Angriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus

Wir fordern eine unabhängige Untersuchung des Angriffs auf unsere Klinik in Kundus.

In der Nacht zum 3. Oktober 2015 wurde unser Krankenhaus in Kundus, Afghanistan, mehrmals von einem US-Flugzeug bombardiert. Dabei wurden mindestens 42 Menschen getötet, darunter vierzehn Mitarbeiter und 24 Patienten sowie vier betreuende Angehörige (die die Patienten im Krankenhaus zusätzlich betreut haben). 27 Mitarbeiter wurden verletzt, zudem viele Patienten und Pflegende. Ärzte ohne Grenzen verurteilt den Angriff aufs Schärfste.

Am 25. November 2015 präsentierte das US-Militär eine Untersuchung der Ereignisse. Laut Christopher Stokes, dem Geschäftsführer der für die Klinik verantwortlichen belgischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, stellen die Ergebnisse einen „erschreckenden Katalog von Fehlern und fahrlässigem Handeln auf Seiten der US-Streitkräfte“ dar. Der Bericht liegt Ärzte ohne Grenzen nicht vor. 

Bereits am 5. November 2015 hatte Ärzte ohne Grenzen einen eigenen Bericht zu den Luftangriffen auf die Klinik veröffentlicht. Die chronologische Dokumentation der Ereignisse vor, während und kurz nach dem Bombardement gibt keine Erklärung dafür, warum die Einrichtung angegriffen worden sein könnte. Auch der US-Bericht beantwortet diese Fragen nicht zufriedenstellend. Daher fordert Ärzte ohne Grenzendie Staatengemeinschaft weiterhin dazu auf, die durch die Genfer Konventionen geschaffene "Internationale Humanitäre Ermittlungskommission" (IHFFC) damit zu beauftragen, den Angriff zu untersuchen. Die IHFFC ist inzwischen aktiviert worden. Die Kommission wartet aber immer noch auf die Zustimmung der Vereinigten Staaten und Afghanistans, um fortfahren zu können. Mit den Hashtags #Kundus und #IndependentInvestigation fordern wir die Öffentlichkeit auf, uns bei der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung zu unterstützen. Wir bedanken uns bei allen, die sich mit uns solidarisch zeigen.

In einer Petition haben wir die USA und die Obama-Regierung dazu aufgefordert, der IHFFC-Untersuchung zuzustimmen. Die mehr als 547.000 Unterschrften haben wir am 9. Dezember dem Weißen Haus in Washington übergeben.

Der schreckliche Angriff auf unsere Klinik geschah, obwohl wir zuvor routinemäßig die exakte GPS-Lage unserer Einrichtungen mehrfach an alle Konfliktparteien kommuniziert hatten. Das Hauptgebäude des Krankenhauses, in dem das medizinische Personal die Patienten versorgte, wurde bei dem rund eine Stunde andauernden Bombardement wiederholt und sehr präzise getroffen, wie auch in diesem Video zu sehen ist. Das restliche Gelände blieb nahezu unberührt. Unsere Mitarbeiter hatten nach dem ersten Beschuss des Krankenhauses Militärverantwortliche in Kabul und Washington über die Einschläge informiert, dennoch dauerte das Bombardement noch über eine halbe Stunde lang an.

Unser Krankenhaus war die einzige Einrichtung im Nordosten Afghanistans, die chirurgische Eingriffe vornehmen konnte. Das Team dort hatte in der Zeit vor dem Angriff auf die Klinik während der schweren Kämpfe um Kundus innerhalb weniger Tage etwa 400 Verletzte versorgt. Unsere Kolleginnen und Kollegen hatten daher in den Tagen vor dem Angriff auf unser Krankenhaus Tag und Nacht durchgearbeitet. Zudem bleibt die Bevölkerung in der Region nun ohne eine dringend benötigte medizinische Unterstützung.

11. Dezember 2015