Sri Lanka

Ärzte ohne Grenzen übergibt letztes verbliebenes Projekt

Zu dem psychologischen Hilfsprogramm in Mullaitivu gehören Gruppensitzung mit Müttern und Kindern. Ärzte ohne Grenzen übergab das Projekt im August 2012.

Ärzte ohne Grenzen hat seine letzten verbliebenen Tätigkeiten in Sri Lanka abgegeben. Die internationale medizinische und humanitäre Hilfsorganisation hatte sich erstmals im Jahr 1986 in Sri Lanka engagiert. Im August 2012 erfolgte die Übergabe des psychologischen Hilfsprogramms im Bezirk Mullaitivu an eine etablierte internationale Nichtregierungsorganisation (NGO), die einen langfristigen Maßnahmenplan für den Norden des Landes aufgestellt hat. Damit schloss Ärzte ohne Grenzen die in den letzten 18 Monaten schrittweise erfolgte Übertragung seiner medizinischen Aktivitäten an das Gesundheitsministerium ab.

"Als sich Ärzte ohne Grenzen 2010 entschloss, in der Phase der Rücksiedlung von Vertriebenen Hilfe zu leisten und den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern, war das allgemeine Bezirkskrankenhaus von Mullaitivu praktisch nicht funktionstüchtig", berichtete Marie Ouannes, Programmleiterin von Ärzte ohne Grenzen für Sri Lanka.

"Dank der Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums in Colombo oder auf Provinzebene haben die Gemeinden im Bezirk Mullaitivu nun einen viel besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung. Außerdem ist die Regierung derzeit dabei, das Personal in diesen Einrichtungen aufzustocken. Dadurch kann Ärzte ohne Grenzen die eigenen Mitarbeiter nun dort einsetzen, wo größere Engpässe bei medizinischen Diensten und Einrichtungen herrschen."

Schrittweise Übergabe

Die Tätigkeiten von Ärzte ohne Grenzen in Point Pedro wurden bereits im vergangenen Jahr erfolgreich an das Gesundheitsministerium übertragen. In der Zeit von 2006 bis 2011 unterstützte Ärzte ohne Grenzen nicht nur die Notaufnahme im dortigen Krankenhaus, sondern leistete auch in den Bereichen Geburtshilfe, Gynäkologie, Chirurgie und Infektionskontrolle Unterstützung.

2011 hatten die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen 1.720 größere chirurgische Eingriffe und etwa 6.900 Behandlungen in der Notaufnahme durchgeführt. Sie hatten zudem 5.300 Frauen pränatal betreut und bei 929 Geburten assistiert.

2012 übertrug die Organisation dann ihre Aufgaben im 80-Betten-Krankenhaus von Mullaitivu schrittweise an das Gesundheitsministerium. Im Verlauf des Jahres 2011 hatten ihre Mitarbeiter dort etwa 5.000 Behandlungen in der Notaufnahme und 1.004 größere chirurgische Eingriffe durchgeführt und gleichzeitig bei 329 Geburten Hilfestellung geleistet sowie 2.295 Frauen vorgeburtlich untersucht.

Um der isolierten Bevölkerung in Teilen des Bezirks Mullaitivu eine primärärztliche Versorgung und gegebenenfalls fachärztliche Überweisung zu ermöglichen, leitete Ärzte ohne Grenzen im Dezember 2010 ein mobiles Klinikprojekt ein. Im Laufe des Jahres 2011 führte die Organisation mit mobilen Kliniken an fünf verschiedenen Orten 200 Sprechstunden pro Woche beziehungsweise 11.524 im gesamten Jahr durch, die meisten davon in Puthukkudiyiruppu.

Ärzte ohne Grenzen richtete auch die Strom-, Wasser- und Sanitärsysteme im Krankenhaus von Mullaitivu ein, um Nachhaltigkeit in der Zukunft zu gewährleisten. Die Mitarbeiter leisteten in der Einrichtung zudem wesentliche Unterstützung beim Aufbau der Labordienste.

Psychologische Hilfe

Zahlreiche Menschen in den von den Kämpfen betroffenen Gebieten waren in der letzten Phase des Bürgerkriegs äußerst traumatischen Erlebnissen ausgesetzt. Auch wenn die körperlichen Wunden bei vielen verheilt sind: Der Bedarf an psychologischer Betreuung ist nach wie vor groß. Viele haben während des Konflikts alles verloren und sehen sich im Rücksiedlungsprozess mit neuen Problemen konfrontiert.

