Ärzte ohne Grenzen verurteilt Abbotts Entscheidung, Menschen in Thailand Medikamente vorzuenthalten

Die internationale humanitäre Nothilfeorganisation Ärzte ohne Grenzen verurteilt die Entscheidung der Pharmafirma Abbott, neue Medikamente nicht mehr in Thailand zu vermarkten. Die Firma gibt an, dass diese drastische Maßnahme eine Reaktion auf die Nutzung von Zwangslizenzen durch die thailändische Regierung sei. Ärzte ohne Grenzen weist darauf hin, dass die Nutzung von Zwangslizenzen zur Verbesserung des Zugangs zu lebenswichtigen Medikamenten mit internationalen Regelungen im Einklang steht und fürchtet nun, dass thailändische Patienten die volle Last der drastischen Entscheidung Abbotts tragen müssen. Die Organisation ruft die Weltgesundheitsorganisation WHO, UNAIDS, Regierungen und andere internationale Organisationen dazu auf, Abbotts Entscheidung zu verurteilen.

Eines der Medikamente, das die Firma nicht in Thailand vermarkten will, ist die neue hitzebeständige Formulierung von Lopinavir/Ritonavir, das Abbott unter dem Markennamen Kaletra® beispielsweise in den USA und der EU vermarktet. Dieses Medikament ist lebenswichtig für die Behandlung einer steigenden Zahl von HIV/Aids-Patienten, die auf Grund natürlicher Resistenzen nicht mehr mit der Standardtherapie behandelt werden können. In den USA vermarktet Abbott die alte Darreichungsform des Medikaments, die gekühlt gelagert werden muss, schon nicht mehr. In Thailand, wo tropische Temperaturen den Einsatz dieser Form höchst unpraktisch machen, will Abbott es allerdings weiter vermarkten.

"Dass sich Abbott weigert, dieses Medikament hier zu vermarkten, ist ein Verrat an den Patienten", sagt David Wilson, der für Ärzte ohne Grenzen in Thailand tätig ist. "Unsere Patienten, die noch immer nur Zugang zur alten Form haben, warten seit langer Zeit auf die neue Form. Diese erhielt im Oktober 2005 die Marktzulassung in den USA, kann aber noch immer nicht in Thailand und den meisten anderen ärmeren Ländern erworben werden, wo dieses Medikament dringendst benötigt wird."

Thailand hat seit November 2006 für drei Medikamente Zwangslizenzen erlassen. Darunter ist das Aids-Medikament Efavirenz und die neue Formulierung von Lopinavir/Ritonavir. Sowohl die Direktorin der WHO, Margaret Chan, als auch der Direktor von UNAIDS, Peter Piot, haben sich bisher dafür ausgesprochen, dass Staaten alle Flexibilitäten des internationalen Patentrechts zum Schutz der öffentlichen Gesundheit ausnutzen. Zwangslizenzen zählen zu den wichtigsten dieser Flexibilitäten.

"Thailands Entscheidung, Zwangslizenzen zu erlassen, ist ein wichtiges Mittel, um Medikamentenpreise zu senken und den Zugang zu verbessern," sagt Ellen ‘t Hoen, Patentexpertin der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "In dieser Hinsicht ist Abbotts Entscheidung erschreckend."

Vor ungefähr einem Jahr hat Abbott angekündigt, die neue Form von Lopinavir/Ritonavir für 500 US-Dollar pro Patient und Jahr in den am wenigsten entwickelten Ländern und dem südlichen Afrika zu vermarkten. Im August 2006 gab die Firma einen Preis von 2.200 US-Dollar pro Patient und Jahr für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, wie beispielsweise Thailand, bekannt. Dieser Preis liegt weit über dem, was sich die Menschen dort leisten können. Die Standard-HIV/Aids-Therapie kostet zur Zeit 140 US-Dollar pro Patient und Jahr.

Ärzte ohne Grenzen und andere Organisationen haben Abbott wiederholt dazu aufgerufen, die neue Formulierung in ärmeren Ländern zur Registrierung anzumelden, damit Patienten in diesen Ländern Zugang zu dem Medikament bekommen. In Deutschland haben beispielsweise 4.000 Studenten und zahlreiche Fachschaften, die zusammen ca. 80.000 Studenten repräsentieren, eine Unterschriftenliste der Bundesvertretung der Medizinstudierenden unterschrieben. Ärzte ohne Grenzen und die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Susanne Kastner, unterstützten diese Aktion. Abbott hat bisher auf keinen dieser Aufrufe reagiert und nicht einmal bekannt gegeben, wo eine solche Anmeldung bereits eingereicht wurde.

"Die von Abbott angekündigten verbilligten Preise sind faktisch rein virtuell, da die Firma das Medikament in vielen Ländern bisher noch nicht zu Registrierung angemeldet hat," sagt Tido von Schön-Angerer, Direktor der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Nun geht Abbott sogar noch weiter und zieht den Antrag auf Registrierung in Thailand zurück. Ein Vorgehen, das die Patienten faktisch zu Geiseln macht."