Menschen wurden vertrieben oder sind geflohen. Die Nahrungsmittelversorgung ist vielerorts extrem schlecht. In unserem Ernährungszentrum behandeln wir zahlreiche mangelernährte Kinder. Zudem breitet sich mit dem Regen Malaria aus - viele der Geflohenen haben keine Moskitonetze. Und leider bleibt die Situation in dem Gebiet weiterhin sehr instabil. Das gesamte Leben ist aus den Fugen geraten: Die Menschen leben in ständiger Angst. Aussaat und Ernte sind ausgefallen, Kinder konnten die Schule nicht besuchen, viele wurden von Verwandten getrennt oder konnten wegen der Gewalt keine Familienfeiern oder Beerdigungen besuchen.

Wie sicher haben Sie sich während Ihres Projektbesuches gefühlt?

Ich habe mich auf der Reise nie unsicher gefühlt, da wir ein sehr ausdifferenziertes Sicherheitssystem haben. Natürlich muss man in dieser Situation die Gefahr eines Angriffs mitdenken - deshalb gibt es für alle Mitarbeiter strenge Sicherheitsvorschriften. In erster Linie besteht das Risiko darin, ausgeraubt zu werden. Einmal sind Bewaffnete in das Krankenhaus in Mweso eingedrungen, die es auf Bargeld abgesehen hatten. Ein wichtiger Faktor für unsere Sicherheit ist, dass Ärzte ohne Grenzen in der Region seit langem arbeitet, sehr bekannt ist - und dass unsere Arbeit einen sehr guten Ruf genießt. Wir betreiben in vielen Gebieten die einzige medizinische Einrichtung. Auch Militärs wissen, dass sie und ihre Familien womöglich einmal darauf angewiesen sein werden.

Wie viele Einrichtungen betreibt Ärzte ohne Grenzen vor Ort? Mussten aus Sicherheitsgründen Projekte geschlossen werden?

Ärzte ohne Grenzen leistet medizinische Versorgung in vier Krankenhäusern, in 20 Gesundheitszentren und drei Gesundheitsstationen der Provinz Nord-Kivu. In der Provinz Süd-Kivu ist die Organisation in sechs Referenzkrankenhäusern, 25 Gesundheitszentren und fünf Gesundheitsstationen aktiv. Ärzte ohne Grenzen leitet ebenfalls mehrere Cholera-Behandlungszentren und wenn dies nötig ist, sind jede Woche mobile Kliniken und Notfall-Interventionsteams im Einsatz. Seit April mussten wir uns wegen Kämpfen - und auch, weil Mitarbeiter ausgeraubt wurden - mehrfach vorübergehend aus einzelnen Orten zurückziehen, konnten aber meist nach wenigen Tagen oder Wochen zurückkehren.

Gibt es eine Geschichte, die Sie während Ihrer Reise besonders bewegt hat?

Besonders beeindruckt haben mich die kleinen Heldentaten der Menschen unter extremen Bedingungen. Eine 75-jährige Großmutter hat zum Beispiel, als Bewaffnete in ihr Dorf kamen, in großer Gefahr erst ihre zahlreichen Enkel versteckt. Als Folge konnte sie selbst nicht mehr rechtzeitig fliehen und wurde angeschossen. Unsere Mitarbeiter haben ihr im Krankenhaus die Kugel aus dem Bein herausoperiert. Im Krankenhaus in Mweso gab es immer wieder das Problem, dass nach Kämpfen die Blutkonserven für bestimmte Blutgruppen ausgingen. In der Klinik gibt es eine Spenderdatei, so dass sich feststellen lässt, welcher Spender einen Verletzten retten könnte. Einmal sind deshalb unsere kongolesischen Mitarbeiter zu einem Blutspender aufgebrochen, während draußen noch Schüsse fielen - und haben sogar die Frontlinie überquert, damit die Operation durchgeführt werden konnte. Das hat mich sehr beeindruckt.