Ukraine

Ärzte ohne Grenzen fordert Schutz der medizinischen Einrichtungen und der Zivilbevölkerung

Das Krankenhaus von Marinka, welches 35 Kilometer westlich von Donezk liegt wurde am 26. Januar 2015 beschossen. Das gesamte Personal wurde in eine nahe gelegene Stadt umgesiedelt. Ärzte ohne Grenzen plant in und um Marinka Verteilungen von Hilfsgütern zu organisieren.

 

Während die Kämpfe im Osten der Ukraine unvermindert weitergehen, bittet Ärzte ohne Grenzen dringend alle Parteien, den Beschuss von Krankenhäusern einzustellen und sicherzustellen, dass Zivilisten sich in Sicherheit bringen können. Angesichts der zunehmenden Gewalt in den vergangenen zwei Wochen hat die Organisation ihre Unterstützung von Gesundheitseinrichtungen auf beiden Seiten der Frontlinie rasch ausgebaut. Das medizinische Personal bemüht sich nach Kräften, mit der steigenden Zahl Verletzter fertigzuwerden. Unterdessen sind Zivilisten in Städten nahe der Front infolge der heftigen Kämpfe eingeschlossen.

Die Gesundheitseinrichtungen sind weiterhin unter Beschuss, das Personal muss die Flucht ergreifen und tausende Menschen sind infolgedessen ohne medizinische Versorgung. Allein in den vergangenen zwei Wochen wurden fünf von Ärzte ohne Grenzen unterstützte medizinische Einrichtungen bei Raketenbeschuss beschädigt oder sogar zerstört.

„Zivilisten und medizinisches Personal auf beiden Seiten sind die größten Leidtragenden dieses Konflikts“, betont Stéphane Prevost, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine. „Gleichzeitig bedeutet die zusehends schlechtere Sicherheitslage, dass Hilfsorganisationen die Menschen, die dringend Hilfe benötigen, immer schlechter erreichen können.“

Tausende Menschen eingeschlossen

Am 29. Januar konnte ein Team von Ärzte ohne Grenzen Horliwka erreichen, eine der am stärksten betroffenen Städte an der Frontlinie. Tausende Zivilisten, die nicht fliehen konnten, sind in der Stadt eingeschlossen. Nur eine äußerst gefährliche Straße führt derzeit noch in die Stadt hinein und hinaus. Das Team besuchte die größte Unfallabteilung, das Hospital #2, das Ärzte ohne Grenzen seit Juni 2014 mit Material unterstützt. Während des Besuchs befanden sich mehr als 100 Verletzte in der Chirurgie; laut Angaben des stellvertretenden Krankenhausdirektors treffen täglich 30 bis 100 Notfälle ein.

„Zahlreiche Ärzte sind aus dem Krankenhaus geflohen“, berichtet Hugues Robert, Notfall-Manager bei Ärzte ohne Grenzen. „Diejenigen, die noch dort sind, arbeiten rund um die Uhr im Bestreben, sich neben den anderen Patienten auch um alle Verwundeten zu kümmern. Wir bauen diese Woche unsere Unterstützung für diese Einrichtung weiter aus, um das Personal zu entlasten und sicherzustellen, dass sie ausreichend Medikamente und medizinisches Material haben.“

Krankenhäuser unter Beschuss – Personal auf der Flucht

Vierzig Kilometer östlich der Stadt Horliwka haben heftige Gefechte sämtliche Zugangsstrassen in die Stadt Debalzewe unterbrochen. Tausende Menschen sind eingeschlossen. Der leitende Arzt des größten Krankenhauses der Stadt hat gegenüber Ärzte ohne Grenzen angegeben, dass die Mehrheit des Personals aus Todesangst geflohen ist, nachdem das Krankenhaus seit dem 23. Januar mehrmals unter Beschuss kam und dabei beschädigt wurde. Als einziger verbleibender Arzt muss er sich darauf beschränken, erste Hilfe zu leisten.

Seit September 2014 unterstützt Ärzte ohne Grenzen das Krankenhaus. Am 31. Januar gelang es einem Team, weitere Medikamente und Bedarfsmaterial wie chirurgisches Verbandsmaterial hinzuschicken. Auch das in der Nähe gelegene Krankenhaus Svitlodarsk, das ebenfalls von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird, kam am 26. Januar unter Beschuss, worauf das gesamte Personal die Flucht ergriff.

