Japan

Ältere Menschen mit chronischen Krankheiten sind am schlimmsten betroffen

Interview mit Eric Ouannes, Geschäftsführer der japanischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen

Können Sie kurz beschreiben, wie Ärzte ohne Grenzen auf das Beben reagiert hat?

Ziemlich schnell. Zumindest haben wir versucht, sehr schnell zu reagieren. Wir haben gleich von Beginn an ein sehr kleines Team gebildet, um möglichst flexibel und mobil zu sein und auf neue Situationen schnell reagieren zu können. Um sich schnell von einem zum nächsten Ort begeben zu können und um ein möglichst großes Gebiet und möglichst viele Evakuierungszentren abdecken zu können.

Wie hat Japan auf das Erdbeben und die Tsunamis reagiert?

Es war ein enormer Einsatz. Die Zahlen kennen wir nicht genau, aber es wurden etwa zwischen 80.000 und 250.000 Menschen mobilisiert, hauptsächlich aus den japanischen "Self Defense Forces" sowie aus anderen medizinischen Nothilfeeinrichtungen. Sowohl ausländische Hilfsorganisationen wie auch staatliche Organisationen aus dem Ausland wurden einbezogen.

Was sind die Hauptprobleme an den Orten, die die Teams gesehen haben?

Derzeit sind in den 20 bis 30 verschiedenen Evakuierungszentren, die wir besucht haben, die chronischen Krankheiten von alten Menschen die Hauptprobleme. Ihre Behandlung wurde unterbrochen - daher versuchen unsere Ärzte, sie wieder aufzunehmen, um einer akuten Lebensgefahr dieser Menschen vorzubeugen. Ein weiteres Problem sind die widersprüchlichen Informationen der letzten vier Tage. Dies wird zwar jetzt besser, stellt aber immer noch ein Problem dar. Transport ist ebenfalls schwierig. Die Straßen waren fast überall kaputt, wo wir hinfuhren, und Benzinmangel war auch ein Thema.

Die vom Erdbeben und den Tsunamis betroffenen Menschen haben viele Probleme auf einmal: die Kälte - das Wetter ist derzeit eher schlecht - sowie Nahrungs- und Wassermangel. Der dringendste Bedarf sind Decken, damit besonders verletzliche Menschen gegen die Kälte geschützt werden.

Welche chronischen Krankheiten haben Sie hauptsächlich gesehen?

Die üblichen chronischen Krankheiten, die ältere Menschen haben: Bluthochdruck, Herz-, Kreislauferkrankungen und Diabetes. Wir versuchen, wie gesagt, ihre Behandlung wieder aufzunehmen. Wir haben auch ein paar Fälle von Unterkühlung und Dehydrierung - zusätzlich zu den erwähnten Krankheiten - erlebt. Aber es handelt sich dabei um eine geringe Anzahl von Fällen angesichts der großen Anzahl von Menschen, die vertrieben wurden oder ihr Zuhause verloren haben.

Plant Ärzte ohne Grenzen angesichts der Situation einen langfristigen Einsatz?

Das können wir noch nicht sagen. Im Moment überlegen wir, ob wir unser Einsatzteam erweitern sollen. Diese Entscheidung haben wir noch nicht getroffen. Wenn wir versuchen, unser Einsatzgebiet auszudehnen, werden wir ziemlich sicher von unserem jetzigen Standort aus gesehen ein Stück weiter in den Norden gehen müssen. Wir arbeiten aktuell im Norden der Provinz Miyagi und versuchen in die Provinz Iwate zu gelangen, um zu sehen, ob dort ein ähnlicher Bedarf an Hilfe existiert und es dort ähnliche Lücken wie in Miyagi gibt, die Ärzte ohne Grenzen füllen könnte. Die Struktur, die wir zu Beginn eingeführt haben, mit sehr flexiblen Teams auf die Bedürfnisse der Menschen zu reagieren, ist erfolgreich. Wir werden diese Strategie beibehalten, vielleicht mit mehr Teams größere Bedürfnisse abdecken, aber es ist definitiv kein riesengroßer Hilfseinsatz mit hunderten internationalen Mitarbeitern aus der ganzen Welt. Im Augenblick sieht es absolut nicht danach aus.

Warum ist das so?

Es gibt große Hilfsanstrengungen der japanischen Regierung und von ausländischen Regierungen. Im Moment können wir nicht von einer humanitären Krise sprechen, weil die wichtigsten Bedürfnisse gedeckt sind. Einige Krankenhäuser in der Region funktionieren noch, ebenso die Überweisung von Patienten, es gibt Medikamente, und Ärzte sind in den meisten Krankenhäusern verfügbar.

Selbstverständlich gibt es einige Lücken, aber nichts, was angesichts des Ausmaßes dieser Katastrophen ungewöhnlich wäre. Ich spreche bewusst von Katastrophen, weil mehrere Ereignisse passiert sind. Die Lücken, die durch diese Ausnahmesituation entstanden sind, versuchen wir zu füllen.

Was wird Ärzte ohne Grenzen tun, wenn es zu einem maßgeblichen nuklearen Zwischenfall kommt oder wenn sich die Situation in Fukushima verschlimmert?

Dann werden wir unsere Teams evakuieren. Das ist ganz einfach. Heute beobachten wir die Situation stündlich. Unser Personal auf dem Gelände ist mit Strahlungsdetektoren ausgerüstet. Wir prüfen die Situation mit verschiedenen Regierungs- und Nichtregierungsstellen und mit unterschiedlichen Stellen weltweit, nicht nur in Tokio. So bald wir ein Level erreicht haben, das wir als gefährlich für uns einstufen - das heißt, wenn die Situation gesundheitsbedrohlich oder gefährlich für unsere Teams wird - werden wir sie evakuieren. Wir verfügen über die Mittel, sehr schnell zu evakuieren, kennen die Evakuierungsrouten, also das ist es, was wir tun werden.

Wie sieht es mit der Behandlung von Erkrankungen aus, die durch Verstrahlung verursacht werden? Kann Ärzte ohne Grenzen dies in Erwägung ziehen?

Zu diesem Zeitpunkt nicht. Wir sind auf diesem Gebiet keine Experten. Im Moment mobilisieren wir unser gesamtes Netzwerk in Bezug auf das Thema der nuklearen Verstrahlung. Einige unserer 25.000 bis 30.000 Mitarbeiter im Netzwerk von Ärzte ohne Grenzen haben in diesem medizinischen Bereich schon gearbeitet. Wir sammeln gerade deren Expertise, um herauszufinden, ob wir hier speziell reagieren können. Dies ist jedoch eher die Pflicht der japanischen Behörden, und soweit wir informiert sind, bereitet sich die Regierung gerade darauf vor.

Wird Ärzte ohne Grenzen einen Spendenaufruf für den Einsatz in Japan starten?

Wir wissen noch nicht, welches Ausmaß dieser Einsatz in den nächsten Wochen und Monaten erreichen wird. Deshalb ist es zu früh, das zu sagen. Wir diskutieren diese Frage natürlich und sehen, dass viele internationale Organisationen, die nicht in Japan vor Ort sind, zu Spenden aufrufen. Im Moment ist es so, dass die Organisation über genug Geld verfügt, um den aktuellen Hilfseinsatz finanzieren zu können. Wir werden in den nächsten Tagen entscheiden, wie es weiter geht.