Wo Wunden nicht heilen

In vielen Projekten im Nahen Osten, wie hier in Gaza, informieren wir die Patient*innen in kleinen Runden über Antibiotikaresistenzen und die notwendigen Behandlungsmaßnahmen.

Bakterien sind überall. Die meisten sind harmlos, einige nützlich und manche können wirklich gefährlich sein. Die Entdeckung von Antibiotika zur Bekämpfung bakterieller Infektionen glich einer Revolution in der Medizin. Bis dahin starben viele Menschen in Folge vermeintlich leichter Krankheiten oder kleinerer Wunden. Doch Bakterien passen sich, wie alle Lebewesen, an neue Umgebungen an. Und mit dem weit verbreiteten Einsatz von Antibiotika in den letzten Jahrzehnten ging ein deutlicher Anstieg an Resistenzen einher. Dort, wo gewalttätige Konflikte herrschen – wie vielerorts im Mittleren Osten - ist das Problem besonders komplex.

"Eine Kriegswunde hat ein enormes Potenzial für bakterielle Infektionen", erklärt Dr. Jorgen Stassijns. Er koordiniert die Anstrengungen von Ärzte ohne Grenzen, um das Problem der Antibiotikaresistenzen in den Griff zu bekommen. "Eine Kugel oder ein Stück Schrapnell reißt die Haut auseinander und das Fleisch auf, so dass Bakterien eindringen können. Das Risiko einer Infektion ist enorm."

Waleeds Geschichte

Ein Beispiel für die potentiell schweren Folgen einer solchen Infektion ist Waleed. Er ist Patient in unserem Krankenhaus für rekonstruktive Chirurgie in Amman. Im Jahr 2016 ging er in der jemenitischen Stadt Ibb die Straße entlang, als von einem Flugzeug aus das Gebäude neben ihm beschossen wurde. Eine Mauer stürzte über ihm ein und verletzte ihn schwer an Kiefer und Bein. Bis heute hat sich Waleed nicht vollständig erholt. "Ich wurde in Ibb behandelt, erhielt aber eine schlechte medizinische Versorgung", sagt er. "Dann zog ich in die Hauptstadt Sana'a zur weiteren Behandlung. Ich hatte eine Reihe von Operationen, aber auch hier war die medizinische Versorgung schlecht."

Schließlich wurde Waleed in unser Krankenhaus in Amman eingeliefert, wo Ärzt*innen entdeckten, dass er eine schwere Infektion in seinen Knochen hatte, verursacht durch Bakterien. Gegen die verwendeten Antibiotika waren sie resistent geworden. "Die Ärzte sagten mir, dass ich die Infektion wegen des Missbrauchs von Antibiotika bekommen habe. Viele Ärzte hatten mir zuvor eine Menge Antibiotika gegeben und das hat die antibiotikaresistenten Bakterien verursacht."

Was kann man tun, wenn ein Antibiotikum nicht mehr wirkt?

Glücklicherweise gibt es verschiedene Arten von Antibiotika und die Resistenz gegen die eine Art bedeutet nicht unbedingt, dass ein anderes Antibiotikum nicht funktioniert. Ein Labor kann die Bakterien, die eine Infektion verursachen, genau bestimmen, ebenso wie die Antibiotika, gegen die es resistent ist. Das Krankenhaus in Amman ist eines der wenigen in der Region mit einem entsprechenden Labor. Zurzeit arbeiten wir daher daran, an weiteren Orten Labore einzurichten und mit externen Laboratorien zusammenzuarbeiten.

Darüber hinaus haben wir damit begonnen, unser medizinisches Personal in der Region zu schulen. Sogenannte Antibiotika-Stewardship-Programme sind der Schlüssel zur Verbesserung des Einsatzes von Antibiotika in Krankenhäusern: Dr. Marwa Qasim Mohammed gehört zu einer Gruppe von Ärzt*innen, die in Antibiotika-Stewardship ausgebildet wurden, nachdem sie zu unserem Team im Krankenhaus in Aden, Jemen, dazugestoßen sind. "Vor der Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen haben wir Antibiotika nach dem Prinzip verschrieben, dass dieses oder jenes Antibiotikum nach der Operation grundsätzlich für ein bis zwei Wochen verabreicht werden soll", sagt Dr. Marwa. Aber das habe sich geändert, so die Ärztin: "Jetzt haben wir gelernt, einem Protokoll zu folgen, das die Art des Antibiotikums definiert, das bei verschiedenen Infektionen eingesetzt werden sollte. Und wir haben spezielle Schulungen über resistente Bakterien erhalten."

Nicht erst handeln, wenn es zu spät ist

Ein weiterer wichtiger Baustein, um die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen zu verhindern, sind Maßnahmen zur Infektionsprävention und -kontrolle (IPC) in Krankenhäusern. "Das Hauptprinzip von IPC ist Hygiene", erklärt Fatima Salim Younis, verantwortlich für IPC in unserem postoperativen Krankenhaus im irakischen Mossul. Aber die Einführung geeigneter Maßnahmen ist einfacher gesagt als getan - vor allem an einem von Gewalt betroffenen Ort. „In überfüllten Gesundheitseinrichtungen ist es fast unmöglich die richtigen Verfahren zu identifizieren und anzuwenden. Es mangelt an Hilfsgütern und das Wissen des medizinischen Personals zu Antibiotikaresistenzen reicht häufig nicht aus", erklärt die Hygienespezialistin.

Eine ebenfalls entscheidende Rolle in unseren Projekten nehmen Gesundheitsberater*innen ein. Sie helfen den Betroffenen die Behandlungsmaßnahmen zu verstehen und vor allem zu akzeptieren. Denn einige Maßnahmen können für die Patient*innen ziemlich drastisch erscheinen. "Wenn Patient*innen beispielsweise gesagt wird, dass sie isoliert werden müssen, weil ihre Infektionen durch resistente Bakterien verursacht werden, machen sie sich Sorgen", sagt Amal, Gesundheitsberaterin in einem unserer Krankenhäuser in Gaza. "Aber wir sagen ihnen, dass sie immer noch ihr normales Leben führen können und die Menschen sie besuchen können - es sind nur einige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.“

Zu 90 Prozent geheilt

Waleed hat eine große Etappe seiner Genesung bereits hinter sich. Seit mehr als drei Jahren laboriert er an der Knocheninfektion, und es hat Monate der fachärztlichen Betreuung in unserem Krankenhaus gedauert, um diesen Status der Genesung zu erreichen. Seine Behandlung ist ein Erfolg, aber die Herausforderungen bei der Bekämpfung der Antibiotikaresistenz reichen weit über die Krankenstationen von Ärzte ohne Grenzen hinaus. Es ist ein globales Problem.  So werden beispielsweise in vielen Ländern, insbesondere im Nahen Osten, Antibiotika rezeptfrei verkauft.

"Wir können nur versuchen, einen kleinen Teil des Problems der Antibiotikaresistenzen zu lösen", sagt Koordinator Dr. Jorgen: "Wir haben sehr wenig Einfluss auf private Gesundheitsdienstleister, die in vielen Ländern den größten Teil des Gesundheitssystems ausmachen. Und die überwiegende Mehrheit der Antibiotika wird nicht einmal in der Medizin eingesetzt, sondern in der Tierzucht und Landwirtschaft. Auf diese Gebiete haben wir keinen Einfluss. Was wir in unseren Projekten umzusetzen versuchen, kann in unseren eigenen Einrichtungen einen großen Unterschied machen“, so Jorgen: „Aber es bedarf noch viel mehr, um das Problem der Antibiotikaresistenzen als Ganzes anzugehen."