Auf Grundlage ihrer umfangreichen Erfahrung, die die Organisation bei der Arbeit in Gebieten während und nach Konflikten gewonnen hat, leistete Ärzte ohne Grenzen in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium und der psychiatrischen Organisation des Landes ab 2009 auch psychologische Hilfe. Diese Arbeit begann zunächst in Menik Farm - einem Lager, in dem Hunderttausende Kriegsvertriebene Aufnahme fanden - und wurde später auf acht verschiedene Orte im Bezirk Mullaitivu ausgeweitet, darunter auch in einem eigens dafür errichteten Bau auf dem Gelände des Krankenhauses von Mullaitivu.

Da vielen der Erkrankten wegen des Mangels an öffentlichen Verkehrsmitteln und aus Geldnot der Weg zu den Gesundheitseinrichtungen verwehrt blieb, mussten mobile Gesundheitsteams zum Patientenbesuch auch in die abgelegensten Gebiete reisen.

Zwischen Februar 2011 und Juli 2012 führte Ärzte ohne Grenzen 4.629 Einzel- und Gruppenberatungen für Patienten durch, die besonders dringend der psychologischen und psychiatrischen Hilfe bedurften. Gezielt richtete man sich dabei an Kinder, Frauen, ältere Personen und Menschen mit Behinderung. Ein Psychiater behandelte auch Patienten, bei denen eine posttraumatische Belastungsstörung, Depression, eine Psychose oder Epilepsie diagnostiziert wurden.

Im Rahmen des Outreach-Programms wurden Gruppensitzungen für Schüler in den regionalen Schulen abgehalten und Lehrer darin geschult, psychische Erkrankungen bei Kindern zu erkennen.

Weitere wichtige Ziele des Projektes umfassten die Entwicklung eines wirkungsvollen Überweisungssystem für Behandlungsbedürftige im Rahmen der örtlichen Gesundheitseinrichtungen sowie den Aufbau einer Gruppe von geschulten Beratern und Sozialarbeitern vor Ort in den Gemeinden.

Im August 2012 übergab Ärzte ohne Grenzen sein psychologisches Gesundheitsprogramm als letztes verbleibendes Projekt im Lande an World Vision.

"Auch wenn die akute Nachkriegsphase vorbei ist, so ist der Bedarf an psychologischer Betreuung in Vanni immer noch hoch - und das, obwohl der Krieg vor mehr als drei Jahren endete", sagte Gaia Quaranta, die als Psychologin für Ärzte ohne Grenzen tätig ist.

"Die Lösung dieser Probleme setzt Fachkenntnisse und einen langfristigen Ansatz für die kommunale Rehabilitierung voraus. Deshalb wenden wir uns an andere Organisationen mit langfristiger Präsenz in dem Gebiet, damit diese die psychologische Unterstützung in den Gemeinden weiter fortsetzen können."

Neben Verbesserungen der Infrastruktur und der Gesundheitseinrichtungen wurde in den vergangenen Jahren auch der Zugang zu den betroffenen Gebieten für Nichtregierungsorganisationen erleichtert.

"Im Norden Sri Lankas können nun andere Akteure, die für einen langfristigen Erholungsprozess besser aufgestellt sind, die betreuungsbedürftige Bevölkerung erreichen."

"Als auf Notsituationen spezialisierte medizinisch-humanitäre Organisation müssen wir bei Ärzte ohne Grenzen unsere beschränkten Mittel so einsetzen, dass sie dort zum Tragen kommen, wo der medizinische Bedarf der vernachlässigten Bevölkerung am größten ist", sagte Marie Ouannes.

Ärzte ohne Grenzen wird die Lage in Sri Lanka weiter beobachten und steht bereit, wieder in das Land zurückzukehren, um dort medizinische Unterstützung zu leisten.

Ärzte ohne Grenzen war in Sri Lanka von 1986 bis zur Waffenstillstandsvereinbarung 2003 tätig. 2004 kehrte die Organisation noch einmal für sechs Monate zurück, um bei den Rettungsarbeiten nach dem Tsunami Hilfe zu leisten. Im Mai 2006 wurden dann im Zuge des eskalierenden Konflikts im Norden des Landes neue Aktivitäten in die Wege geleitet. Die Organisation hat ihre letzte Tätigkeit im August 2012 übergeben.