„Wir tun, was wir können, um das verbleibende Krankenhauspersonal in Debalzewe zu unterstützen, doch heftige Kämpfe hindern unsere Mitarbeiter, in die Stadt zu gelangen“, erklärt Prevost.

Nachdem die Krankenhäuser in Debalzewe und Svitlodarsk nicht mehr in Betrieb sind, strömen die Verletzten in das rund 40 Kilometer entfernte Krankenhaus von Artemiwsk. Dieses ist nun die einzig funktionierende Einrichtung in der Umgebung und nimmt Verletzte entlang der gesamten Frontlinie sowie andere Patienten auf, die zuvor aus Svitlodarsk evakuiert wurden. In den vergangenen zwei Wochen stellte Ärzte ohne Grenzen ausreichend medizinisches Bedarfsmaterial zur Verfügung, um 400 Verletzte zu versorgen, sowie Medikamente zur Behandlung chronischer Krankheiten als auch für die primäre Gesundheitsversorgung.

Außerdem kehrte am 30. Januar ein Team von Ärzte ohne Grenzen in das Krankenhaus von Marinka zurück, das 35 Kilometer westlich von Donezk gelegen ist und fünf Tage zuvor mit Material beliefert worden war. Einen Tag nach der Lieferung, am 26. Januar, wurde die Einrichtung beschossen und das gesamte Personal wurde in eine Stadt in der Nähe umgesiedelt. Ärzte ohne Grenzen hat das Krankenhaus im nahegelegenen Kurakhovo unterstützt und wird in und um Marinka Verteilungen von Hilfsgütern organisieren.

Nicht nur körperliche Wunden

Seit vor zwei Wochen die Kämpfe immer heftiger wurden, konzentrierten sich die Teams der Organisation darauf, das medizinische Personal in den am stärksten betroffenen Gebieten beidseits der Frontlinie zu unterstützen. Zusätzlich zu der Hilfe in Horliwka, Debalzewe und Artemiwsk belieferten sie medizinische Einrichtungen in Donezk, Konstantinovka, Kurakhavo, Luhansk, Mariupol, Popasnaya und Yenakijeve mit Material. Da die Region bereits seit mehr als sechs Monaten unter Medikamentenengpässen leidet, leistet Ärzte ohne Grenzen auch Unterstützung bei der Behandlung von chronischen Krankheiten wie Diabetes, Herzerkrankungen, Asthma und Bluthochdruck und spendet Medikamente an Krankenhäuser, Gesundheitszentren und Pflegeheime für ältere und behinderte Menschen. Auch Entbindungsstationen werden unterstützt. Schließlich hat der Konflikt, der nun bereits seit zehn Monaten andauert, zunehmend auch psychologische Auswirkungen. Derzeit sind 14 Psychologen von Ärzte ohne Grenzen im Einsatz, die betroffenen Menschen Einzel- und Gruppenberatungen anbieten. Unter den Patienten finden sich behinderte und verletzte Menschen, Gesundheitspersonal, Lehrer, Sozialarbeiter, Kinder und ältere Menschen.

Seit Mai hat die Organisation rund 100 medizinische Einrichtungen in den Gebieten um Donezk, Luhansk und Dnepropetrovsk auf beiden Seiten der Frontlinie mit Material beliefert. Damit konnten 15.000 Verletzte, 1.600 Schwangere und 4.000 Patienten mit chronischen Krankheiten versorgt werden. Da der Zugang der Bevölkerung zu medizinischer Versorgung zunehmend erschwert ist, unterstützt die Organisation nun auch Gesundheitszentren und Entbindungsstationen in den umkämpften Gebieten. Ferner bieten Psychologen von Ärzte ohne Grenzen Betroffenen Einzel- und Gruppenberatungen an und leiten Schulungen für lokale Psychologen, Sozialarbeiter und medizinisches Personal, die in Konfliktgebieten tätig sind. In einem Gefängnis in Donezk leitet Ärzte ohne Grenzen weiterhin ein Programm zur Behandlung resistenter Tuberkulose, das im Jahr 2011 begonnen hat.