Ärzte ohne Grenzen auf der Internationalen Aids-Konferenz in Sydney 2007

Medikamente mit weniger Nebenwirkungen sind unbezahlbar für Patienten - Neuer Bericht von Ärzte ohne Grenzen vorgestellt

Sydney/Berlin, 25. Juli 2007. Ein neuer Bericht von Ärzte ohne Grenzen zeigt drastische Preisrückgänge für antiretrovirale (ARV) Medikamente der zweiten Therapielinie während des vergangenen Jahres.1) Diese sind nach Angaben der Hilfsorganisation vor allem auf eine von Thailand erlassene Zwangslizenz zurück zu führen. Zugleich zeigt der Bericht aber auch einen beunruhigenden Trend: Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene neuere erste Therapielinie mit besser verträglicheren Medikamenten ist beinahe fünf mal so teuer (487 US-Dollar pro Patient und Jahr) wie die bisherige Starttherapie (99 US-Dollar pro Patient und Jahr). Damit ist sie für viele Patienten nicht bezahlbar. Der Bericht "Untangling the Web of Price Reductions" wurde am Montag von Ärzte ohne Grenzen bei der Internationalen Aids-Konferenz in Sydney veröffentlicht.

"Es ist ermutigend, dass die Preise für ARV-Medikamente der zweiten Therapielinie endlich sinken", sagte Karen Day, Pharmazeutin der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Aber wir sind besorgt: Fehlender Wettbewerb und dramatisch erhöhte Preise für die kürzlich von der WHO empfohlenen Medikamente der ersten Therapielinie könnten zur Folge haben, dass Menschen in Entwicklungsländern nicht von den verbesserten Behandlungsmöglichkeiten profitieren werden."

Ärzte ohne Grenzen hat die Bemühungen Brasiliens und Thailands analysiert, allen HIV/Aids-Patienten eine antiretrovirale Therapie zu ermöglichen. Dabei hat sich gezeigt, dass Zwangslizenzen viel wirksamer waren, einen Preisrückgang zu erreichen, als Verhandlungen mit Unternehmen um Preisnachlässe oder das Vertrauen auf eine differenzierte Preisgestaltung der Firmen.

Im Januar 2007 erteilte Thailand eine Zwangslizenz zur Umgehung des Patents für Lopinavir/Ritonavir, ein wichtiges Medikament der zweiten Therapielinie, auch bekannt als Kaletra®. Durch die Zwangszlizenz wird es dem Land ermöglicht, das Präparat entweder zu importieren oder lokal herzustellen. "Vor nur einem Jahr kostete die Behandlung eines Patienten mit Lopinavir/Ritonavir in Thailand 2.800 US-Dollar pro Jahr", sagt Kannikar Kijtiwatchakul, Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Thailand. "Seit es durch die Zwangslizenz einen Wettbewerb gibt, kostet die Behandlung desselben Patienten mit Medikamenten der zweiten Therapielinie nun 695 US-Dollar - also nur ein Viertel des bisherigen Preises. Dies ist aber immer noch viel zu teuer für die Mehrzahl der Menschen in Thailand, deren durchschnittliches Jahreseinkommen 1.600 US-Dollar beträgt."

Ärzte ohne Grenzen hat in den vergangenen zwei Jahren immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es beträchtliche Verzögerungen gibt zwischen der Einführung neuer, besser verträglicherer Medikamente in reicheren Ländern und deren Verfügbarkeit in Entwicklungsländern.

Ärzte ohne Grenzen behandelt derzeit mehr als 100.000 Patienten in über 30 Ländern gegen HIV/Aids. Darunter sind etwa 7.000 Kinder. Die Organisation betreut Menschen mit HIV/Aids in Entwicklungsländern seit Mitte der 90er-Jahre und stellte erstmals im Jahr 2000 antiretrovirale Medikamente in Thailand und Südafrika zur Verfügung.Bei der Behandlung von Kindern mit HIV/Aids stellt sich noch ein besonderes Problem bei der Verfügbarkeit von lebensnotwendigen Medikamenten. Aufgrund fehlender Forschung in diesem Bereich erhalten Kinder oft eine Therapie, die nicht auf sie abgestimmt ist. Meist müssen Tabletten für Erwachsene zerbrochen werden, speziell für Kinder entwickelte Sirups sind schwer abzumessen und scheußlich zu schlucken. Dies bringt Probleme bei der Dosierung mit sich, wodurch die Wirkung beeinträchtigt werden kann oder stärkere Nebenwirkungen auftreten können.

Vor mehr als einem Jahr brachten einige Generika-Hersteller Kindermedikamente in Pillenform auf den Markt, die drei Wirkstoffe miteinander kombinieren. Das macht die Dosierung einfacher und genauer. Die WHO hat jedoch keines dieser Produkte in ihr Präqualifizierungsprogramm 2) aufgenommen, obwohl ihr Einsatz zur Behandlung befürwortet wird. Das bedeutet praktisch, dass Kinder in Entwicklungsländern keinen Zugang zu diesen neuen Medikamenten haben. Ärzte ohne Grenzen hat deshalb diese Kombinationspräparate für Kinder intern geprüft und verwendet sie nun in den Projekten.

"Kinder mussten fünf Jahre länger auf Behandlung mit der einfachsten Form von Kombinationspräparaten warten als Erwachsene", sagt Karen Day. "Es ist nicht akzeptabel, dass die WHO diese Medikamente nicht präqualifiziert."

1) Die Medikamente der zweiten Therapielinie werden nach einigen Jahren Behandlung mit der ersten Therapielinie aufgrund von Resistenzentwicklungen benötigt.

 2) Dieses Programm ist ein Instrument der WHO, das die Qualität von Medikamenten überprüft. Es ist besonders wichtig für Länder, die keine eigenen Kapazitäten haben, die Qualität von Arzneimitteln zu beurteilen.

Weitere Informationen: Pressestelle, Christiane Loell, 030- 22 33 77 00