Eine Geburtsklinik für ein gezeichnetes Land

Afghanistan

In unserer Klinik in Chost in Afghanistan kommen mehr Kinder zur Welt als in jedem anderen Projekt von Ärzte ohne Grenzen. An Orten, wo es um ganz intime Hilfe geht, wie in einer Geburtsklinik, ist es in dieser konservativen Region so gut wie undenkbar zu fotografieren. Daher haben wir uns sehr gefreut, die Illustratorin Aurelie Neyret als Gast in unserem Projekt zu haben. Ihre Bilder zeigen unsere Arbeit und die Geschichten der Patientinnen auf ganz besondere Weise.

Aurelie Neyret/The Ink Link/MSF
Aurelie Neyret/The Ink Link/MSF
Aurelie Neyret/The Ink Link/MSF
Aurelie Neyret/The Ink Link/MSF

Die französische Künstlerin Aurelie Neyret illustriert eine Szene im Krankenhaus.

Wenn eine Geburt Lebensgefahr bedeutet

Das von Konflikten gezeichnete Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben in Afghanistan fast 70-mal mehr Mütter bei der Geburt als in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass in dem Land nur knapp über die Hälfte der Geburten durch geschultes Personal begleitet wird. In ländlichen Regionen wie der Provinz Chost wird die Lage dadurch verschärft, dass es nur Frauen erlaubt ist, Patientinnen zu behandeln.

Unsere Mutter-Kind-Klinik, bietet nicht nur Müttern und Neugeborenen in der Region eine sichere, gute und kostenlose Gesundheitsversorgung, sondern legt daher auch einen Schwerpunkt auf die Ausbildung von Frauen in medizinischen und paramedizinischen Berufen.

Video: Eine Geburtsklinik für ein gezeichnetes Land

Hebammen übernehmen viel Verantwortung

Der überwiegende Teil unseres Krankenhauses ist nur für Frauen zugänglich. Rund 260 Afghaninnen arbeiten hier. Das Projekt ist damit inzwischen der größte Arbeitgeber für Frauen in der Region. Nur im OP-Saal und auf der Neugeborenen-Station dürfen auch männliche Ärzte und Krankenpfleger arbeiten. Internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen das afghanische Personal. Sie bilden ihre nationalen Kolleginnen und Kollegen weiter und bieten bei komplizierten Fällen ihre Unterstützung an. Unsere Gynäkologin Katharina Weizsäcker berichtet von der Zusammenarbeit: „Die Hebammen hier sind sehr gut ausgebildet und übernehmen viele Geburten alleine, bei denen in Deutschland eine Ärztin oder ein Arzt dabei wären. So bringen sie zum Beispiel Zwillinge oder Drillinge ohne ärztliche Unterstützung zur Welt, wenn die Geburten ohne Komplikationen verlaufen.“

Aurelie Neyret/The Ink Link/MSF
Prägende Erfahrung: Selbst Patientin sein

Eine dieser Hebammen ist Farida*. Für sie war es eine sehr prägende Erfahrung, selbst Patientin zu werden. Sie brachte ihr Baby acht Wochen zu früh in unserer Klinik zur Welt und versorgte es im Anschluss auf der Neugeborenen-Station in einem speziellen Bereich für Frühgeborene.

„Die Erfahrung, mein Baby zu früh zur Welt zu bringen, hat mich zu einer besseren Hebamme gemacht“, sagt Farida. „Inzwischen würde ich sagen, ich hatte kaum eine Ahnung davon, was Frauen während der Geburt durchmachen oder wie schwer es ist, ein Frühchen zu haben. Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für die Patientinnen und bin einfühlsamer an meinen Arbeitsplatz zurückgekehrt.“

*Name geändert

Aurelie Neyret/The Ink Link/MSF
Ein Beratungsangebot für Männer

Inzwischen kommen in der Klinik pro Monat bis zu 2.000 Kinder zur Welt – mehr als in jedem anderen Projekt von Ärzte ohne Grenzen. Neben der Begleitung von Geburten und der medizinischen Erstversorgung von Neugeborenen bietet die Klinik auch geburtshilfliche Notfallmedizin und Impfungen sowie Informationen zu Gesundheitsversorgung und Familienplanung an. Einer der wenigen Räume, in denen sich Männer in dem Krankenhaus aufhalten dürfen, ist ein Aufenthaltsraum für Angehörige. Dort können sie warten, während die Frauen untersucht werden oder ihre Kinder zur Welt bringen. Während dieser Zeit haben sie die Möglichkeit, mit Gesundheitsberatern zu sprechen und sich beispielsweise über Komplikationen während der Schwangerschaft, das Stillen und Verhütungsmethoden zu informieren.

Nachhaltigkeit: Geburtshilfe an anderen Standorten ausbauen

Da sich die Klinik in Chost eigentlich auf Patientinnen konzentrieren soll, bei denen Komplikationen auftreten und ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind besteht, unterstützten wir seit 2016 auch Gesundheitszentren in abgelegenen Regionen der gleichnamigen Provinz. An verschiedenen Standorten wird so die Geburtshilfe ausgebaut. Ziel ist es, dass möglichst viele Frauen mit unkomplizierten Geburten ihre Kinder in der Nähe ihrer Wohnorte zur Welt bringen können. „Es tut gut zu sehen, dass die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen einen nachhaltigen Unterschied macht“, sagt Katharina Weizsäcker.

Comic-Zeichnungen aus der Geburtsklinik in Chost

Unsere Hilfe in Afghanistan

Ärzte ohne Grenzen war zum ersten Mal 1980 in Afghanistan aktiv. Zurzeit arbeiten unsere Teams in sechs medizinischen Projekten in fünf Provinzen vor allem in den Bereichen Notaufnahme, Kinderheilkunde und Geburtshilfe. Neben der Geburtsklinik in Chost umfassen die Projekte eine ambulante Klinik in Kundus, das Ahmad Shah Baba-Krankenhaus in Ost-Kabul, das Dasht-e-Barchi-Krankenhaus in West-Kabul, das Boost-Krankenhaus in Laschkar Gah in der Provinz Helmand und eine Einrichtung in Kandahar, in der Patienten mit resistenten Formen der Tuberkulose diagnostiziert und behandelt werden. Wir finanzieren die Aktivtäten in Afghanistan ausschließlich über Privatspenden und nehmen hierfür keinerlei staatliche Gelder an.