Für ein Arbeitsumfeld, das frei von Belästigung, Ausbeutung, Missbrauch und Rassismus sein soll

Als humanitäre Organisation tritt Ärzte ohne Grenzen für den respektvollen Umgang mit Menschen ein. Daher wollen wir keinerlei Form von Missbrauch und Diskriminierung einschließlich Machtmissbrauch und Belästigung tolerieren. Umso betroffener macht uns, dass auch innerhalb unserer Projekte Menschen Opfer von Belästigung und Missbrauch wurden. Gleiches gilt für rassistische Diskriminierung. Seit vielen Jahren wird die mangelnde Diversität innerhalb unserer Organisation thematisiert, bei der Umsetzung sind die Fortschritte jedoch keineswegs ausreichend. Wir brauchen eine verstärkte Auseinandersetzung mit Rassismus in unserer Organisation und der humanitären Hilfe.

Die Führung von Ärzte ohne Grenzen hat sich unzweideutig dazu verpflichtet, jegliche Form von Diskriminierung und Missbrauch zu bekämpfen, Betroffenen umfassende Hilfestellungen zu bieten sowie Mechanismen und Verfahren zu stärken, um Fehlverhalten vorzubeugen. Denn die Integrität unserer Organisation und damit die Möglichkeit humanitäre Hilfe zu leisten, wird durch das gute Verhalten jedes einzelnen Mitarbeiters und jeder einzelnen Mitarbeiterin bestimmt – an jedem Ort und unter voller Achtung der Menschen, für die wir arbeiten. Eine diverse, inklusive, anti-rassistische und für alle sichere Organisation zu sein, bleibt unser Ziel.

Das bedeutet, dass wir kein Verhalten von Mitarbeitenden akzeptieren, welches die Verletzlichkeit anderer ausnutzt oder die jeweilige Position zum persönlichen Nutzen missbraucht. Wir tolerieren keinen physischen oder psychischen Missbrauch von Personen, keine sexuelle Belästigung oder jegliches Verhalten, das rassistisch ist und die Menschenwürde nicht respektiert. Wir sind uns bewusst, dass Rassismus über die individuelle Ebene hinaus betrachtet werden muss und wollen proaktive Schritte gehen, um systemischen Rassismus zu adressieren. Weiße und aus dem Westen stammende Angestellte sind in unserem Topmanagement unserer Operationalen Zentren sowie in den Projekten überrepräsentiert.(1) Dies versuchen wir durch verschiedene Maßnahmen bereits seit einigen Jahren zu verändern. Doch hier muss mehr passieren. Stimmen von Schwarzen, Indigenen und People of Color- Mitarbeiter*innen zeigen einmal mehr, wie dringend nötig es ist, die Auseinandersetzung mit Rassismus innerhalb unserer Organisation zu intensivieren und Veränderungen zu beschleunigen.

Wir erwarten von allen Mitarbeitenden, dass sie ihrer Rolle entsprechen, Menschen in Not respektvoll zu helfen. Sie verpflichten sich, sich an die in unserer Charta und in unseren Behavioural Guidelines festgelegten Leitprinzipien zu halten und ihren Berufsethos zu wahren. Zudem werden alle Projektmitarbeiter*innen vor ihrem Einsatz über Beschwerdemechanismen informiert und darin bestärkt, diese zu nutzen. Vor der Ausreise erhalten sie u.a. ein Vorbereitungstraining und auch im Projekt selbst wird im Rahmen der Verhaltenssensibilisierung auf unseren Code of Conduct hingewiesen. In den Projekten vor Ort sind die Manager*innen angewiesen, das Verhalten der Mitarbeitenden – insbesondere gegenüber verletzlichen Patient*innen – aufmerksam zu beobachten und gegebenenfalls nötige Maßnahmen zu ergreifen.

Uns ist wichtig zu betonen, dass jeder Fall von Diskriminierung, Ausbeutung und Missbrauch ein Fall zu viel und in keiner Weise zu tolerieren ist. Bedauerlicherweise kann aber auch Ärzte ohne Grenzen ein Fehlverhalten Einzelner nicht verhindern. Deswegen richten wir unsere Aufmerksamkeit stark darauf, unsere Präventions-, Melde- und Nachsorgemechanismen zu verbessern:

