Behandlungsmöglichkeiten bei Ebola: Experten-Interview mit Armand Sprecher

Dr. Armand Sprecher, Spezialist für hämorrhagisches Fieber bei Ärzte ohne Grenzen

Im Interview erklärt Dr. Armand Sprecher, Spezialist für hämorrhagisches Fieber bei Ärzte ohne Grenzen, die Rahmenbedingungen potentieller neuer Behandlungsmöglichkeiten für Ebola-Erkrankte.

Wie ist der aktuelle Stand der Forschung im Hinblick auf Impfstoffe und Behandlungsmöglichkeiten bei Ebola?

Wir stehen laufend in Kontakt mit Forschungsteams und wissen, dass derzeit ein paar Medikamente und Impfstoffe gegen Ebola in frühen Entwicklungsstadien sind. Es gibt ein paar Kandidaten unter den Arzneimitteln, die sich in Tests an nichtmenschlichen Primaten als vielversprechend erwiesen haben – ein erster Indikator dafür, dass sie sicher und wirksam für Menschen sein könnten. Doch bisher wurden keines dieser Medikamente oder Impfstoffe an Menschen getestet, weder an kranken noch an gesunden. Soweit wir informiert sind, könnte es noch zwei Jahre dauern, bis ein sicheres und genehmigtes Medikament oder ein Impfstoff für den klinischen Einsatz verfügbar sind. Die Vorschriften, um weitere Tests durchzuführen, können das Prozedere mitunter sehr in die Länge ziehen.

Kann man das Medikament, das den beiden U.S.-amerikanischen Helfern verabreicht wurde, als vielversprechend bezeichnen?

Das Medikament, das den beiden Amerikanern verabreicht wurde, scheint tatsächlich sehr vielversprechend zu sein. Es ist das einzige aus der Liste potentieller Wirkstoffe, das anscheinend bei Menschen wirksam ist, die bereits Symptome zeigen.  Andere müssten ein bis zwei Tage nach der Infektion verabreicht werden, wenn noch gar keine Symptome sichtbar sind. Dass sich der erste Helfer, der mit dem neuen Medikament behandelt wurde, erholt hat, gibt Anlass zur Hoffnung.

Was ist so ungewöhnlich daran, ein Medikament in einem derartig frühen Entwicklungsstadium einzusetzen?

Wenn ein neues Medikament oder ein neuer Impfstoff entwickelt wird, testet man es normalerweise erst einmal an kleinen Tieren. Dann wird es an nicht-menschlichen Primaten getestet, um Anhaltspunkte zu haben, ob der Stoff schädlich ist oder nicht (Sicherheit) und ob er tatsächlich die jeweilige Krankheit heilt oder vor ihr schützt (Wirksamkeit). Wenn die Ergebnisse positiv sind, wird das Medikament an gesunden Menschen getestet, um die Sicherheit zu prüfen, bevor es an Erkrankten getestet wird. Die aktuelle Diskussion dreht sich um den Einsatz eines Medikaments, das zwar vielversprechende Ergebnisse in Bezug auf Sicherheit und Wirksamkeit bei nicht-menschlichen Primaten gezeigt hat, aber noch keine der anderen Schritte durchlaufen hat. Es handelt sich daher um eine höchst außergewöhnliche Maßnahme, die nur in außergewöhnlichen Situationen ergriffen werden sollte – hauptsächlich dann, wenn Ärzte davon ausgehen, dass die Menschen mit einer so hohen Wahrscheinlichkeit sterben, dass es das Risiko wert ist, diese Behandlung auszuprobieren.

Sollte dieses experimentelle Medikament in den betroffenen Regionen eingesetzt werden, um Leben zu retten?

Der Hauptstreitpunkt ist die Sicherheit. Wir wissen nicht, ob das Medikament die Patienten gefährdet und in welcher Form. Wenn ihr Zustand durch die Behandlung instabil wird, setzen wir sie vielleicht einer noch größeren Gefahr aus.

Das Medikament, das den beiden amerikanischen Helfern verabreicht wurde, besteht im Prinzip aus Antikörpern. Es gibt viele andere Behandlungsformen, die gegen andere Krankheiten eingesetzt werden, die ebenfalls auf Antikörpern basieren. Wir kennen daher auch die wahrscheinlichsten Nebenwirkungen, die eine Behandlung hervorrufen könnte (hauptsächlich allergische Reaktionen) und sind dementsprechend vorbereitet. Wenn man die überaus hohe Sterblichkeitsrate von Ebola in Betracht zieht, wir aber gleichzeitig von einem relativ hohen Sicherheitsniveau ausgehen können, dann könnte es sich nach Meinung von Ärzte ohne Grenzen um eine gute Option handeln. Doch es gibt natürlich keine Garantie dafür, dass alle Patienten durch die Behandlung geheilt werden können.

Unter welchen Umständen würde Ärzte ohne Grenzen entscheiden, das Medikament im derzeitigen Ausbruch einzusetzen?

Ärzte ohne Grenzen ist sehr daran interessiert, dass unsere Patienten von einem dieser neuen Medikamente profitieren können. Wir hoffen, dass alle Hindernisse beseitigt werden, damit das auch passiert. Die erste und offensichtlichste Hürde steht in Zusammenhang mit der Produktion: Da es sich um ein experimentelles Arzneimittel handelt, hat der Hersteller keine großen Mengen auf Lager. Wir müssten erst eruieren, wie schnell er hunderte Dosen produzieren könnte.

Das zweite Thema dreht sich um die gesetzlichen Bestimmungen.  Verschiedene Stadien der Forschung zu überspringen, die bei der Entwicklung von Arzneimitteln vorgesehen sind, verlangt eine außerordentliche Freigabe der Pharma-Regulierungsbehörde, die für die Autorisierung der Verwendung und des Exports der Medikamente zuständig ist. Der erste Schritt muss hier von der zuständigen Regulierungsbehörde in demjenigen Land ausgehen, wo das Medikament hergestellt wird. Danach müssen natürlich die Regierungen derjenigen Länder zustimmen, wo die Medikamente eingesetzt werden sollen. Sie müssten die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen für diese Maßnahme schaffen.

Und schließlich ist der Einsatz eines neuen Medikaments ohne eine extrem detaillierte Dokumentation und Beobachtung der Patienten undenkbar. Das aber würde einen gesteigerten Personalbedarf in den Behandlungszentren nach sich ziehen. Ärzte ohne Grenzen ist schon zum jetzigen Zeitpunkt personell vollkommen damit ausgelastet, den Ausbruch in den drei am schwersten betroffenen Ländern einzudämmen – zusätzliche Hilfe ist daher dringend nötig.