Italien

Ärzte ohne Grenzen versorgt Afrikaflüchtlinge auf Lampedusa

Jeden Sommer kommen Tausende Migranten mit dem Boot von Afrika nach Italien. Die meisten landen in Lampedusa, einer kleinen Insel südlich von Sizilien. Mehr als 18.000 Menschen sind es jährlich. Ärzte ohne Grenzen leistet medizinische Hilfe im Hafen, wo die Boote nach der gefährlichen Überquerung des Mittelmeeres ankommen. In den vergangenen Wochen ist es mehrfach zu dramatischen Situationen im Kanal von Sizilien gekommen. Der Arzt und Psychotherapeut Luciano Grisio beschreibt seine Arbeit auf der kleinen Insel.

Wo kommen die Migranten her und wie geht es ihnen gesundheitlich?

Die Menschen, die in Lampedusa ankommen, stammen hauptsächlich aus nord- und westafrikanischen Ländern sowie aus dem Nahen Osten. Aber es kommen auch einige Pakistaner oder Kaschmiris. Meist sind es Männer, die sehr jung sind. Kinder und Frauen sind in der Minderheit.

Viele Migranten haben ihre Reise nach Italien vor vielen Monaten angetreten, einige sogar vor ein oder zwei Jahren. Hin und wieder unterbrechen sie ihre Reise in den Ländern, die sie durchqueren, um dort zu arbeiten und Geld für die Weiterfahrt zu verdienen. Wenn sie den italienischen Hafen erreichen, sind sie im Allgemeinen sehr erschöpft, durstig, manchmal ausgetrocknet, mit Hautrötungen durch Salz und Sonne. Einige haben auch Verbrennungen durch das Benzin, das sie für die Gummischlauchboote brauchen oder Atemwegsinfektionen. Darüber hinaus sind viele mutlos und ohne jede Energie.

Wie kann Ärzte ohne Grenzen im Hafen helfen?

Unser Team besteht aus zwei Ärzten, einer Krankenschwester und einem Vermittler, der die Kultur der Migranten kennt. Wenn wir von der Küstenwache über die Ankunft eines Bootes informiert werden, fahren wir mit unserer mobilen Klinik zum Hafen. Wir haben zuvor die Medikamente für die Nothilfe, das medizinische Material sowie etwas Essen, Wasser, Tee oder hochproteinhaltige Biskuits vorbereitet.

Ärzte ohne Grenzen ist verantwortlich für die ärztliche Erstversorgung der Ankömmlinge im Hafen oder wo immer es auf der Insel nötig sein sollte. Diejenigen, die medizinische Hilfe benötigen, werden untersucht und in der mobilen Klinik behandelt. Wenn ihr Gesundheitszustand sehr schlecht ist, überweisen wir sie in die Notaufnahme des Krankenhauses in Lampedusa.

Wie geht es den ankommenden Menschen psychisch?

Unglücklicherweise kommt es immer wieder zu Schiffbrüchen, und die Anzahl der Opfer ist in den vergangenen Monaten gestiegen. Die Migranten überqueren den Kanal von Sizilien in ungeeigneten Schlauchbooten oder überfüllten Booten, mit wenig Nahrung und Wasser an Bord. Sie sind oft mehrere Tage und Nächte auf See und der Hitze, der Kälte, dem Wind und den Wellen meist schutzlos ausgeliefert. Das Risiko, dass die Boote untergehen oder kentern, ist groß. Manchmal werden die Leute erst gerettet, wenn das Boot bereits untergegangen ist oder ganz kurz vorher. Diese lebensbedrohliche Situation ist für viele traumatisch und führt nicht selten zu einem Gefühl von Ohnmacht und Schrecken.

Als sofortige Folge kann es zu einer akuten Belastungsstörung kommen, die sich entweder in Angstsymptomen wie Erregung oder Zittern äußert oder in einer Depression, in der sich die Betroffenen völlig von ihrer Umwelt zurückziehen. Nach ein paar Wochen oder Monaten kann es sein, dass einige Menschen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Es kann dann zu Flashbacks kommen, bei denen sich die Person immer wieder an das Ereignis erinnert, oder zu Albträumen, in denen sich das schreckliche Erlebnis ständig wiederholt. Die Betroffenen fühlen sich seelisch sehr schlecht und sind auf das Trauma fixiert. Oft ist es so, dass Migranten, die eine lange und schwierige Reise gehabt haben, völlig überwältigt sind von den Erlebnissen und beinahe gleichgültig gegenüber allem, was sie umgibt. Einige ziehen sich dann von ihrer Umgebung zurück und weinen im Stillen.

Gibt es eine besonders schwierige Situation, an die du dich erinnerst?

Professionell gesehen nicht, aber es gab eine Situation, die für mich menschlich besonders ergreifend war. Es passierte während der Landung einer Gruppe von Westafrikanern. Sie waren gerettet worden, ihr Boot aber gesunken. Zwei ihrer Freunde waren dabei ertrunken. Diejenigen, die den beiden Ertrunkenen am nahesten gestanden hatten, lagen auf dem Rücken am Kai. Ihre Augen waren geschlossen und es schien als wüssten sie nicht, was um sie herum passiert, als wären sie durch die Tragödie erdrückt worden. Ich habe mich trotz all meiner Bemühungen so hilflos gefühlt angesichts ihres enormen Leids. Dieses Gefühl hat mich tagelang nicht verlassen.