Unsere Beschwerdemechanismen

Bei Ärzte ohne Grenzen gibt es seit langem Verfahren, um Fehlverhalten wie Belästigung, Diskriminierung oder Missbrauch jeglicher Art vorzubeugen, zu identifizieren, zu melden und darauf entschieden zu reagieren. Dazu gehören verschiedene persönliche und anonyme Beschwerde- und Hinweismechanismen. Durch diese Mechanismen werden alle Mitarbeiter*innen ermutigt, unangemessenes Verhalten und Missbrauch zu melden – entweder über ihre Vorgesetzten oder über spezielle Berichtswege außerhalb hierarchischer Strukturen mit eigens dafür eingerichteten E-Mail-Adressen. Opfer oder Zeugen aus der Bevölkerung, für die Ärzte ohne Grenzen arbeitet, werden ebenfalls ermutigt, Fehlverhalten an uns zu melden, damit wir auf Vorwürfe angemessen reagieren können.

Der erste Schritt: Bewusstsein schaffen

Seit mehreren Jahren informieren wir in einer breit angelegten Sensibilisierungskampagne alle Mitarbeiter*innen über die Mechanismen, die ihnen zur Meldung von Diskriminierung oder Missbrauch zur Verfügung stehen. Diese Informationen werden auf verschiedenen Wegen verbreitet, unter anderem in Leitfäden für Mitarbeitende, Briefings, Projektbesuchen und Schulungen, auch in unseren Projekten. Darüber hinaus aktualisieren und optimieren wir regelmäßig elektronische Briefings und Lernmodule zum Verhalten im Projekteinsatz und zum Umgang mit Missbrauch. Auch im Jahr 2019 wurden die Aktivitäten in all diesen Bereichen fortgesetzt, neue Instrumente zur Verbesserung der Sensibilisierung, Prävention und Aufdeckung inakzeptabler Verhaltensweisen entwickelt und die Datenerfassung und -weitergabe in der gesamten Organisation verbessert. Auch schulen wir alle Mitarbeitenden einschließlich des Managements zum Verhaltenskodex von Ärzte ohne Grenzen, sowie zu den Themen Diversität, Gleichberechtigung und Integration.

Die vertrauliche Behandlung von Hinweisen

Wenn ein Fehlverhalten gemeldet wurde, haben Sicherheit und Gesundheit der Opfer und des Hinweisgebenden für Ärzte ohne Grenzen oberste Priorität. Die sofortige Hilfe für die Opfer kann beispielsweise beinhalten, dass wir sie psychologisch und medizinisch versorgen und sicherstellen, dass sie rechtliche Hilfe erhalten.

Ärzte ohne Grenzen möchte sichergehen, dass derartige Situationen mit höchster Vertraulichkeit für die Opfer und Zeugen behandelt werden. Dies ist äußerst wichtig für die, die in eine Untersuchung von Anschuldigungen durch Ärzte ohne Grenzen einwilligen. In Untersuchungen werden Fakten ermittelt, dann werden geeignete Maßnahmen ergriffen und Sanktionen verhängt sowie Präventivmaßnahmen für die Zukunft ergriffen. Mögliche Konsequenzen für die betreffenden Mitarbeiter*innen sind unter anderem offizielle Abmahnungen und verpflichtende Schulungen sowie eine vorübergehende oder endgültige Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Ärzte ohne Grenzen respektiert immer die Entscheidung der Opfer, eine Angelegenheit vor Gericht zu bringen oder nicht.

Entscheidend: Barrieren zur Meldung von Vorfällen abbauen

Die Zahl der Meldungen, die über die Beschwerdemechanismen von Ärzte ohne Grenzen eingingen, sind im Vergleich von 2018 auf 2019 von 356 auf 322 um rund 10 Prozent gesunken. (Dennoch liegen sie in insgesamt in den vergangenen beiden Jahren deutlich höher als noch im Jahr 2017, wo es 183 Meldungen gab.) Diese Zahlen sind ein Hinweis darauf, dass eine stärkere Aufmerksamkeit für das Thema mehr Menschen dazu veranlasst hat, sich zu melden. Dennoch müssen wir leider davon ausgehen, dass Fehlverhalten weiterhin nicht in vollem Umfang gemeldet wird. Die Gründe dafür dürften u.a. in der gesamtgesellschaftlich verbreiteten Sorge vor negativen Folgen einer Meldung für die Betroffenen oder die Hinweisgebenden liegen. Wir beobachten auch, dass es bei den Beschwerde-Einreichungen unterrepräsentierte Gruppen gibt. Zu diesen zählen in den Projekten vor Ort eingestellte Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen, Patient*innen und deren Begleitpersonen. Bei den Zahlen von 2019 ist zwar immerhin ein Anstieg von Meldungen aus diesen Gruppen zu verzeichnen, doch es ist wichtig anzuerkennen, dass hier längerfristig noch viel getan werden muss. 2019 haben wir deshalb damit begonnen, Trainings für Mitarbeitende und Workshops mit Patient*innen und deren Begleitpersonen abzuhalten, um die Verbesserungen einzuleiten.

Im Jahr 2019 beschäftigte Ärzte ohne Grenzen weltweit rund 65.000 Mitarbeiter*innen, von denen 90 Prozent in den Projekten der Organisation arbeiteten. Mit insgesamt 322 Beschwerden (2018: 356) verzeichneten wir eine leichte Abnahme an Meldungen aus unseren Projekten. 154 dieser Beschwerden wurden nach entsprechender Untersuchung entweder als Missbrauch oder unangemessenes Verhalten bestätigt (2018: 134). 104 Fälle von den 154 Beschwerden wurden als Missbrauch qualifiziert (2018: 78). Dies umfasst verschiedene Formen des Missbrauchs, wie sexuellen Missbrauch, Belästigung und Ausbeutung, Machtmissbrauch, Diskriminierung sowie psychische oder körperliche Gewalt. (Diskriminierung ist definiert als ungerechtfertigte Ungleichbehandlung zu Ungunsten eines Menschen oder einer Gruppe von Personen, die auf einem der folgenden oder anderen Identitätsmerkmalen beruht: ethnische Zuschreibungen, Gender, sexuelle Orientierung, sozioökonomischer Hintergrund, Herkunft, Religion, Glaubensvorstellungen, Weltanschauung oder Lebensstil. In die Kategorie „Diskriminierung“ fällt demnach auch Rassismus.) Im Jahr 2019 gab es in der gesamten Kategorie „Diskriminierung“ 12 Beschwerden.

Wegen verschiedener Formen von Missbrauch wurden 2019 insgesamt 57 Mitarbeitende entlassen (2018: 52). 63 der 104 als Missbrauch qualifizierten Fälle in 2019 bezogen sich auf sexuellen Missbrauch, Belästigung oder Ausbeutung (2018: 59). 37 Beschäftigte wurden deswegen entlassen (2018: 36).

2019 gab es 50 bestätigte Fälle von unangemessenem Verhalten (2018: 56). Hierunter fallen u.a. Drogenkonsum, unangemessene Beziehungen und Verhalten, das nicht dem gesellschaftlichen Standard entspricht oder den Teamzusammenhalt beeinträchtigt, sowie Missmanagement von Mitarbeitenden.

Das gemeinsame Ziel

Die Schaffung und Aufrechterhaltung einer Arbeitsumgebung, die frei von Missbrauch, Belästigung und Diskriminierung ist, ist ein stetiges Unterfangen, für das wir alle verantwortlich sind. Ärzte ohne Grenzen ist sehr darum bemüht, diese Arbeitsumgebung zu schaffen sowie alle Barrieren abzubauen, die Menschen von einer Meldung von Fehlverhalten abhalten könnten. Darum setzen wir uns kontinuierlich dafür ein, das Bewusstsein für die Mechanismen zur Meldung von Fehlverhalten in der gesamten Organisation zu schärfen sowie die Beschwerdemechanismen selbst zu verbessern.

Wir möchten sicherstellen, dass alle – von den Patient*innen sowie der Bevölkerung in den Gemeinden, in denen Ärzte ohne Grenzen tätig ist, bis hin zu Besucher*innen in den Zentralen der Organisation – über diese Prozesse und den Zugang zu ihnen informiert sind. Außerdem ist es uns besonders wichtig, Betroffene und Hinweisgeber zu jedem Zeitpunkt zu schützen. Wir wollen Rassismus, Ungleichheiten und Diskriminierung abbauen und die Veränderung unserer Personalpolitik, die Verbesserung von Beschwerdemechanismen und die Bereitstellung internationaler Karriere-Möglichkeiten für in den Einsatzländern eingestellte Mitarbeiter*innen vorantreiben. Wir arbeiten weiter daran, Barrieren zu identifizieren und abzubauen, um Vielfalt auf allen Ebenen zu erreichen.

 

(1) Unsere Belegschaft besteht aus etwa 65.000 Menschen, von denen 90 Prozent in den Projekten der Organisation arbeiteten. In unseren Projekten kommen derzeit zwischen 40 und 50 Prozent unserer international rekrutierten Koordinator*innen aus nicht-westlichen Regionen.